Familienleben

Eltern werden und trotzdem ein Paar bleiben

Janina Mogendorf / Fotos Adobe Stock · 29.07.2020

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Es gibt viele Gründe, warum eine Beziehung in die Krise geraten kann. Krankheiten, Untreue oder finanzielle Schwierigkeiten können Auslöser sein. Auch die Corona-Pandemie mit den verbundenen wirtschaftlichen Problemen wird das ein oder andere Paar an den Rand der Verzweiflung getrieben haben. Oftmals aber liegt die Ursache auch einfach im Familienalltag. Gerade junge Eltern erleben eine herausfordernde Zeit. Durch Schlafmangel, Stress und Überforderung mutieren kleine Streitereien plötzlich zu einer echten Krise. Was aber können Eltern tun, deren Paarbeziehung auf der Strecke zu bleiben droht?

„Mit einem Kind ändert sich alles!“ Diesen Satz hören werdende Eltern nur allzu oft von erfahrenen Müttern und Vätern. Aber was genau bedeutet er? Wie können sich Paare auf die Veränderungen vorbereiten, die das Leben als Familie vor allem zu Beginn ordentlich durcheinanderwirbeln? Und auf welche Weise hält man als Elternpaar seine Liebesbeziehung in Takt? Martin Gnielka hat als Paarberater bei pro familia Köln immer wieder mit jungen Eltern zu tun, deren Partnerschaft durch die Elternschaft auf eine harte Probe gestellt wird.

Jedes Kind ist anders. Das macht es schwer, sich vorzubereiten.

Woran aber liegt das? „Babys sind unglaubliche Bedürfnisbündel und nehmen keine Rücksicht auf ihre Eltern“, sagt Gnielka. Viele Paare blenden diese Tatsache aus, wenn der Wunsch nach einem gemeinsamen Kind wächst. Die Sehnsucht nach einer Familie ist bei vielen so groß, dass die Belastungen, die damit zusammenhängen, gerne verdrängt werden. „Das ist ein guter Trick der Natur“, schmunzelt der Paarberater, denn andernfalls kämen wahrscheinlich weniger Kinder zur Welt.

Viele Eltern nutzen die neun Monate Schwangerschaft, um sich auf die Entbindung und die Zeit danach vorzubereiten. „Das ist gut, aber es wird immer einen Teil geben, auf den man sich nicht vorbereiten kann“, gibt Gnielka zu bedenken. Da helfe auch die Lektüre von zehn Ratgebern nicht. Jedes Kind ist anders: Die einen schreien viel, andere trinken nicht gut oder haben gesundheitliche Probleme. Natürlich gibt es auch entspannte Babys, die früh durchschlafen und immer ein seliges Lächeln auf den Lippen tragen. Aber das kann man eben vorher nicht wissen.

Wenn aus erwachsenen Partnern Mütter und Väter werden

Nicht nur das Kind ist ein kleines Überraschungsei, auch die Frage, wie Lars als Vater oder Moni als Mutter sein werden, lässt sich vorher nicht zweifelsfrei beantworten. Denn Eltern zu werden bedeutet immer auch, eine neue Identität zu entwickeln. Es gibt verschiedene Dinge, die einen erwachsenen Menschen ausmachen. Moni ist Anwältin, Lars hat eine Gärtnerei, er ist Fußballspieler, sie eine echte Dekoqueen, er kann gut zuhören, sie ist immer hilfsbereit. Auch innerhalb ihrer Partnerschaft haben beide eine gewisse Rolle übernommen.

Mutter mit Baby

„Plötzlich Vater und Mutter zu sein bedeutet einen ziemlichen Umschwung, der auch auf der psychischen Ebene viel verändert.“ Mit einem Mal zeigt sich, wie das Paar der neuen großen Verantwortung gewachsen ist, wie die Partner mit Stress umgehen und mit Schlafmangel. Eltern entwickeln einen Beschützerinstinkt und empfinden eine nie gekannte Liebe für ihr Kind. Möglicherweise hadern sie aber auch damit, dass sich ihre Mutter- oder Vatergefühle nicht so selbstverständlich eingestellt haben, wie gedacht. In dieser neuen Lebensphase gibt es viel zu verarbeiten.

Gleichzeitig können sich frischgebackene Eltern nicht einfach mal zurückziehen und sich um sich selbst kümmern. Denn: „Eltern erleben einen großen Autonomieverlust“, macht Gnielka deutlich. Sie haben viel weniger Zeit und Raum für sich selbst, um ihren persönlichen Bedürfnissen gerecht zu werden. Etwa Hobbys nachzugehen, eine Runde durch den Wald zu laufen, schwimmen zu gehen oder in die Sauna. „Vor allem Mütter wünschen sich, einfach nur mal in Ruhe ausschlafen zu können.“ Gerade, wenn die Kinder noch klein sind, kommen diese Dinge oft zu kurz.

