Teenager

Tattoos und Piercings

Ursula Katthöfer · 25.05.2018

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© iStockphoto.com/ Drazen

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„Kennt ihr gute Tattoo Studios in Köln die auch Jugendliche ab 16 Tättoowieren?“, lautet eine Frage bei gutefrage.net. Nee, kennt keiner. Denn es gilt als Qualitätsmerkmal für gute Tattoo-Studios, erst ab 18 zu stechen.

Dennoch sind viele Teenager lange vor der Volljährigkeit heiß aufs Tattoo. „Früher waren Tattoos etwas für Außenseitergruppen, für Seeleute, Straftäter und Prostituierte. Ihnen wurden Charakterdefizite und Persönlichkeitsstörungen nachgesagt“, sagt Elmar Brähler, emeritierter Professor für medizinische Psychologie an der Universität Leipzig. Er forscht seit 2003 zu Tattoos und Piercings. „Heute sind sie Zeichen für aufgeweckte, interessierte Menschen, die sich zu einer sozialen Gruppe bekennen.“

So wie Nora. Die 27-jährige bedient in einem Bonner Café. Jetzt im Sommer ist ihr Körperschmuck gut sichtbar. Doch selbst im Winter wäre er nicht zu übersehen. Nora trägt in den Ohren geweitete Piercings, sogenannte Flesh-Tunnel. Am Hals ist ein großes Ornament tätowiert, im Gesicht sind mehrere kleine Tattoos zu sehen. „Viele Leute sprechen mich darauf an. Entweder finden sie es krass oder sie halten mich für die große Tattoo- und Piercing-Expertin und wollen quatschen.“ Schon erzählt eine Kundin, dass sie sich das Gesicht ihrer kleinen Tochter stechen lassen möchte. „Ich finde hier super“, sagt sie und schlägt sich auf den rechten Oberarm. „Aber mein Freund sagt, das sieht asi aus.“

Karrierekiller Nummer 3

Jedes Tattoo hat seine Geschichte. Die eigenen Kinder oder Partner stehen hoch im Kurs. RTL-Promi Carmen Geiss ließ sich sogar ihr eigenes Gesicht auf den Steiß stechen. Kommentar von Gatte Robert: „Jetzt hast Du ein Arschgesicht.“

„Brasilien 2014 – unvergessen“ schrieb Lukas Podolski auf Twitter, nachdem das Tattoo des WM-Pokals auf seinen Oberarm gestochen war. Als er 2012 den FC verließ, verabschiedete er sich mit einem Köln-Tattoo.

Was die einen cool, sexy oder stylisch finden, ist für andere Horror. Einem Personalchef zufolge stehen Tätowierungen auf Platz drei der Karrierekiller, nur Piercings und Mundgeruch seien schlimmer. Die Berliner Polizei lehnte im vergangenen April einen Bewerber ab, dessen Unterarm die Göttin Diana mit nackten Brüsten zierte. Auch Banken, Versicherungen und Fluggesellschaften legen Wert auf die „T-Shirt-Grenze“. Ärzte möchten bei ihren Angestellten weder Tattoos noch Piercings sehen, das widerspreche dem „branchenüblichen Erscheinungsbild“.

„Insgesamt steigt die Akzeptanz für Tattoos weiterhin“, sagt Prof. Brähler. Er kann sich allerdings auch einen gegenläufigen Trend vorstellen: „Denkbar ist, dass wieder eine keusche Welle kommt. Dann möchten die Leute wieder naturbelassen sein.“

Blick zurück

Tattoos haben eine bewegte Geschichte, es gibt sie seit Jahrtausenden in den unterschiedlichsten Kulturen. Das älteste bekannte Tattoo stammt aus der Chinchorro-Kultur in Chile. Es ist 7.000 Jahre alt und zeigt einen Schnurrbart. Ötzi, der Mann aus dem Eis, trug 61 Strich- und Kreuz-Tattoos. Auch die 4.000 Jahre alte Mumie einer ägyptischen Priesterin war tätowiert.

