Teenager

„Nach außen sichtbar, nach innen spürbar“

Ursula Katthöfer · 25.05.2018

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© Max Germer

© Max Germer

Paula Roesch ist bildende Künstlerin und Handpoke-Tätowiererin. Sie studierte Freie Kunst in Hamburg und Münster. Pflanzen, Landschaften, Wasser und Tiere interessieren sie in ihrer künstlerischen Arbeit schon lange. Seit 2013 tätowiert sie diese Motive auch. Sie arbeitet in Köln.

Sie haben sich auf Handpoke-Tattoos spezialisiert. Wo ist der Unterschied zur Maschine?

Beim Handpoke setze ich die Farbe Punkt für Punkt mit einer Nadel in die Haut. Die Linien haben dadurch etwas Flirrendes, sind vom Körper nicht so hart abgegrenzt. Mich begeistert das Organische daran. Haut und Farbe wirken einander nicht fremd. Handpoke verletzt die Haut auch weniger.

Wie ist Ihr künstlerischer Ansatz?

Ich habe einen Hang zu Grafik und Abstraktion. Im Moment faszinieren mich abstrakte Tattoos, die direkt auf die Haut aufgezeichnet werden und den Körper mit Formen und Strukturen aus der Landschaft zusammenbringen. Außerdem finde ich sehr schön, mit Menschen zusammenzuarbeiten.

Wie sind Sie ans Tätowieren gekommen?

Zum Ende meines Studiums sah eine Tätowiererin meine Zeichnungen und meinte, ich müsse unbedingt tätowieren lernen. Ich war sehr erstaunt, hatte selbst noch kein Tattoo. Dachte aber schnell: Ja, das ist es. Sie hat mir die Grundlagen des Handpoke-Tätowierens gezeigt.

Mir gefällt die Mischung aus Handwerk, künstlerischer Arbeit und Kontakt zu Menschen. Ich kann lange konzentriert an etwas arbeiten, neue Ausdrucksformen finden und lerne tolle Menschen kennen. Häufig entwickeln sich sehr schöne Gespräche.

Zusammen mit einem Freund haben Sie ein Tattooatelier in der Kölner Südstadt. Wer kommt zu Ihnen?

Kunden kommen meist mit einer vagen Idee, aus der wir dann ein persönliches Motiv entwickeln. Diese Woche zum Beispiel hatte ich eine Kundin, die sich ein Erinnerungstattoo für ihren verstorbenen Opa wünschte. In der Vorbesprechung erzählte sie von ihm und einem Ahornbaum, den er vor vielen Jahren gepflanzt hatte. Daraus entwickelten wir ein Tattoo, mit einem aufblühenden Zweig eben dieses Baumes.

Andere sagen: Mach mal einfach was. Das sind oft diejenigen, die schon ein Tattoo von mir haben. Häufig kommen Leute, die lange über ein Tattoo nachgedacht, aber nie etwas Passendes gefunden haben. Schön, wenn meine Arbeiten sie dann ansprechen. Viele meiner Kunden haben auch selbst kreative oder soziale Berufe.

Wie denken junge Menschen, die zu Ihnen kommen, über ihr Tattoo?

Junge Kunden möchten in der Regel etwas eher Kleines und entscheiden sehr differenziert und bewusst. Sie haben sich viele Gedanken gemacht. Ihre Gründe können ganz unterschiedlich sein, von individuellen Bildern mit tiefer Bedeutung bis hin zu „das gefällt mir“ ist alles dabei.

Was ist so reizvoll an einem Tattoo?

Ich denke, dass Tattoos reizvoll sind, weil wir erleben, dass sich in unserer Zeit vieles so schnell ändert und weniger verlässlich und sicher scheint. Ehen, Jobs, Wohnorte. Tattoos zeigen da vielleicht unsere Sehnsucht nach etwas Bleibendem, Ursprünglichem. Sie drücken aus: Das ist meins, das ist mir wichtig, das ist mein Statement. Nach außen sichtbar, nach innen spürbar.

Und sie folgen der Mode.

Zu mir kommen auch Kunden, die sich früher Geckos, chinesische Schriftzeichen oder Tribals tätowieren ließen. Die Klassiker quasi. Vielen gelingt, das als Gruß aus der eigenen Vergangenheit zu sehen und oft bereuen sie es nicht, selbst wenn sie heute eine andere Entscheidung für sich treffen würden.

Wer bereut es denn? Gibt es da bestimmte Typen?

Bereuen könnten diejenigen, die nur einem Trend gefolgt sind. Für sie ist das Tattoo Jahre später manchmal blöd, wie ein Stempel. Und es könnten Menschen sein, die ohnehin die Tendenz haben, ihre Entscheidungen anzuzweifeln. Mit einer Haltung wie: Damals hab ich das so für mich gewählt, ich hatte meine Gründe und es war mir wichtig, kann man gut mit einem Tattoo leben, das man heute nicht aussuchen würde. Man hat ein „Ja“ zur eigenen Vergangenheit. Und so viele Entscheidungen, die wir treffen, haben einen viel größeren Einfluss auf unser Leben als ein Tattoo. Da ist diese Entscheidung doch eigentlich relativ klein. Als Tätowiererin finde ich wichtig, gut zu beraten und gemeinsam das wirklich richtige Tattoo zu finden. Etwas, das Tiefe hat.

Vielen Dank!

Noch mehr über Tattoos erfahrt ihr in unserem Artikel „Tattoos und Piercings".