Wichtig: die Balance zwischen Bindung und Autonomie

Und doch ist es wichtig, sich Freiräume zu schaffen. „Denn das Geheimnis einer gelingenden Paarbeziehung ist die Balance zwischen Bindung und Autonomie“, erklärt Gnielka. Bei jungen Eltern steht die Bindung durch die neue Dreisamkeit stark im Vordergrund. Diese können sie aber nur genießen, wenn sie auch mal mit sich und ihren Gedanken alleine sein dürfen. Denn einfach mal durchatmen und zu sich kommen, den Akku wieder aufladen zu können, ist ein grundlegendes Bedürfnis. Und eine gesunde Partnerschaft wird den Bedürfnissen beider Partner gerecht.

Wo die Anliegen des einzelnen in der Familie längerfristig nicht befriedigt werden, steigt das Konfliktpotential. Martin Gnielka erklärt, was Paare idealerweise schon im Vorfeld tun können, damit es nicht so weit kommt. „Es ist hilfreich, schon vor der Geburt des Kindes darüber zu sprechen, wie man sich das Familienleben wünscht.“ Aber auch wenn die Kinder das sind, ist ein regelmäßiger Austausch wichtig. Je genauer die Partner ihre Vorstellungen entwickeln und abgleichen, desto weniger Streit gibt es. Das reicht von: Wer nimmt wann wieviel Elternzeit? bis hin zu: Wie regeln wir den Haushalt und die Versorgung des Kindes?

Partnerschaft braucht Zeit

Auch die Frage, wie wollen wir als Eltern unsere Paarbeziehung weiterleben, spielt eine wichtige Rolle. Und dabei geht es nicht nur um Romantik, sondern auch um pragmatische Absprachen. „Partnerschaft braucht Zeit und je stressiger der Alltag, desto schwerer ist es, als Paar zueinander zu finden.“ Deshalb ist es sinnvoll, frühzeitig zu klären, wie das Netzwerk zur Kinderbetreuung aussehen kann und wo die Familie im Alltag Unterstützung erhält. „Eltern müssen nicht den Anspruch haben, alles alleine hinzukriegen. Wer sich helfen lässt, schützt damit auch die Partnerschaft.“

Wer sich regelmäßig offen über solche Dinge austauscht, vermeidet, dass kleine Alltagsprobleme zu handfesten Krisen werden. „Viele Paare machen den Fehler und agieren nur noch als Mutter und Vater. Sie sitzen dann oft ganz verzweifelt hier und dann lautet mein erster Rat: Sorgen sie dafür, dass jemand auf das Kind aufpasst und nehmen sie sich Zeit, nur für sich als Paar“, so Gnielka. Raus aus dem Haus, wo sich die dreckige Wäsche stapelt und man darum zankt, wer das Baby zuletzt gewickelt hat. Ein regelmäßiger Tapetenwechsel hilft, aus der Alltagsspirale auszubrechen und sich als Paar neu in den Blick zu nehmen.

... sich als Paar wieder finden und neu erfinden

Wer der Partnerschaft auf diese Weise Raum gibt, öffnet die Tür für zärtliche Gefühle und Nähe. „Man kann an das anschließen, was vor dem Baby war, muss sich in der neuen Situation aber auch als Paar neu erfinden.“ Das geht nicht von heute auf morgen, sondern kostet Zeit, Kraft und – wenn man einen Babysitter bezahlen muss – auch Geld. „Zudem dürfen Paare nicht erwarten, dass sie sich eine Insel schaffen und diese dann sofort ein Paradies ist“, verbildlicht Gnielka. Schließlich lösen sich Erschöpfung, Stress und Ärger nicht sofort in Luft auf, nur weil man bei einem Wein im Restaurant sitzt.

Vor allen bei den ersten Paarabenden schweifen die Gedanken gerne zum Kind. „Vielen fällt es schwer, sich zu lösen und anderen die Verantwortung zu übertragen. Eltern müssen erst lernen, darauf zu vertrauen, dass ihr Kind gut versorgt ist und dass sie das Recht haben, sich Zeit für ihre Partnerschaft zu nehmen.“ Je regelmäßiger sie sich einander widmen, desto mehr werden sie ihre Zweisamkeit wieder zu genießen. Zu Beginn sind es zwei Stündchen beim Italiener um die Ecke nach einer Weile darf es auch mal Kino oder Theater in der Innenstadt sein.