Damals nutzten Tätowierer scharfe Steine, Haifischzähne, Kakteenstacheln oder Dornen, um die Haut einzuritzen. Sie rieben Ruß oder Pflanzenfarbstoffe in die Wunden.

© iStock/malyugin
Tattoonadeln stechen bis zu 170-mal pro Sekunde © iStock/malyugin

Zahlen und Fakten

In Deutschland trägt jeder Fünfte ein Tattoo. In der Altersgruppe der 25- bis 34-jährigen sind es 44 Prozent der Frauen und 41,5 Prozent der Männer, davon tragen 10,2 Prozent der Männer und 8,8 Prozent der Frauen mehr als ein Tattoo. Eine Tätowiermaschine sticht bis zu 170-mal pro Sekunde, das sind 10.200 Stiche pro Minute. Ein Tattoo entfernen zu lassen ist jedoch viel teurer, als eines stechen zu lassen, denn der Hautarzt stellt bis zu zwanzig mal mehr in Rechnung als der Tätowierer. In Köln soll jedes zehnte Tattoo eine Liebeserklärung an die Stadt oder den Verein sein.

22 Prozent der 18- bis 29-jährigen tragen ein Piercing.

Das sagt der Arzt

„Ich würde Tätowierungen verbieten.“ So Ingo Froböse, Professor an der Deutschen Sporthochschule Köln im ARD-Morgenmagazin. Er kritisierte vor allem Bundesligavereine, die die Tattoos ihrer Spieler zulassen. Denn die Fußballprofis zeigten in der ersten Zeit nach dem Tattoo drei bis fünf Prozent weniger Leistung. Außerdem würden großflächige Tattoos das Schwitzen beeinflussen. 60 bis 70 Prozent der Tinte bleibe nicht in der Haut, sondern gelange in die Blutbahn und färbe die Lymphknoten grün und blau.

Tattoos sind für die Medizin ein großes Thema. Bisher hat niemand die Langzeitwirkung der unlöslichen Farbpigmente, die in die Lederhaut gesetzt werden, untersucht. Die darin enthaltenen löslichen Hilfs- und Konservierungsstoffe verteilen sich im Körper. Auch schwillt die Haut beim Stechen an. Es entsteht eine Wunde, die sich wie jede Wunde mit Viren, Bakterien und Pilzen infizieren kann.

In Deutschland regelt die Tätowiermittel-Verordnung, welche Farben verwendet werden dürfen. Dennoch könnten gesundheitsschädliche Stoffe die Tattoo-Farben verunreinigen. Krebsauslösende Kohlenwasserstoffe und Schwermetalle wie Blei, Cadmium oder Quecksilber wurden bereits nachgewiesen.

Allergiker sollten bedenken, dass Tattoo-Farben mit Nickel verunreinigt sein könnten. Auch rote Farbpigmente lösen möglicherweise Allergien aus. Diabetiker, Bluter und Personen, die blutverdünnende Medikamente einnehmen müssen, sollten mit ihrem Arzt reden, bevor sie sich tätowieren lassen.

Tattoo-Studio wie ein OP

Auch bei Piercings warnen Ärzte vor Langzeitrisiken und Allergien. Bei Menschen, die sich extrem piercen lassen, gehen Psychologen von selbstverletzendem Verhalten aus.

Hygienisch arbeitende Tattoo- und Piercing-Studios sollten so keimfrei wie Operationssaal sein: Auf der Liege befinden sich Einwegtücher. Desinfektionsmittel und Einweghandschuhe sind selbstverständlich, Böden und Oberflächen sind gut abwischbar.

Der Deutschen Dermatologischen Lasergesellschaft zufolge sind zehn Prozent der Tattoo-Inhaber mit ihrem Motiv unzufrieden. Spezialisierte Hautärzte können die Farbe mit Laserstrahlen spalten, die Partikel verteilen sich im Körper. Das dauert je nach Tattoo fünf bis zwanzig Sitzungen und schmerzt. Eine Erfolgsgarantie gibt es nicht.

