Stadtgespräch

Ming Veedel: Sülz

Text & Fotos: Hanka Meves-Fricke · 25.06.2021

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Heckmannhöfe in der Sülzburgstraße in Köln-Sülz

Heckmannhöfe in der Sülzburgstraße in Köln-Sülz

Der Stadtteil Sülz gehört zum 3. Kölner Bezirk – Lindenthal. Die anderen Stadtteile heißen Braunsfeld, Lindenthal, Junkersdorf, Lövenich, Weiden, Klettenberg, Müngersdorf und Widdersdorf.

In der Reihe „Ming Veedel“ stellen wir euch einige der 86 Kölner Stadtteile vor. Dieses Mal stellt euch KÄNGURU-Autorin Hanka Meves-Fricke ihr Veedel Sülz vor.

Einwohner:innenzahl: 36.732 (31. Dez. 2019), Größe: 5,173 km²

Stadtteil-Grenzen: Sülz grenzt im Südosten an die Stadtteile Zollstock und Klettenberg, im Südwesten an Hürth-Efferen, im Norden an die Neustadt-Süd und im Nordwesten an Lindenthal.
„Zu Sülz gehören alle Straßen westlich der Luxemburger Straße und die Straßen des Rechtecks ab Gottesweg bis zur Bahnlinie und der Zülpicher Straße (inklusive), diese stadtauswärts weiter bis zur Gleueler Straße (exklusive) bis zum Autobahnring, dann den Sektor bis zur Luxemburger (exklusive) bis zum Gottesweg.“ (Wikipedia)

Seit wann wohne ich im Veedel?

Da muss ich scharf nachdenken. Unglaublich: Es sind schon 26 Jahre, zuerst in der Luxemburger Straße und jetzt mitten im Herzen von Sülz. Geboren bin ich in Berlin, aber inzwischen bin ich eine echte Sülzerin.

Warum wohne ich hier so gerne?

Hier gibt es alles, was frau, man, kind so braucht: Die Shoppingmeile Sülzburgstraße/Ecke Berrenrather Straße, das Weißhaus-Kino, das CASAMAX Theater für Kinder, vier Buchläden, von denen die Buchhandlung Olitzky schon 40 Jahre von den „Rulands“ geführt wird, die Nähe zu Beethovenpark und Grüngürtel, Cafés und Restaurants und vor allem eine gute Mischung von jungen Familien und Singles, älteren und jungen Menschen. Und alle treffen sich auch heute noch gern am Büdchen, von denen es bei uns sehr viele gibt.

Büdchen in Sülz © Hanka Meves-Fricke
Büdchen in Sülz © Hanka Meves-Fricke

Was macht das Veedel so besonders lebenswert?

Die Mischung macht Sülz lebendig. Die Anbindung zu den Straßenbahnen 9, 18 und 13 ist super. Viele Leute sind mit Fahrrädern unterwegs oder nutzen ein Lastenbike. Hier kann frau oder man abends ausgehen oder auch mit den Kindern auf dem Spielplatz toben und im Park spazieren gehen. Und Grün gibt es übrigens nicht nur dort, sondern auch in den Vorgärten und auf dem Auerbachplatz. Dort wachsen nämlich die größten Sonnenblumen Kölns, die Walter Hoischen, der Mann mit den zwei grünen Daumen, hegt und pflegt.

Vorgärten in Sülz © Hanka Meves-Fricke
Blumen in Sülzer Vorgärten © Hanka Meves-Fricke

Was gefällt mir weniger gut?

Sülz ist so gemischt, weil es viele Genossenschaftswohnungen gibt. Die Genossenschaften haben hier in den 1920er und 30er Jahren günstigen und schönen Wohnraum mit ein bisschen Grün geschaffen und so das enge Wohnen in schäbigen Hinterhöfen abgelöst. Aber die Preise für Wohnungen steigen und steigen. Hoffentlich treibt diese Entwicklung nicht mehr und mehr alteingesessene Sülzer:innen aus dem Viertel.

Zudem kommt frau oder man schon mal schnell in einen Stau, denn hier gibt es eindeutig zu viele Autos. Und wenn frau/man sein Gefährt stehen lässt, kann es passieren, dass es einen Stau auf dem Gehweg gibt: einen Kinderwagenstau. Übrigens habe ich mich als junge Mutter vor Jahren gern daran beteiligt, wenn meine Freundinnen und ich mit unseren Babys unterwegs waren.

