Familienleben

Ratgeber für Eltern

Ursula Katthöfer · 29.05.2014

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Das Geschäft mit den Sorgen der Eltern boomt: In den Buchhandlungen stapeln sich die Elternratgeber. Coaches stellen ihre Erziehungskonzepte vor und werben für ihre Kurse. Die Fülle kann verunsichern. Welches Coachingkonzept passt zu mir und zu meiner Familie? Jan-Uwe Rogge, seit vielen Jahren in Sachen Erziehung unterwegs, sieht die Frage gelassen: „Kinder brauchen Eltern, die nicht alles im Griff haben wollen.“

Wenn Jan-Uwe Rogge aus seiner fast 30-jährigen Erfahrung als Familienberater erzählt, hat er die Lacher auf seiner Seite. Er schildert die Mutter, die ihrem Kind morgens um sechs unter Schmerzen die Dinkelbrötchen backt. Die Mutter, die ihr Kind mit Bachblüten stilllegt. Oder diejenige, die selbst die Oma erzieht und ihr vorschreibt, was das Kind abends mit Opa im Fernsehen gucken darf. „Sollten Sie denken, dass ich mir diese Beispiele ausdenke, überschätzen Sie meine Kreativität“, sagt Rogge. „All das sind Beispiele aus meiner Praxis.“

Für seine Vorträge und Seminare reist er quer durch Deutschland und Österreich. Sein Credo: „Eltern glotzen ständig und diagnostizieren unaufhörlich. Kinder brauchen heutzutage eine ungeheure Kraft, sich dem Förderwahn zu widersetzen.“ Seine Schlussfolgerung: „Eltern brauchen Grenzen. Und Eltern dürfen durchdrehen. Dann sind sie normal.“

Aus, halt, stopp! Machen wir als Eltern denn alles falsch? Wir lesen doch ständig, dass die Kinder heutzutage viel schlechter erzogen seien als früher. Wir hören von Erzieherinnen und Lehrerinnen, dass unsere Kinder zu frech, zu langsam, zu unkonzentriert und zu schlecht ernährt seien. Warum also keine Bachblüten und Dinkelbrötchen? „Sie machen einen richtig guten Erziehungsjob. Wirklich gut“, entgegnet Rogge. „Aber Ihnen reicht das nicht. Sie wollen perfekt sein.“ Doch Erziehung sei nun einmal „wirkungsunsicher“.

Väter sind anders

Damit wendet Rogge sich vor allem an die Mütter. Die Väter in seinem Publikum fragt er: „Seid Ihr freiwillig hier oder musstet Ihr mit?“ Viele Elternpaare bezeichnet er als virtuell erziehend: „Beide leben zusammen. Er kommt um 19 Uhr nach Hause und bringt alles durcheinander.“ Doch Kinder liebten die Unterschiedlichkeit der Erziehungsstile. Nach dem Motto: Wenn Mama nein sagt, frage ich Papa.

Wie sehr die Haltung der Eltern sich in den vergangenen Jahrzehnten verändert habe, sehe er in seinen Gesprächen: „Vor 35 Jahren hatten die Kinder einen Namen. Heute haben sie eine Rolle: Einzelkind, Sandwichkind, Problemkind.“ Doch Eltern sollten sich von dem Gedanken trennen, dass alles nach ihren Vorstellungen laufe. Schlimm sei der Satz: Wir müssen alle an einem Strang ziehen. „Schon beim Wort Strang muss ich an John Wayne denken“, sagt Rogge.

Es sind die überzeichneten Figuren und die bestens in Szene gesetzten Dialoge, mit denen Jan-Uwe Rogge seine Zuhörer zum Lachen bringt. Und mit denen er ihnen gleichzeitig den Spiegel vorhält. „Ich könnte Ihnen das auch wissenschaftlich erklären“, sagt der ehemalige wissenschaftliche Mitarbeiter der Universität Tübingen. Statt dessen setzt er auf Unterhaltung: „Erziehung hat mit Lachen, Humor und Leichtigkeit zu tun.“

Elterncoaching: Konzepte im Vergleich

In seinem jüngsten Buch „Der große Erziehungs-Check“ vergleicht Jan-Uwe Rogge zehn unterschiedliche Erziehungskonzepte. Manche haben richtungsweisende Namen wie „FuN“ oder „Kess-erziehen“. Andere klingen mehr nach Bürokratie wie „Familienrat“ oder „Familienkonferenz“. KÄNGURU stellt drei der bekannteren Konzepte vor.

