Rund ums Baby

Psychosoziale Beratung

Ursula Katthöfer · 01.09.2014

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Interview mit Matthias Heidrich. Er berät Frauen und Paare, die nach der Pränataldiagnostik (PND) erfahren haben, dass sie ein Kind mit Behinderung oder Krankheit erwarten.

BabySpezial: Was treibt die Frauen zur PND? Ist es der Wunsch nach einem Designerkind?

Nein, der Wunsch nach einem Designerkind ist es nicht. Dieser Begriff wird manchmal von Menschen verwendet, die die PND und die Reproduktionsmedizin pauschal ablehnen; es wird da bisweilen ein Schreckensszenario formuliert, das von der Realität weit entfernt ist.
Zum einen nehmen Frauen PND in Anspruch, weil sie sich die Bestätigung erhoffen, dass mit ihrem Kind „alles in Ordnung“ ist. Die PND ist für sie eine Möglichkeit der Vergewisserung. Dazu nehmen viele auch IGeL-Leistungen in Anspruch, für deren Kosten sie selbst aufkommen müssen. Zum anderen gibt es von Gynäkologen Überweisungen zu einer speziell für PND qualifizierten Praxis, wenn es einen abklärungsbedürftigen Befund gibt.

Baby Spezial: Was kann die Diagnostik denn überhaupt leisten?

Durch die Pränataldiagnostik können heute Kinder leben, die es vor wenigen Jahren oder Jahrzehnten noch nicht konnten. Durch die vorgeburtliche Erkennung können Hilfen noch vor der Geburt eingeleitet oder eine sofortige Betreuung nach der Geburt sichergestellt werden. Da sind die diagnostischen und medizinischen Möglichkeiten ein großer Erfolg für das Leben.
Andererseits ist zu bedenken, dass die Schere von Diagnose- und Therapiemöglichkeiten immer weiter auseinandergeht. So liegen bei Gendefekten wie der Trisomie 21, dem Down-Syndrom, immer größere diagnostische Erkenntnisse vor. Doch diese Defekte kann man nicht lindern oder beheben. Deshalb kommt die Frage, was dieses Kennen der Auffälligkeit für die Frau bedeutet und welche Konsequenzen daraus gezogen werden sollen. Es wird deutlich, wie wichtig gerade hier eine psychosoziale Beratung ist. Denn die PND allein kann diese Frage nicht beantworten. Der Arzt kann zwar diagnostizieren, aber was der Befund im praktischen Leben bedeutet, ist mit der Diagnose noch nicht gesagt. Bei der Trisomie 21 kann man nie sagen, wie diese sich konkret auswirkt.

BabySpezial: Wer fängt die Frauen auf, die eine beunruhigende Diagnose erhalten haben?

Weil es nach einer beunruhigenden Diagnose immer um mehr als medizinische Fragen geht, ist jeder Arzt verpflichtet, die Frau auf die Möglichkeit der psychosozialen Beratung hinzuweisen und sie – ihr Einvernehmen  vorausgesetzt – dorthin zu vermitteln. Je nach Kooperationsform zwischen Beratungsstelle und PND-Praxis findet die Beratung auch in den Räumen der Praxis oder Klinik statt. Neben dem ärztlichen und beraterischen Kontakt spielen natürlich auch der Partner, Freunde und Familie eine ganz wichtige Rolle.

BabySpezial: Wie ist die erste Reaktion dieser Frauen?

Meistens entsteht der erste Kontakt kurz nach einem auffälligen Befund. Schock, Entsetzen und Fassungslosigkeit bestimmen oft die erste Reaktion. Es bricht eine Welt zusammen.

BabySpezial: Wie können Sie am ehesten helfen?

Zunächst geht es um Krisenintervention, oft ist anfangs noch keine Beratung im eigentlichen Sinne möglich.
Die Beratung steht vor allem für alle nichtmedizinischen Fragen zur Verfügung. Der Begriff „psychosoziale Beratung“ umreißt, worum es geht: Beratung ist ein dialogischer Prozess, in dem die psychische Verfassung primär der Frau, aber auch des Paares im Mittelpunkt steht. Sie ist ein lösungsorientierter Prozess, der dazu führt, eine Entscheidung zu treffen, mit der das Paar dauerhaft leben kann.

Die Beratung dient der Entschleunigung; die Frau soll Ressourcen entdecken und möglichst viele Facetten in den Blick nehmen. Beratungsstellen arbeiten in einem Netzwerk, das Hilfsangebote bereithält. Die Paarbeziehung kommt in den Blick.Niemand soll sagen müssen: Wenn ich dieses oder jenes noch bedacht hätte, hätte ich mich anders entschieden.

Auch nach der Entscheidung bietet die Beratungsstelle Kontakte und nachgehende Begleitung an. Donum Vitae NRW berät wie alle Träger auf der gesetzlichen Grundlage, hinzu kommt der christliche Wertehintergrund.

BabySpezial: Wann sollte die psychosoziale Beratung beginnen?

Am besten schon vor der PND. Gerade weil sie heute so selbstverständlich ist, lohnt es sich, schon vor der PND für sich zu klären: Was möchte ich wissen? Wozu sollen mir die Informationen dienen? Es gibt auch ein Recht auf Nichtwissen, das heißt, niemand muss eine pränataldiagnostische Untersuchung vornehmen lassen oder sich nach einer Untersuchung das Ergebnis mitteilen lassen. Daraus darf der Frau kein Nachteil entstehen.
Ein weiteres wichtiges Feld ist die Beratung von Frauen, die bereits entweder einen Schwangerschaftsabbruch nach medizinischer Indikation erlebt haben oder die mit einem Kind mit einer Krankheit oder Behinderung leben. Oftmals besteht der Wunsch nach einer weiteren Schwangerschaft, der entweder mit der Angst vor einem erneuten auffälligen Befund oder mit der Sorge der Überforderung durch ein weiteres Kind verbunden ist. Hier kann die psychosoziale Beratung begleitend helfen. In diesem Zusammenhang ist es auch sehr wichtig, eine humangenetische Beratung in Anspruch zu nehmen.

BabySpezial: Vielen Dank.

Matthias Heidrich ist Referent beim Landesverband Donum Vitae NRW e.V. mit Sitz in Köln. Er arbeitet auch in der psychosozialen Beratung von Frauen und Paaren. Beratungsstellen unter www.nrw-donumvitae.de.

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