Verkerschaos auf der Berrenratherstraße © Hanka Meves-Fricke
Reger Verkehr auf der Berrenrather Straße © Hanka Meves-Fricke

Was macht es zu „meinem Veedel“?

Sülz ist mein Viertel, weil hier unsere Kinder geboren und aufgewachsen sind, die Buchhändler mich mit Namen kennen und meine Freundinnen hier wohnen. Sie kenne ich vor allem aus Kindergarten und Schule unserer Töchter und sie haben für alle Lebenslagen ein offenes Ohr und eine gute Lösung.

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Wie grün ist das Veedel?

Mein Park ist der Beethovenpark. Er ist nur einige Hundert Meter von unserem Zuhause entfernt. Hier gehe ich joggen, hier haben meine Kinder auf dem Wasserspielplatz gespielt und Fahrrad fahren gelernt, hier sind wir während der Corona-Krise Tausende Male im Kreis spaziert, um tief durchzuatmen.

Vom Beethovenpark geht es über eine Brücke direkt in den Grüngürtel, der sich im Halbkreis um das linksrheinische Köln zieht. Was für eine Oase! Welche Freude: die Kastanienallee, der Weiher, Graureiher und Milane in der Luft, die Wiesen, die Laufstrecken und Fitnessanlagen.

Im Grüngürtel – Blick über den Decksteiner Weiher © Hanka Meves-Fricke
Im Grüngürtel – Blick über den Decksteiner Weiher © Hanka Meves-Fricke

Wo kann man Geschichte heute noch erleben?

Wer aufmerksam durch Sülz spaziert, kann an vielen Ecken Historisches entdecken. Es beginnt damit, dass durch Sülz eine römische Wasserleitung verlief, deren Ausgrabungen an der heutigen Berrenrather Straße zu sehen sind.

Römische Wasserleitung © Hanka Meves-Fricke
Römische Wasserleitung © Hanka Meves-Fricke

Der Hof Sülz, ursprünglich Sulpize, wurde schon im Mittelalter erwähnt. Das Weißhaus-Schloss in der Luxemburger Straße, dessen Anfänge im 14. Jahrhundert liegen, zeugt noch heute vom Reichtum der Besitzer. Es war eine ländliche Gegend. Der Name Neuenhöfer Allee erinnert heute noch an den Neuenhof, der im 15. Jahrhundert hier lag. Neben diesen Höfen zeugen ärmliche Dreifensterhäuser, deren Eingang zum Hof ging, von dieser Zeit. In den schön renovierten Heckmannhöfen, in denen früher eine Brauerei ihren Sitz hatte, kann man die Landluft fast noch riechen.

Heckmannhöfe in der Sülzburgstraße © Hanka Meves-Fricke
Heckmannhöfe in der Sülzburgstraße © Hanka Meves-Fricke

Im 19. Jahrhundert siedelten sich dann nach und nach Industriefirmen an: die Strohhutfabrik „Silberberg und Mayer“ in der Lotharstraße, die „Heinrich-DuMont-Zigarrenfabrik“ auf der Berrenrather Straße oder auch eins der ersten deutschen Automobilwerke, später „Priamus-Werk“ genannt, in der Marsiliusstraße. Eins seiner berühmten Autos steht im Kölner Stadtmuseum.

Strohhutfabrik „Silberberg und Mayer“ in der Lotharstraße © Hanka Meves-Fricke
Ehemalige Strohhutfabrik, heute Sitz der Rheinischen Musikschule in der Lotharstraße © Hanka Meves-Fricke

Doch auch um ernste Themen gehen die Sülzer:innen nicht herum. In der Emmastraße gibt es zum Beispiel einen Stolperstein für Dr. Luise Straus-Ernst, bekannte Kunsthistorikerin jüdischer Herkunft, Frau von Max Ernst und Mutter von Jimmy Ernst. Luise Straus-Ernst floh während der Nazizeit aus Köln und wurde 1944 im Konzentrationslager Auschwitz umgebracht. Und ein Denkmal an einem Haus auf dem Gelände der früheren Quester-Tabakmaschinen-Fabrik in der Sülzburgstraße erinnert an die Zwangsarbeiterinnen, die im Zweiten Weltkrieg unter erbärmlichen Bedingungen hier arbeiten mussten.

