Familienleben

Väter: Elternzeit ist keine Heldenzeit – aber immer beliebter

Redaktion · 02.02.2018

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© Kura

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Es gibt viele Gründe für Väter, mehr als die obligatorischen zwei Partnermonate Elternzeit zu nehmen – und so manche Männer tun das auch schon. Unser Autor Jürgen Kura hat mit einigen von ihnen gesprochen. Wieso entscheiden sie sich für eine so lange Elternzeit? Und wie erleben sie sie?

In Köln nehmen rund 35 Prozent aller Väter Elternzeit. Dies sind etwas mehr als im Bundesdurchschnitt und viel mehr als allgemein in Nordrhein-Westfalen mit 26,8 Prozent. Allerdings sind es noch lange nicht so viele wie in Bonn (38,4 Prozent) oder gar in Münster (42,7 Prozent). Insgesamt rangiert Nordrhein-Westfalen bei der Beteiligung von Vätern an der Elternzeit in der Statistik der Bundesländer auf dem vorletzten Rang – weit hinter Sachsen und Bayern. Von den Kölner Elternzeit-Vätern bleiben immerhin 30 Prozent – es sind jährlich mehr als tausend – länger als die obligatorischen zwei Partner-Monate zu Hause.

Nach schwedischem Vorbild? Nicht ganz …

Rückblick: Als in Deutschland zu Beginn des Jahres 2007 das Recht auf Elternzeit mit zwei zusätzlichen Partner-Monaten nach schwedischem Vorbild eingeführt wurde, verfolgte man hauptsächlich zwei Ziele: eine frühere Rückkehr von Müttern in den Beruf und eine bessere Gleichstellung von Frauen und Männern. In Schweden beträgt das Elterngeld allerdings 80 Prozent und bis zu 4.000 Euro des Netto-Einkommens statt wie in Deutschland nur 65 Prozent mit bis zu 1.800 Euro Lohnersatz. Und es kann dort ganz flexibel bis zum 14. Lebensjahr des Kindes verteilt bezogen werden. In Schweden setzt man zudem auf eine gute Vorbereitung der Väter in „Väterkursen“.

Die Anreize und die Vorbereitung sind also höher – abgesehen von einer besseren Versorgung mit qualifizierter Kinderbetreuung. Dass aber nicht noch mehr Väter in Deutschland freiwillig länger als zwei Monate aus dem Arbeitsleben ausscheiden, hat noch andere Gründe: Der meist geringere Verdienst von Frauen und häufig die traditionelle Vorstellung, dass für die Versorgung der Kinder hauptsächlich die Mutter zuständig sein solle und dies auch am besten könne. Doch die internationale Bindungs-Forschung bestätigt dies nicht. Die Universität Stockholm fand zudem heraus, dass durch mehr Väter-Zeit die Paar-Zufriedenheit gesteigert wird und das Scheidungs-Risiko sinkt.

Als Mann sechs Monate und länger in Elternzeit? Wer macht denn sowas?

Eine lange Elternzeit muss einfach finanzierbar sein. Meist nehmen sie diejenigen, die es sich leisten können, auf 35 Prozent ihres Einkommens zu verzichten. Das gilt vor allem in Städten mit hohen Mieten – wie Köln oder Bonn. Ein Einkommensverzicht funktioniert dann am besten, wenn die berufstätigen Partnerinnen der Väter mindestens gleich viel oder mehr Geld als sie verdienen. Oder die Ansprüche noch nicht so hoch sind, wie zum Beispiel bei Studenten. Des Weiteren sind es öffentliche Angestellte und Beamte wie z.B. Lehrer, die gut verwaltet werden. Und dann gibt es noch die Ingenieure, Informatiker, Pädagogen, spezialisierte Kreative und Hochqualifizierte, die wissen, dass sie mit ihrem Fachwissen unverzichtbar für ihre Unternehmen sind. Lange Zeit aus dem Job auszusteigen ist eben nicht nur für Mütter ein in Kauf genommenes Risiko, sondern auch für Väter. Aber eins, das sie im Griff haben wollen. Die Zielgruppe der Akademiker und der gut verdienenden Mittelschicht war übrigens von Anfang an im Fokus der Elternzeit-Gesetzes-Macher.

Väter brauchen (fast) das gleiche wie Mütter

Väter in Elternzeit sind keine Superhelden. Sie stehen tagtäglich vor den gleichen Herausforderungen des Alltags, vor denen auch Mütter stehen. Sie müssen die Bedürfnisse des Kindes befriedigen und den Haushalt organisieren. Dafür haben sie aber oft in ihrem eigenen Vater kein selbst erlebtes Rollen-Vorbild. Aus ihrer Sicht erobern sie Neuland, wenn sie Krabbelgruppen und Elternstart-Angebote besuchen. Dort werden sie von den (meist) weiblichen Leitungen oft euphorisch begrüßt und nicht etwa ausgeschlossen. Ihre Integration in die klassische Familienbildung funktioniert also prima.

Es gibt jedoch Wünsche der Elternzeit-Väter, die in Mütter-Gruppen nicht gestillt werden können: Väter wollen sich als „Gleicher unter Gleichen“ fühlen, sich mit anderen Vätern über ihre Erfahrungen austauschen und eine eigene Perspektive auf die Vaterschaft entwickeln. Dabei geht es nicht „nur“ ums Kind, sondern auch um Organisatorisches, wie die Vereinbarkeit von Familien- und Arbeitsleben, die Kita-Platz-Suche oder schlicht um die Wohnungs-Renovierung. Angebote, die sich ausdrücklich an Väter richten, gibt es zwar, sie sind aber noch rar (siehe Servicebox).

