Teenager

Das Anyway Köln

Hanka Meves-Fricke · 17.05.2021

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Die CSD-Demo mit dem anyway © Marius Steffen

Die CSD-Demo mit dem anyway © Marius Steffen

Das anyway steht für „any way“: Jeder Weg ist möglich. Jugendliche von 14 bis 27 Jahren können hier mit anderen jungen Lesben, Schwulen, Bis, Trans*, Inter* und Queers (LSBTIQ*) gemeinsam chillen, etwas trinken, kickern, Billard spielen, Partys feiern und tanzen. Hanka Meves-Fricke hat für KÄNGURU PLUS vorbeigeschaut.

Die Corona-Krise hatte uns noch nicht erreicht, als ich das erste Mal zum Jugendzentrum anyway in die Kamekestraße 14, gleich in der Nähe des Westbahnhofs, fuhr. Einige Jugendliche hatten es sich im Eingang bequem gemacht. Sie lachten mich an, als ich über ihre Beine stieg, um mich mit Thomas Haas zu treffen. Thomas betreut hier als festangestellter Mitarbeiter unter anderem die Gastronomie und die Pat:innen. „Neu hier?“, rief mir einer hinterher. „Ich mach einen Beitrag über euch“, antwortete ich und schon waren wir im Gespräch.

Jeder Weg ist möglich

Für die Jugendlichen im anyway ist das Jugendzentrum ein zweites Zuhause. Das anyway steht für „any way“: Jeder Weg ist möglich. Jugendliche von 14 bis 27 Jahren können hier mit anderen jungen Lesben, Schwulen, Bis, Trans*, Inter* und Queers (LSBTIQ*) gemeinsam chillen, etwas trinken, kickern, Billard spielen, Partys feiern und tanzen – einfach eine Menge Spaß haben. Für Neue gibt es einen „Coming-in-Day“, an dem sie sich einfach mal umschauen können, ob das anyway ein Ort für sie sein kann.

Auf der Website des anyway gibt es zwei kurze Filme, in denen Charlie und Julian erzählen, wie ihr Coming-out war und warum für sie das anyway wichtig ist. Charlie berichtet, dass sie ihren Eltern einen Brief geschrieben hat, weil ihr das leichter fiel, als ihnen zu erzählen, wie sie sich fühlt. Zum Glück haben ihre Eltern das cool aufgenommen. Einige Mitschüler in ihrer Schule jedoch haben ihr zugerufen, sie würde in die Jungenumkleide gehören, weil sie auf Frauen steht. „Da geht man dann einfach ins anyway und dann vergisst man das …, weil man weiß, hier gibt es so etwas nicht.“ „Im anyway kann man einfach sein, wer man ist“, ergänzt Julian, der selbst sowohl bei seiner Familie als auch im Freundeskreis viel Akzeptanz erlebt hat. Doch das ist nicht bei allen Jugendlichen so. Julian erzählt, dass er in der Schule einen Freund hatte, der sich als schwul geoutet und dessen Mutter ihn dann nicht mehr als Sohn angesehen hat. Mit Konflflikten ist das Coming-out auch bei vielen Jugendlichen verbunden, die aus dem Ausland nach Köln gezogen sind und deren Familien aus verschiedenen Gründen Probleme mit der Akzeptanz der queeren Gemeinschaft haben.

Das erste queere Jugendzentrum Europas

Köln ist ein Vorreiter der queeren Aktivitäten. Das anyway wurde bereits 1998 gegründet und ist so das erste queere Jugendzentrum Europas. Dreh- und Angelpunkt ist das Café, in dem sich die Jugendlichen und die Mitarbeiter:innen regelmäßig treffen. Doch jetzt ist Corona-Zeit und das anyway musste die Treffen ins Virtuelle verlegen. Jugendliche belastet Social Distancing besonders – Jugendliche, die in ihrem engen familiären Umfeld nicht oder nicht überall ihr wahres Ich zeigen können, noch mehr. In den Zoom-Treffen können sich die Jugendlichen über queere Literatur und Podcasts austauschen oder beim anyway.tv in Schauspielrollen schlüpfen und ihre kreative Ader ausprobieren.

Es gibt Treffpunkte für Neue und Erfahrene, zum Speeddating, nur für Jungs oder nur für Mädchen. Es gibt Spieleabende und zu Weihnachten wurde gebacken.  Übrigens organisieren die hauptamtlichen Mitarbeiter:innen die Treffen immer gemeinsam mit ehrenamtlich arbeitenden Jugendlichen. Mehr als fünfzig Ehrenamtliche arbeiten hier mit.

Café-Abend im anyway © anyway

Caféabend im anyway © anyway

Barrierefrei

Das anyway ist nicht nur offen für queere Jugendliche, Interessierte können auch immer ihre heterosexuellen Freund:innen mitbringen. Doch nicht nur in diesem Sinne ist das Jugendzentrum barrierefrei: Jugendliche, die körperliche Behinderungen haben, sind natürlich willkommen. Wichtig zu wissen ist, dass es ein barrierefreies WC gibt. Viel wichtiger ist jedoch die offene Atmosphäre hier.