Denkmal in der Sülzburgstraße und Stolperstein in der Emmastraße in Sülz © Hanka Meves-Fricke
Denkmal für die Zwangsarbeiterinnen der Quester-Tabakmaschinen-Fabrik und Stolperstein für Dr. Louise Straus-Ernst
© Hanka Meves-Fricke

Wer mehr über die Geschichte erfahren möchte, kann in meinem Buch „Das gibt’s nur in Köln“ sowie in Eusebius Wirdeiers „Fotogeschichten von Sülz und Klettenberg“ schmökern.

Wo trifft sich das Veedel?

Sülz hat viele Kinder und viele Spielplätze: Im Beethovenpark gibt es einen Wasserspielplatz, auf dem Platz hinter der Kirche St. Nikolaus viel Sonne und viel Gelegenheit zum Klettern und Rutschen, auf dem Auerbachplatz machen es sich gern Familien mit kleinen Kindern gemütlich. Die Spielfläche auf dem Parkplatz lädt zudem zu Inliner und Roller fahren ein. Und einen Kiosk sowie einen Coffee to go gibt es dort auch.

Spielplatz an St. Nikolaus in Sülz © Hanka Meves-Fricke
Spielplatz an St. Nikolaus in Sülz © Hanka Meves-Fricke

Mein Lieblingsspielplatz

Der Manderscheider Platz ist der beste. Das hängt natürlich damit zusammen, dass unsere Kinder gleich gegenüber in die Schule gegangen sind und wir nach der Betreuung mit den besten Freunden nur die Seite der Straße gewechselt habe. Toll sind dort die Schaukeln, die Seilbahn sowie die große Kletterspinne mit Hängematte. Nicht zu vergessen: die Feuerwanzen, die sich unten an den Bäumen tummeln und wunderbar zu beobachten sind. Und für die Eltern gibt es an der Ecke eine Bäckerei, in der es natürlich einen Coffee to go gibt.

Liebe geht durch den Magen

In der Gelateria Firenze habe ich schon vor 20 Jahren einen leckeren Eisbecher genossen. Man kann schön vor dem Café sitzen und in die Sonne blinzeln, solange einen die vorbeifahrenden Autos nicht stören. Mein Lieblingsrestaurant ist das Balthasar am Auerbachplatz. Dort gibt es den besten Salat und leckere asiatische Gerichte. Doch auch das Palanta gleich um die Ecke ist zu empfehlen, besonders für diejenigen, die Flammkuchen mögen.

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Kult(o)ur durchs Veedel

In Sülz gibt es kaum ein Kind, das nicht eine Vorstellung des CASAMAX Theaters auf der Berrenrather Straße gesehen hat. Seit vielen Jahren überrascht das Ensemble immer wieder mit neuen Ideen. Mit der interaktiven Lesereihe „Bücherbude“ kommen Hille Marks, die Leiterin des Theaters, und ich sogar in die Grundschulen von Köln. In der ehemaligen Strohhutfabrik in der Lotharstaße ist die Rheinische Musikschule beheimatet. Es gibt aber auch private Musikschulen wie zum Beispiel das „Saltarello“. In der Wichterichstraße ist die Stadtteilbibliothek beheimatet, die immer gut besucht ist. Die Bücherei der Katholischen Pfarrgemeinde St. Nikolaus und St. Borromäus liegt in der Lotharstraße. Froh sind die Sülzer aber besonders darüber, dass es auf der Luxemburger Straße das Weißhaus-Kino gibt.

Weisshaus-Kino in Sülz © Hanka Meves-Fricke
Fassade des Weisshaus-Kinos © Hanka Meves-Fricke

„Sport“ im Veedel – wo kann man sich bewegen?

„Wie gut, dass wir den Park haben!“ Das habe ich in den letzten Monaten oft gehört. Im Beethovenpark kann man joggen, Ball spielen und sich an der frischen Luft auf dem Fitness-Parcours bewegen. Doch auch der Sportverein DJK Südwest und der 1.FC Köln sind hier beheimatet. Im Park gibt es zudem Blau-Weiß, die Tennis und Hockey anbieten und tolle Ferienangebote für Kinder. Auf einigen Spielplätzen gibt es Tischtennisplätze, doch ein Skaterpark fehlt nach wie vor.

