Teenager

Psychische Erkrankungen: Protokolle

Ursula Katthöfer · 14.10.2019

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Etwa ein Drittel aller jungen Erwachsenen ist psychosomatisch krank: Essstörungen, Angst, Depression und Sucht nehmen nicht nur die Lebensqualität, sondern erschweren auch den Start in ein unabhängiges Leben.

Jede psychische Erkrankung ist individuell: Ihre Ursachen, das Verhalten des jungen Erwachsenen, die Reaktionen in der Familie. Manche Eltern leiden furchtbar, wenn sie erleben, dass ihr Kind in einem Teufelskreis aus schlechten Gefühlen gefangen ist. Andere merken gar nicht, dass etwas nicht stimmt. In jedem Fall haben Eltern einen enormen Einfluss auf das Wohlbefinden ihres Kindes. So diese drei jungen Frauen, die von ihren Erkrankungen berichten:

„Ich habe Besseres verdient“

Bei der Magersucht geht es darum, sich zu beweisen, wie stark und durchsetzungsfähig man ist. Man bestimmt verbotene Lebensmittel, zählt Kalorien und stellt feste Essensregeln auf. Sich dann einzugestehen, dass man krank ist und alle aufgebauten Konstrukte loslassen muss, ist wie ein Scheitern. Ich wollte anfangs keine Therapie. Ich dachte, ich brauch das nicht. Doch meine Mutter ließ nicht locker. Sie machte sich unbeliebt, ich habe sie angemotzt und wurde schnippisch. Dennoch kam ihre Botschaft bei mir an. Es gab einen Knackpunkt: Ich wurde mir bewusst, dass ich leide und dass ich eine Änderung an meiner Situation verdient habe.

Heute – nach meiner stationären Therapie – weiß ich, dass man bei Magersucht früh eingreifen sollte. Sobald man sich z.B. verbietet, mit Freunden essen zu gehen, oder Angst vor bestimmten Lebensmitteln entwickelt, wird es Zeit für Hilfe. Dabei ist das Gewicht kein guter Hinweis. Menschen mit Anorexie sind nicht immer untergewichtig. Es ist daher gefährlich zu denken: Ich bin ja nicht zu dünn – so schlimm kann es also nicht sein.

Luna, 20 Jahre

„Ich bin eine Überlebende“

Als ich sechs Jahre alt war, wurde ich von meinem Vater sexuell missbraucht. Ich wurde verhaltensauffällig. Meine Mutter hätte damals fragen können, was los ist. Doch ich bekam Schläge. Mit 13 habe ich versucht, mir das Leben zu nehmen. Meine Familie stammt aus Russland. Psychische Erkrankungen existieren in unserer Kultur nicht. Krank ist nur, wer etwas Körperliches hat, sich z.B. ein Bein bricht. Deshalb hat meine Familie meine komplexe psychische Erkrankung nie akzeptiert. Ich konnte mit niemandem darüber sprechen. Bis heute meint meine Mutter, ich solle die Sache ruhen lassen. Im russischen Freundeskreis wurde ich teilweise wie eine Hexe behandelt. Doch mein Freund steht ganz auf meiner Seite. Er motivierte mich zu einer stationären Therapie. Und er unterstützt mein Vorhaben, zusätzlich in eine Klinik zu gehen, die sich auf Traumatherapie spezialisiert hat. Ich finde es schade, dass ich in Deutschland als Missbrauchsopfer betrachtet werde. In den USA ist das anders, dort gelten wir als „Survivor“. So sehe ich mich eher: als Kämpferin, als Überlebende.

Jana, 25 Jahre

„Die Diagnose war eine Riesenhilfe“

Ich wusste lange nicht, dass ich eine Borderline-Störung habe. Deshalb ist schwer zu sagen, wann die krasse Emotionalität, mein instabiles Selbstwertgefühl und diese extreme Wut so richtig anfingen. Die innere Anspannung hat mich total überfordert, mit 15 oder 16 habe ich mit Selbstverletzungen begonnen. Meinen Eltern wollte ich diese Probleme nicht aufladen. Erst als ich mit 27 die Diagnose Borderline-Störung bekam und für drei Monate in einer Klinik war, habe ich meiner Mutter geschrieben. Ich hatte ja bis dahin selbst keine Erklärung für mein Verhalten. Ich dachte, ich sei dumm oder schwach. Zu erfahren, dass Borderline eine Erkrankung ist, war eine Riesenhilfe. Die Krankheit lässt sich sehr gut behandeln.

Auch meine Mutter brauchte Zeit, um meine Erkrankung zu verstehen. Sie hatte plötzlich eine ganz neue Tochter. Jetzt haben wir das beste Verhältnis, das wir je hatten. Ich bin heute selbstständige Mental Health Advocate und Bloggerin, um das Thema psychische Gesundheit offen zu thematisieren. Weil ich als Jugendliche nicht darüber sprechen konnte, habe ich zehn Jahre meines Lebens verloren.

Dominique de Marné, 32 Jahre, www.mentalhealthcrowd.de

Borderline-Informationstag GRENZENLOS

Menschen mit einer Borderline-Störung leiden darunter, ihre Gefühle nicht regulieren zu können. Sie beschreiben sich oft als sehr sensibel und mitfühlend, aber auch als hochgradig verletzbar. Es findet ein ständiger Kampf der Gefühle gegen die Realität statt. Um Spannung abzubauen, wählen sie zum Teil Selbstverletzungen, Drogen oder gefährliches Verhalten wie das Balancieren auf Brückengeländern oder das Rasen auf der Autobahn. Hinzu kommen Gefühle wie Schuld, Scham, Ohnmacht und Selbstverachtung. Die Beschwerden und die Ausprägung dieser Störung sind so individuell wie der menschliche Charakter.

Ursache ist nach aktuellem Wissenstand ein Zusammenspiel genetischer Faktoren sowie traumatischer Erlebnisse. Über die Hälfte der Betroffenen berichtet von schwerwiegendem Missbrauch. Die ersten Anzeichen treten meist schon im Jugendalter auf.

An ihrem Informationstag „GRENZENLOS – Borderline erkennen, behandeln, überwinden“ klärt die Eckhard Busch Stiftung über die Erkrankung und ihre Therapiemöglichkeiten auf. Der Borderline-Tag findet am 12. Oktober 2019 in der Fritz Thyssen Stiftung, Apostelnkloster 13-15 in Köln statt. Er ist Teil des Programms der 5. KölnBonner Woche für Seelische Gesundheit, die vom 10. bis 19. Oktober 2019 stattfindet. Das gesamte Programm findet sich unter: www.seelische-gesundheit-koeln-bonn.de

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