STEP - das Systematische Training für Eltern und Pädagogen

Dieses Konzept stammt aus den USA. Es betont das Zusammengehörigkeitsgefühl in der Familie und betrachtet das Kind als gleichwertigen Partner. Probleme werden in einer Familiensitzung gemeinsam besprochen und Lösungen ausgehandelt. So sollen Kinder lernen, sich Herausforderungen zu stellen. Überschreitet das Kind seine Grenzen, muss es auch die Konsequenzen tragen. Ziel ist, dass das Kind Verantwortung entwickelt. Es erfährt, dass es nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten hat.

STEP will den Eltern mehr Freude an der Erziehung bereiten und sie von dem Anspruch entlasten, alles richtig machen zu müssen. Das Programm vermittelt entwicklungspsychologisches Wissen, damit Eltern ihre Kinder nicht überfordern. Auch lernen sie, ihre Kinder genau zu beobachten und deren Verhalten vor dem Hintergrund des Entwicklungsstandes einzuschätzen. Gut geeignet für Eltern, die sich grundsätzlich für Erziehungsfragen interessieren.

www.instep-online.de

Starke Eltern – Starke Kinder®

Dieses Elternbildungsangebot des Deutschen Kinderschutzbundes ist weit verbreitet und niedrigschwellig angelegt. Es wird von speziell ausgebildeten Moderatoren in vielen Volkshochschulen und Familienzentren vermittelt. Das Programm ist sehr kindzentriert und geht davon aus, dass Kinder ein Recht auf gewaltfreie Erziehung haben. Über Erkenntnisse aus der Entwicklungspsychologie lernen Eltern, ihre Kinder besser einzuschätzen. Das Programm ermutigt dazu, auf die Fähigkeiten zu vertrauen, die Kinder bereits mitbringen. Es setzt auf Problemlösung durch Absprachen, Grenzen und Konsequenzen, die in der Familie besprochen werden.

Obwohl das Programm die Kinder in den Mittelpunkt stellt, leitet es auch die Eltern an, ihre eigenen Gefühle zu akzeptieren und darüber nachzudenken. Sie erhalten nicht nur konkrete Erziehungstipps, sondern auch Anregungen, um sich persönlich weiterzuentwickeln. Nicht zuletzt können sie so gute Vorbilder sein.

www.sesk.de

Triple P – „Positive Parenting Program" oder „Positives Erziehungsprogramm“

Dieses Konzept aus Australien setzt auf Verhaltenstherapie. Sein Motto lautet: „Gebt euren Kindern klare Botschaften vor, dann vermittelt ihr ihnen Halt und Orientierung.“ Triple P fordert dazu auf, zwischen der Persönlichkeit des Kindes und dem aktuellen Fehlverhalten zu unterscheiden. Erziehungstechniken sollten das Verhalten im Blick haben, jedoch nie dem Kind das Gefühl geben, es werde als Persönlichkeit abgelehnt.

Das Programm eignet sich für Eltern, die schnelle Lösungen für ihre Erziehungsprobleme suchen. Weniger gut geeignet ist es, wenn Eltern und Kinder bereits schwere Probleme miteinander haben.

Jan-Uwe Rogge stellt dem Programm kein gutes Zeugnis aus: Bei Techniken wie der „Auszeit“ oder dem „stillen Stuhl“ bestehe die Gefahr, dass Kinder sich abgelehnt und gedemütigt fühlen. Diese Maßnahmen würden als Übergriff gegen die kindliche Persönlichkeit empfunden. Auch unterschätze Triple P die Ressourcen und Stärken, die Eltern mitbringen.

www.triplep.de

Aus:
Jan-Uwe Rogge
Der große Erziehungs-Check: Die besten Konzepte im Vergleich
Verlag Klett-Cotta 2014, ISBN 978-3-608-94536-2, 19,95 Euro