Elternzeit verändert Männer

Die meisten Väter gehen im Anschluss an ihre Partnerin in Elternzeit, wenn das Baby bereits etwas größer ist und nicht mehr gestillt wird. Womit die Väter häufig nicht rechnen: Durch die lange gemeinsame Zeit mit dem Kind verändern sie sich. Man(n) werde „empathischer“ und „Multi-Tasking-fähiger“, „stressresistenter und gelassener“, sagen sie. Sie lernen auch „schlechte Tage“ kennen. Sie wissen, was es bedeutet, sich allein um ein erkranktes Kind zu kümmern. Die Bindung wächst da ganz von alleine. Und natürlich auch durch die tagtäglichen gemeinsamen Entwicklungs-Erfahrungen. Aus diesen Gründen wollen viele der Väter in langer Elternzeit auch danach für ihr Kind da sein: sei es durchs Homeoffice, eine Arbeitszeitreduzierung oder Teilzeit. Oder indem sie zu einem anderen Arbeitgeber wechseln, der nichts dagegen hat, wenn der Vater auch mal beim kranken Kind zu Hause bleibt.

Fazit: Eine längere Elternzeit von Vätern ist keine Heldentat. Sie muss aber gut geplant sein, genauso wie die Zeit danach. Aktive Väter entlasten ihre Partnerinnen bei der Familienarbeit, sie mindern den Druck auf die Betreuungsangebote für Unter-Dreijährige und sie stärken die kindliche Entwicklung. Aber es gilt das Motto: Keine „neuen“ Väter ohne familienfreundliche Arbeitgeber!

Erfahrungsberichte

Väter-Elternzeit

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Lukas König (23) nimmt die gesamten zwölf Monate der Elternzeit in Anspruch. Acht Monate davon hat er schon hinter sich gebracht. Er unterbricht dafür sein Studium als angehender Grundschul-Lehrer. Seine Freundin befindet sich im Referendariat und ist somit Hauptverdienerin. Er sagt: „Das schlimmste war die Langeweile am Anfang, als das Baby außer Schreien und Schlafen nichts konnte“. Er hat mit dem Kinderwagen ganz Köln umwandert. Als seine Tochter die ersten Schritte machte, hat er vor Aufregung nicht geschlafen.

Väter-Elternzeit

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Georg Schmidt (43) aus Bergisch-Gladbach blieb sogar zehn Monate zu Hause. Die letzten zwei Monate davon war seine Frau, die mehr Gehalt als er hatte, die Alleinverdienerin. Von ihr übernahm er das Ritual, regelmäßig zum „Stilltreff“ zu gehen. Dort fühlte er sich anfangs als der männliche Exot unter Müttern, galt aber nach ein paar Monaten als „Experte für Beikost“. Der Dipl.-Maschinenbauer sagt aber auch: „Jeder Mann, der behauptet, er wechsle gerne Windeln, lügt.“ Bei seinem neuen Arbeitgeber ist Homeoffice in der Planungsphase.

Väter-Elternzeit

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Für Simon Scheithauer (31) und seine Partnerin war von Anfang an klar: Die Elternzeit wird geteilt: Jeder macht sechs Monate. Das Paar verdient gleich viel Geld. Die französischen Verwandten seiner Freundin empfanden ein halbes Jahr Berufs-Ausstieg der Mutter als „sehr lang“, deutsche Bekannte dagegen als „sehr kurz.“ Simon traf sich regelmäßig mit Müttern in Elternzeit und verbrachte die meiste Zeit im Kleingarten. Anschließend begann der Architekt, der zuvor in einem kleinen Privatunternehmen beschäftigt war, im öffentlichen Dienst zu arbeiten. Dort profitiert er heute von der Flexibilität der Gleitzeit.

„Sieben Tipps für Väter in Elternzeit“

1. Vatersein beginnt nicht erst mit der Geburt. Informiere dich als werdender Vater deshalb gut – nicht nur über die Regelungen zur Elternzeit.

2. Vereinbare mit deiner Partnerin regelmäßige Gespräche in angenehmer Atmosphäre über die Aufteilung der Elternzeit und eurer Rollen.

3. Nimm in der Elternzeit Termine und Treffpunkte mit anderen Eltern und Babys wahr. Ob Stilltreff, PEKiP-Gruppe oder Babymassage – auch du darfst dabei sein.

4. Keine Scheu davor, „allein unter Frauen“ zu sein! Einer muss ja anfangen ...

5. Tausche dich mit anderen Vätern aus. Suche unter den Stichworten „Väter-Treff“ oder Väter-Café“ oder „Väter in Elternzeit“ im Internet. Wenn es kein Angebot in deiner Nähe gibt: Gründe selber eins!

6. Plane die Vereinbarkeit von Familie und Beruf für die Zeit danach. Sei klug und mutig gegenüber deinem Arbeitgeber!

7. Genieße die Zeit mit deinem Kind – auch wenn du den Tag verschläfst. Sie ist wertvoll.

Service

Informationen und Hotline zur Elternzeit: www.mkffi.nrw/elterngeld-und-elternzeit

Alles rund um das Vatersein in NRW: www.vaeter.nrw

Väter in Köln e.V. bietet viele Möglichkeiten, sich mit anderen Elternzeit-Vätern per WhatsApp und Mailingliste zu vernetzen und zu treffen: www.koelnervaeter.de/vaeter-in-elternzeit

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