Bildung

Zuwanderung und Schule

Anja Janßen · 01.09.2014

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Kinder aus Syrien © istockphoto.com / serts

Kinder aus Syrien © istockphoto.com / serts

Oft stehen sie mitten im Schuljahr vor der Tür: Kinder aus Zuwandererfamilien. Darauf spezialisierte Klassen platzen mittlerweile aus allen Nähten. Eine große Herausforderung für Stadt und Schulen.

Lehrerin Ariane Plangger steht in der Grundschule St. Theresia vor der Tafel und begrüßt wie jeden Morgen ihre Schüler: „Bonjour mes amis. Comment allez-vous?“, ruft sie über die Köpfe ihre Schützlinge hinweg. Wie geht es euch? Wie ist das Wetter? Die Kinder antworten im Chor. Auf Französisch. Dann auf Türkisch. Auf Englisch. Spanisch.



Schließlich fummelt ein Junge mit Brille einen verknitterten Zettel aus der Hosentasche. Seine Eltern haben ihm die Begrüßung auf Serbisch aufgeschrieben. Es ist still, als er die Worte vorträgt. „Das ist ja wie Bosnisch!“, ruft ein Kind. „Das ist Serbisch und Bosnisch zusammen vermischt“, klärt der Junge mit Brille auf. „Weil meine Sprache ist vermischt.“ Über den Daumen gepeilt könnte jedes zweite Kind in dieser Klasse einen Migrationshintergrund haben. Mindestens. Mehrsprachigkeit und Zuwanderung – das sind Themen, mit denen sich die Lehrer an der Schule St. Theresia auskennen. Seit ein paar Monaten hat sich in Buchheim aber etwas verändert.

Die Zuwanderung steigt an

 

Die stellvertretende Schulleiterin Simone Paffrath erzählt von einem Anruf des Schulamts. Das Amt suche Plätze für Kinder, die mitten im Schuljahr und ohne ein Wort Deutsch aus dem Ausland kommen. Das war neu. Damit hatte man in Buchheim bisher noch keine Erfahrung. Diese Kinder, auch Seiteneinsteiger genannt, kommen eigentlich auf Schulen mit speziellen Seiteneinsteiger-Klassen. Dort lernen sie von geschultem Personal erst einmal Deutsch und bereiten sich auf den Unterricht vor. Eine große Herausforderung für die Lehrer – und immer wichtiger angesichts der steigenden Zuwanderung.

Das Statistische Bundesamt meldet für das vergangene Jahr die höchste Zuwanderung seit 20 Jahren – 13 Prozent mehr als im Vorjahr. Eine Entwicklung, die nicht aufhören wird. Denn die Prognose lautet: Tendenz steigend. Rund 50 Prozent der Seiteneinsteiger sind Flüchtlingskinder. Im Februar 2014 sind in Köln 1558 minderjährige Flüchtlinge gemeldet, knapp zwei Drittel der Kinder und Jugendlichen sind im schulfähigen Alter. Aber nicht nur die Flucht, auch die Suche nach Arbeit führt Menschen vor allem aus osteuropäischen Ländern, wie Rumänien und Bulgarien oder aus den von der Eurokrise betroffenen südeuropäischen Ländern nach Deutschland. Und viele bringen Kinder mit. Im Gegensatz zu manchen anderen Städten in Deutschland, verzeichnet Köln als wachsende und kinderreiche Stadt seit Jahren steigende Schülerzahlen. Nun sucht das Schulamt jeden Monat zusätzlich für 100 Seiteneinsteiger Plätze. „Das ist so, als ob Sie jeden Monat eine neue kleine Grundschule eröffnen“, sagt Kirsch.

Klassen für Seiteneinsteiger: ständig Mangelware

Schulen, die seit Jahrzehnten Seiteneinsteiger aufnehmen, sind längst ausgelastet. Das bestätigt zum Beispiel die Ehrenfelder Astrid-Lindgren-Grundschule. So ist es auch in den Stadtteilen Kalk, Mülheim, Porz und Finkenberg. Um diese Gebiete zu entlasten, bringt die Stadt Flüchtlinge nun auch in anderen Teilen Kölns unter. Und dort sollen die Kinder im Idealfall zur Schule gehen können. Denn eine Fahrt mit der U-Bahn kreuz und quer durch die Stadt, ist besonders für junge zugewanderte Kinder unzumutbar. Deshalb und wegen des Platzmangels wendet sich das Schulamt nun auch an Einrichtungen, die noch keine Erfahrung mit Seiteneinsteigern haben.



So wie die Gemeinschaftsgrundschule St. Theresia in Buchheim. Hier kommen die Anfragen mittlerweile im Wochenrhythmus, erzählt Paffrath. Im April dieses Jahres hat die Schule bereits 15 Kinder aufgenommen. Einziges Kriterium: Sie müssen in Buchheim wohnen. An der Tür der Schulleitung hängen bunte Zettel mit Begriffen wie „Teamteaching“ und „Kleeblattförderung“ – Bausteine aus der Arbeit mit mehrsprachigen Kindern, erklärt Paffrath. Sprachenvielfalt sowie multikulturelle Atmosphäre sind ein alter Hut in Buchheim und für Paffrath ganz klar eine Bereicherung. Doch die Seiteneinsteiger bringen eine neue Dynamik ins gewohnte Fahrwasser.