Durch Piercings entstandene Löcher ziehen sich zusammen, bleiben aber ein Leben lang. Das Loch lässt sich zwar operativ entfernen, indem die Ränder herausgestanzt werden und die Wunde vernäht wird. Dann bleibt allerdings eine Narbe.

Das sagt der Richter

11:14 Uhr. Das war die Uhrzeit, zu der der Sohn eines Bonners zur Welt kam. Als Erinnerung wollte der junge Vater sich ein Zifferblatt mit genau dieser Uhrzeit auf den Handrücken stechen lassen. Doch die Uhr der Tätowiererin schlug anders. Sie stach ihm 11:09 Uhr auf die Hand. Der Mann zog vor Gericht. In einem Vergleich erhielt er 1.500 Euro Schadenersatz. Argument des Richters: Der Kunde habe das Tattoo so nicht gewollt. Das sei nicht nur ein Mangel, sondern auch Körperverletzung.

Rechtlich gesehen sind Tattoos und Piercings tatsächlich Körperverletzung. Sie wird allerdings nicht geahndet, wenn der Kunde einwilligt, umfassend über die Risiken aufgeklärt wurde und einsichts- und urteilsfähig ist. Ein gesetzliches Mindestalter gibt es nicht. Schließen Minderjährige einen Vertrag mit einem Tattoo- und Piercing-Studio ohne die Unterschrift der Eltern, ist er nicht wirksam.

Sind Tattoo oder Piercing falsch oder läuft etwas schief, gibt es weder Tipp-Ex noch Löschtaste. Dann entscheidet im Zweifelsfall der Richter. Typische Gründe für einen Prozess sind verunglückte Motive, Entzündungen und Narben. Wer zum Arzt geht, sollte ein Foto machen. Das gilt zwar nicht als Beweismittel, hilft aber zur Erinnerung für die eigene Aussage. Auch Gutachten sind möglich. Sachverständige können privat beauftragt oder vom Richter bestellt werden.

Die Krankenversicherungen halten sich meistens raus. Auch ein schlechtes Tattoo ist Privatsache. Es kann sehr kostspielig werden.

Tipps der Bundesregierung

Eine Webseite der Bundesregierung hilft, das Tattoo zu planen. Das Schmerz-O-Meter zeigt, wo das Stechen besonders weh tut. Checklisten helfen, ein gutes Studio zu finden und das frische Tattoo richtig zu pflegen. Eine andere Checkliste hilft, sich gut vorzubereiten. Dazu gehören, am „Stichtag“ nicht lange in der Sonne zu liegen, auf Alkohol und Schmerztabletten zu verzichten sowie etwas zu essen, damit der Kreislauf stabil bleibt.

www.safer-tattoo.de

Tätowierer zu Sicherheitsstandards

Über Hygienestandards für das Tätowieren, Produktsicherheit und Verbraucherschutz informiert der Bundesverband Tattoo e.V., dem die beiden wichtigsten Verbände der deutschen Tätowierszene angehören, der D.O.T.e.V. (Deutsche Organisierte Tätowierer) und ProTattoo e.V. Die Tätowierer fordern mehr festgeschriebene Regeln für ihren Beruf, um sicher arbeiten zu können.

www.bundesverband-tattoo.de

Suche nach dem Style

Eine Suchmaschine für Tattoo-Studios bietet die Homepage des Tätowier Magazins. Die Studios sind nach Stilen differenziert, von Aquarell-Watercolor über Mandala bis Tribal Polynesisch.

www.taetowiermagazin.de

Beratung bei Piercings

Vor einem Piercing muss der Piercer ausführlich beraten. Es geht um das Entzündungsrisiko, Nervenschädigungen, den Ablauf des Eingriffs, das Material des Schmucks und die Nachsorge. Seriöse Infos der Ärztekammern oder des Bundesgesundheitsministeriums gibt es nicht.

 

Noch mehr über Tattoos erfahrt ihr in unserem Interview mit der Handpoke-Tätowiererin Paula Roesch.