Lust auf Lust entwickeln

Wo die Liebesbeziehung wieder einen größeren Stellenwert bekommt, wächst auch der Wunsch nach Intimität. Ein Thema, das bei jungen Eltern oft hintenansteht. In den ersten Wochen und Monaten als Familie gibt es viele Faktoren, die ein entspanntes Sexualleben behindern können. Fehlende Ruhe im Familienbett, Müdigkeit oder körperliche Probleme nach der Entbindung können die Lust beeinträchtigen. „Das ist kein Grund zur Beunruhigung“, beruhigt Gnielka. „Eine Erholungsphase ist wichtig und junge Elternpaare sollen sich keinesfalls unter Druck setzen.“

erschöpfter Vater mit Baby

Irgendwann jedoch ist es gut, wenn wieder ein Einstieg in Zärtlichkeit und Sexualität gelingt, denn sie sind für die meisten ein wichtiger Teil der Paarbeziehung - nicht nur auf körperlicher, sondern auch auf seelischer Ebene. „Sex ist eine der intensivsten Formen, Nähe in der Partnerschaft zu erleben “, so Gnielka, „es ist ein wichtiges Gefühl, sich wieder als begehrenswerte Frau und als begehrenswerter Mann zu erleben - und als Liebespaar zu begegnen.“

Richtig und respektvoll miteinander reden

Wie aber kommuniziert man richtig? „Zunächst sollten sich die Partner darüber klar sein, was sie sich in der Beziehung wünschen und was ihnen fehlt. Dann gilt es, diese Aspekte anzusprechen, jedoch nicht als Vorwurf oder Schuldzuweisung formuliert.“ Statt, ‚was ist hier schon wieder für ein Chaos, du könntest auch mal wieder was wegräumen‘, lieber, ‚mir geht es nicht gut damit, dass hier so viel rumliegt und alleine aufzuräumen überfordert mich gerade, weil...‘ „So zu kommunizieren ist eine hohe Kunst und manchmal braucht man eine unbeteiligte Person, die Übersetzungshilfe leistet“, sagt der Paarberater.

„Es gibt für Eltern immer wieder herausfordernde Lebensphasen. Vor allem, wenn die Kinder noch klein sind und dann, wenn sie autonomer werden und schließlich das Haus verlassen, kann es schwierig werden.“ Und natürlich wird es auch dazwischen immer Auf und Abs geben. Haben die Partner das Gefühl, auf eine echte Krise zuzusteuern, können sie sich Hilfe bei einer Beratungsstelle zu suchen. „Sie müssen da nicht alleine durch. Oft hilft es schon ein neutraler Zuhörer, um nicht gleich wieder in eine Streitschleife zu geraten“, ist Gnielkas Erfahrung.

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Anerkennung und Wertschätzung

„Wenn Paare erkennen, über welche Nichtigkeiten sie streiten, führt das im besten Fall zu einem gemeinsamen Lachen“, sagt Martin Gnielka. In der Beratung gibt er Elternpaaren noch etwas mit: „Die Anerkennung dafür, dass sie eine sehr belastende Zeit durchmachen.“ Und gerade in solchen Phasen ist es wichtig zu erkennen, dass der andere sein Bestes gibt und das auch zu wertschätzen. „Es tut gut zu hören: Du bist eine tolle Mutter oder ein toller Vater und gut und richtig so, wie du bist. Mein Partner sieht und akzeptiert mich mit allen Stärken und Schwächen.“

Ein Weg aus der Krise lässt sich am besten gemeinsam finden. Häufig sind es allerdings eher Frauen, die bei Beziehungsproblemen professionelle Hilfe suchen. „Männer zögern eher, sei es, weil ihr Leidensdruck nicht groß genug ist oder sie sich schämen, Hilfe in Anspruch zu nehmen“, so Gnielka. „Einzelberatungen sind möglich, aber auf Dauer nicht zielführend, denn so wird nur die Perspektive des einen beleuchtet und die ist naturgemäß sehr gefärbt.“ Liegt das Problem in der Partnerschaft selbst, sollten beide an der Beratung teilnehmen, denn nur so ist sie wirklich wirkungsvoll.

Manchmal ist die Beziehung trotz aller Bemühungen am Ende. Das bedeutet aber nicht automatisch, dass auch die Elternbeziehung vor dem Aus stehen muss. „Es gibt heute verschiedenste Familienmodelle und viele funktionieren wirklich gut“, weiß Gnielka aus der Praxis. Viele Eltern, die auf der Paarebene nicht mehr zueinander finden, schaffen es nach der Trennung erstaunlich gut, sich zu organisieren, aufeinander Rücksicht zu nehmen und für die Kinder an einem Strang zu ziehen.

Martin Gnielka

Gut zu wissen

Martin Gnielka ist Diplom-Pädagoge und Systemischer Berater. Er arbeitet als Paar- und Sexualberater in der Beratungsstelle pro familia Köln-Zentrum

Pro familia betreibt in der Känguru-Region mehr als zehn Beratungsstellen. Über die Rubrik Beratungsstellen auf www.profamilia.de findest du die nächstgelegene in deiner Gegend. Zudem bietet Pro familia auch Online-Beratung an.

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