Beratung: über den Klassenraum hinaus

Denn die Familien stehen in der Regel mitten im Schuljahr vor der Tür, manchmal mit einer Begleitperson, die übersetzt, manchmal alleine. In einigen Fällen taucht die vom Schulamt angekündigte Familie gar nicht auf. Mögliche Gründe: Übersetzungsprobleme mit dem Papierkram oder Umzug. Sind die Familien erst einmal in der Schule angekommen, benötigen viele eine Beratung, die über schulische Fragen hinausgeht. „Da geht es um Krankenversicherungen, Deutschkurse für Mütter, ganz pragmatische Unterstützung“, sagt Schulleiterin Heinke Jansen von der Astrid-Lindgren-Grundschule aus Ehrenfeld. Hier wie in Buchheim schätzen die Lehrer deshalb besonders die Schulsozialarbeiter. Sie stellen wichtige außerschulische Kontakte für die Familien her. Und damit tut sich eine weitere Baustelle auf. Denn die Verträge der Schulsozialarbeiter sind bis Ende des Jahres befristet. Ihr Einsatz innerhalb des „Bildungs- und Teilhabepakets“ ist zeitlich begrenzt. Die Schulleiterin in Ehrenfeld hofft auf eine Verlängerung. Für sie sind die Kollegen unersetzlich.

Die Voraussetzungen der Kinder: ganz unterschiedlich

Sind die ersten Formalitäten mit den Eltern geregelt, beginnt für die Seiteneinsteiger der Alltag in der Schule. Und der sieht offiziell so aus: In einer Seiteneinsteiger-Klasse sitzen maximal 18 Kinder. Im Normalfall haben sie ganz unterschiedliche Voraussetzungen. Die Schulleiterin aus Ehrenfeld erzählt von einem angolischen Mädchen, das in seiner Heimat jedes Wochenende mit dem Hubschrauber aus dem Internat nach Hause geflogen ist. Andere Kinder haben noch nie eine Kita oder Schule von innen gesehen.

Das Handling dieser ganz unterschiedlichen Lernvoraussetzungen ist eine pädagogische Meisterleistung. Das Kommunale Integrationszentrum Köln berät nicht nur alle Eltern, die mit Schulkindern nach Deutschland einreisen, es gilt auch als Ansprechpartner für Lehrkräfte und Schulsozialarbeiter an Schulen, die Seiteneinsteiger aufnehmen. „Wie die Lehrkraft den Unterricht im Einzelnen gestaltet, liegt vor allem in der Hand der Schule“, sagt Susanne Kremer-Buttkereit, Leiterin des Zentrums. „Spezielle Fort- und Weiterbildungen zu den Unterrichtsinhalten gehen vor allem von der Bezirksregierung aus.“


 

In Ehrenfeld lernen die Kinder in Kleingruppen zwei Stunden täglich Deutsch. Möglichst schnell nehmen sie an Aktionen und Ausflügen der regulären Klassen teil. „Es hat sich gezeigt, dass die Kinder dabei sprachlich sehr viel mitnehmen“, erzählt die Schulleiterin.

In Buchheim ist auf den ersten Blick gar nicht zu erkennen, wer Seiteneinsteiger ist. Denn die Schule arbeitet jahrgangsübergreifend und integriert die Seiteneinsteiger sofort in die regulären Klassen. „Für mich fällt das in den Bereich Inklusion“, erklärt Schulleiter Gregor Stiels. „Inklusion wird immer mit Behinderung verknüpft. Aber eigentlich betrifft es alle Kinder, die ein Paket zu tragen haben.“ Die Lehrer richten den Unterricht somit nach den Bedürfnissen und Erfahrungen jedes Einzelnen. Kinder, die noch überhaupt keine Erfahrung mit Schule haben, führen die Lehrer mit einem „reduzierten Stundenplan“ ganz behutsam an das System heran. Eine Integrationshilfe ist bereits beim Schulamt beantragt.

Die Buchheimer Schulleiter gehören außerdem nun zu einem Arbeitskreis zum Thema Seiteneinsteiger. Hier können sie sich mit erfahrenen Kollegen austauschen, auch über den Umgang mit traumatisierten Kindern aus Krisengebieten. Dafür plant die Schule eine stärkere Vernetzung mit Frühförderzentren, dem Jugendamt, mit Therapeuten und dem Allgemeinen sozialen Dienst.