Webserie Kuntergrau

Im Netz ist das anyway besonders durch die Webserie „Kuntergrau“ bekannt. Es gibt einige Webserien für LSBTIQ*, jedoch nur wenige, die das tatsächliche Leben nach dem Coming-out zeigen. In „Kuntergrau“ treten junge Erwachsene auf, die sich geoutet haben. Sie leben in Beziehungen, die mal gut, mal nicht so gut laufen, und erzählen vom ganz normalen Leben in Köln. Bereits in der ersten Staffel wurde das Thema HIV angesprochen. Die zweite Staffel wagte sich an Themen wie „Ich liebe mehrere“ und Sexarbeit heran und brach so mit Tabus. In der dritten Staffel geht es um Gewalt gegen schwule Männer und wie es ist, wenn der Freund ein Auslandsjahr in Köln macht und der Abschied vorherzusehen ist. Für die dritte Staffel von „Kuntergrau“ haben die jungen Filmemacher:innen 65 Drehtage und tausende Stunden Arbeit investiert. Es hat sich gelohnt: Mehr als drei Millionen Zuschauer:innen hat „Kuntergrau“ erreicht und gehört damit zu den erfolgreichsten Webserien zum Thema.

Angebote für Schulen

Mit dem Projekt „WiR* – Wissen ist Respekt“ klärt das anyway in Schulen auf. Trotz aller Aufklärung gibt es immer noch viele Vorurteile gegenüber der LSBTIQ*-Gemeinschaft. Schnell werfen Jugendliche mal den Satz „Du bist doch schwul“ in die Runde, was als Schimpfwort gedacht ist. Klassengemeinschaften schließen Schüler:innen, die nach ihrer Identität suchen, aus den gemeinsamen Aktivitäten aus. Das kann bis hin zu psychischer und physischer Gewalt führen. Wenn jedoch Jugendliche selbst über ihr Coming-out vor Jugendlichen sprechen, ist das so genannte Anderssein nicht mehr so fremd. Die Workshops dienen nicht nur der Aufarbeitung, wenn bereits Jugendliche gedisst wurden, sondern auch der Prävention und dem besseren Verständnis, dass Vielfalt eine große Stärke der Gemeinschaft sein kann. Auch während der Kontaktbeschränkungen bietet das anyway diese Workshops an, natürlich online.

Jugendberatung

Seit 2020 wird das anyway von der Stadt Köln mit einer Stelle für Jugendberatung gefördert. Nicht umsonst, aber kostenlos beraten die Mitarbeiter:innen zu dem persönlichen Coming-out oder Fragen, die in Freundschaft, Beziehung und Familie zum Thema aufkommen. Dabei sind die Berater:innen offen für ein Gespräch und das gemeinsame Sortieren der Fragen und Probleme, um schließlich Lösungen für das Leben zu entwickeln. Sie sind alle speziell geschult und können zur sexuellen Orientierung und zu Trans* professionell Antworten geben.

Alle sehnen sich nach realen Treffen

Jetzt im Frühjahr schauen alle im anyway gebannt auf die Entwicklung der Corona- Pandemie. Möglichst schnell möchten sie sich wieder hier treffen. Zoom-Treffen sind eine gute Sache, doch das Leben ist schöner, wenn sie sich sehen und vor allem auch mal wieder umarmen können.

Info:

anyway e.V.
Kamekestr. 14
50672 Köln

Interview

Marcel vom anyway © privatMarcel ist vor eineinhalb Jahren mit seinem Ex-Freund aus dem Kölner Umland in das anyway gekommen und arbeitet im Thekenteam und bei anyway.tv ehrenamtlich mit. Wir haben mit dem 17-Jährigen gesprochen, der noch zur Schule geht und danach bei der Stadt Köln eine Ausbildung machen möchte.

KÄNGURU PLUS: Wieso arbeitest du im Thekenteam mit?
Marcel: Wir sind die ersten Ansprechpartner hier im Haus. Ich habe früher schon bei Familienfesten gern gekellnert. An der Theke kommt man schnell mit Leuten ins Gespräch. In unserem Team haben wir fast immer Spaß. Wir sind diejenigen, die gute Laune im Café verbreiten.

Doch es kommen auch Jugendliche, die Probleme haben?
Wir versuchen, für jeden ein offenes Ohr zu haben. Und wenn wir das Gefühl haben, dass einer ein richtiges Problem hat, dann holen wir uns Hilfe bei den Hauptamtlichen.

Was ist das anyway für dich?
Es ist ein Ort, wo wir uns treffen können und ganz so sein können, wie wir sind. Hier gibt es keine Vorurteile oder blöden Bemerkungen. Hier kann man viele nette Leute kennenlernen.

Aber leicht ist es bestimmt nicht, sich zu outen?
In meiner Familie war das kein Problem. Aber es stimmt schon: Wir müssen schon früh herausfifinden, wer wir sind. Das hat mich selbstbewusst gemacht. Das finde ich gut.

Was macht dir Spaß von den Angeboten im anyway?
Zu Weihnachten haben wir zum Beispiel Kekse gebacken und das gefilmt. Das macht gute Laune und so gibt es für alle auf Instagram etwas zu schauen. Und im letzten Sommer waren wir im Zoo und hatten eine Führung zur „Sexuellen Vielfalt bei Tieren“. Das passt zu uns, fand ich gut.

Die Corona-Zeit hat die Möglichkeit zum Treffen sehr eingeschränkt. Was fehlt dir am meisten?
2019 haben wir zwei große Partys organisiert. Das war ganz neu. 150 Leute sind gekommen und hatten eine gute Zeit hier. Ich hoffe, dass wir das aufnehmen können, sobald Corona es zulässt. Aber besonders für Jugendliche, die sich noch nicht geoutet haben, ist die Situation sehr schwierig. Da fehlt dieser Raum, in dem man sich unbeschwert austauschen kann, sich nicht verstellen muss.

Worin unterscheiden sich denn die virtuellen Treffen von den realen?
Wenn wir uns zum Beispiel bei anyway.tv treffen, und das machen wir jeden Montag, dann quatschen wir problemlos miteinander, da wir uns bereits kennen. Für Neue sind die Online-Treffen viel schwieriger.

Vielen Dank für das Gespräch!

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