Im Grüngürtel in Sülz © Hanka Meves-Fricke
Im Grüngürtel in Sülz © Hanka Meves-Fricke

Hier müsst ihr unbedingt mal hin!

Wenn es euch zu uns nach Sülz verschlägt, dann solltet ihr unbedingt mal richtig früh aufstehen und zwischen 5 und 6 Uhr Tiere beobachten am Decksteiner Weiher. Da hüpfen die Hasen nur so wild übers Gras, im Himmel kreisen die Milane und auf der Wiese Richtung Berrenrather Straße hat es sich sogar ein Fuchs in einer Höhle unter einem Baum gemütlich gemacht. Außerdem solltet ihr im CASAMAX Theater ein neues Stück sehen, in der Buchhandlung Sülzburgstraße oder Olitzky oder im Anderen Buchladen etwas zum Schmökern besorgen, im Palanta essen und im Balthasar einen Latte trinken oder auch umgekehrt und im Weißhaus-Kino einen guten Film sehen. Und vergesst dabei auch nicht, an der Eisenwarenhandlung Edmund Bosen in der Marsiliusstraße vorbeizugehen. Vor mehr als 20 Jahren wurde das Geschäft geschlossen, doch die Auslage existiert immer noch. Das Geschäft stammt aus dem Jahr 1875. Nach Edmunds Tod übernahm es seine Frau Agnes, die übrigens nicht die einzige resolute Ladeninhaberin der Familie war. Hier könnt ihr euch die Nase platt drücken und euch wie vor 100 Jahren fühlen.  

Eisenwarenhandlung Bosen © Hanka Meves-Fricke
Eisenwarenhandlung Bosen in der Marsiliusstraße © Hanka Meves-Fricke

Was gibt's sonst noch so?

„Ich habe ihn gesehen“, rufen begeistert zwei Kinder. Ich dreh mich um und da sehe ich ihn auch: Astro-Alex, unseren Kölner Astronauten, der insgesamt schon fast ein ganzes Jahr im All verbracht hat. In der kölschen Kneipe um die Ecke trifft man auf den Musiker und Komiker Hans Süper und im Unkelbach steht frau oder man zum Karneval neben vielen Berühmtheiten in der Schlange. Doch nicht nur über solche Begegnungen sind die Sülzer:innen aus dem Häuschen. Sie können sich auch ganz riesig darüber freuen, wenn sie Eichhörnchen im Garten entdecken, im Duffesbach am Militärring der Bach plätschert und ein Sandfang das Wasser reinigt. Denn eins sind die Sülzer:innen vor allem, ökologisch unterwegs. Allerdings nehmen sie es nicht ganz so genau, wenn sie sich ihren Latte holen, denn der kann auch mal im Pappbecher kommen.

Am Duffesbach in Sülz © Hanka Meves-Fricke
Am Duffesbach in Sülz © Hanka Meves-Fricke

Sülz findet ihr natürlich auch auf dem Kinderstadtplan Lindenthal. Wo ihr euch euren Kinderstadtplan holen könnt und was darauf zu sehen ist, erfahrt ihr über www.kinderstadtplan.koeln.

Und hier findest du noch andere spannende Viertel aus der Reihe „Ming Veedel".


Infos zur Infrastruktur

Schulen

Grundschulen: GGS Manderscheider Platz, GGS Mommsenstraße, Helios Grundschule Mommsenstraße, KGS Berrenrather Straße
Förderschulen: mit dem Schwerpunkt Geistige Entwicklung in der Redwitzstraße
Realschulen: Theodor-Heuss-Realschule Euskirchener Straße
Gesamtschulen: Gesamtschule Lindenthal mit Sitz in der Berrenrather Straße 488
Gymnasien: Elisabeth-von-Thüringen sowie Schillergymnasium in der Nikolausstraße und Hildegard-von-Bingen-Gymnasium in der Leybergstraße
Berufsschulen: Erzbischöfliches Berufskolleg in der Berrenrather Straße

Krankenhäuser/Geburtshilfe in der Nähe

Universitätsklinik in der Kerpener Straße
Evangelisches Krankenhaus Weyertal

Öffentlicher Nahverkehr

KVB Linien 9, 13, 18
Buslinien 130, 131, 134

Stadtteilbibliothek

Wichterichstraße 1

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