Die Schule hat sich bereits vor ihrer Arbeit mit den Seiteneinsteigern um eine Kooperation mit der Universität zu Köln bemüht. Studenten kommen regelmäßig zur Sprachförderung in die Klassen. In internen Fortbildungen coachen sich die Lehrer gegenseitig, wie sie mit den vielen unterschiedlichen Muttersprachen umgehen können. Kinder, die kein Deutsch sprechen, bekommen einen „Sprachpartner“ an die Hand. Das ist ein Kind, bestenfalls aus ihrer Klasse, das sich mit ihm verständigen kann. Mit ihren Anstrengungen hat es die Schule in den „QuisS Verbund“ geschafft. Das ist ein Unterstützungsprogramm für Schulen mit sprachlicher Vielfalt. Vielleicht kommt die Schule darüber an weitere Fortbildungsmöglichkeiten.

Deutschförderung: nur ab einem bestimmten Alter

Und schließlich erhalten die Seiteneinsteiger in Buchheim natürlich Deutschförderung in Kleingruppen. Die darf nach offiziellen Vorgaben maximal zwei Jahre dauern. Zwei Jahre, um ein fremde Sprache zu lernen und anschließend im regulären Unterricht mitzuhalten. Dieses Privileg wird nicht allen eingewanderten Kindern zuteil. Sind die Kinder noch so jung, dass sie in die erste Klasse gehören, erhalten sie den Seiteneinsteiger-Status überhaupt nicht – und beziehen in der Folge auch keine zusätzliche Deutschförderung. Vielleicht eine Sparmaßnahme, mutmaßen manche Lehrer. Die jüngeren Kinder lernen Deutsch jedenfalls im regulären Unterricht nebenbei und haben damit von Anfang an andere Startbedingungen als ihre Mitschüler.


 

Die Ehrenfelder Schulleiterin Jansen betont, dass schon viel für die Seiteneinsteiger getan wird. „Aber eine Deutschförderung für frisch eingewanderte Schulneulinge in den ersten Klassen wäre wünschenswert." Darüber hinaus sollte die Deutschförderung der Seiteneinsteiger länger als zwei Jahre dauern. Ihre Erfolgsquote mit den Kindern in Ehrenfeld sei zwar gut, aber nur gut im Rahmen der Möglichkeiten. „Wir schaffen es, dass die Kinder in der Welt zurecht kommen“, sagt die Schulleiterin. „Aber für eine höhere Bildung, für das Gymnasium, ein Studium – dafür ist meistens mehr Förderung nötig.“

Ganztagsplätze: meistens schnell vergeben

Bildung und soziale Herkunft – in keinem anderen Land hängen diese beiden Faktoren so stark zusammen wie in Deutschland, das belegen die Studien wie PISA und Shell. Für Kinder mit weniger günstigen Startbedingungen ist der Offene Ganztag ein Segen. Durch das Zusammensein mit Anderen, verbessern sich ihre Deutschkenntnisse rasant. Allerdings sind die Einrichtungen in Ehrenfeld und Buchheim „voll bis unters Dach“. Jede Schule kann jährlich ein begrenztes Kontingent an Ganztagsplätzen beantragen. Die Zahl berechnet sich nach ihren räumlichen Kapazitäten. Zu Beginn eines Schuljahres sind die Plätze schnell belegt. Seiteneinsteiger kommen dann in der Regel während des laufenden Schuljahres und können erst einmal nicht in den Ganztag. Fatal, vor allem für Kinder, die in schwierigen sozialen Verhältnissen leben.

Besonders schwierig ist auch die Situation frisch zugewanderter Kinder. Ende 2013 machte die Kölner Initiative „Schulplätze für alle“ darauf aufmerksam. In der Initiative engagieren sich Vertreter verschiedener Verbände wie dem Kölner Flüchtlingsrat, dem Allerweltshaus oder des Vereins Kölner Appell gegen Rassismus. Die Initiative bemängelt, dass vor allem Flüchtlingskinder in Notunterkünften Wochen und sogar Monate auf einen Schulplatz warten müssen. Da verstreicht wertvolle Zeit, in der sie die neue Sprache lernen könnten. Die Stadt reagierte und für ganz frisch gestrandete Kinder in den Notunterkünften der Herkules- und Vorgebirgsstraße gibt es nun Deutschförderung – eine Kooperation mit der Universität zu Köln.

Die Situation wird also gesehen, es wird etwas getan, aber für mehr mangelt es wie so oft im Bildungsbereich an Personal, an Klassen, an Geld. Letztendlich läuft es doch immer wieder auf den einen Wunsch hinaus: mehr Unterstützung durch Bund und Länder. Und bis dahin strampeln sich Schulen und Stadt ab mit den Mitteln, die sie haben. Das Kommunale Integrationszentrum öffnet jeden Tag aufs Neue seine Tore und berät zugewanderte Familien. Frau Kirsch vom Schulamt greift immer wieder zum Hörer und versucht, passende Schulen zu finden. Und Ariane Plangger wird in Buchheim jeden Morgen in die Hände klatschen und ihre Kinder begrüßen. Auf Französisch. Auf Türkisch. Auf  Englisch. Spanisch. Bosnisch.

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