Rund ums Baby

Das Geschwisterbuch

Redaktion · 01.12.2020

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Foto: Mark Garner/Captivation.de

Foto: Mark Garner/Captivation.de

„Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn“ ist ein Blog und hat inzwischen eine riesige Fangemeinde. Gerschrieben wird er von Danielle Graf und Katja Seide. Katja Seide erzählt hier von der Suche nach einem Blognamen, Geschwisterstreitigkeiten und dem Gefühl, sein Buch in einer Buchhandlung zu sehen.

Liebe Katja, wie habt ihr beide euch kennen gelernt?

Wir haben uns virtuell in einem Forum für Mütter mit Kinderwunsch kennen gelernt. Danielle und ich schrieben dort ein paar Jahre lang. Immer wieder sagten uns User_innen, dass sie ein Buch von uns kaufen würden, weil unsere Antworten so fundiert waren. Durch die vielen neuen User_innen wurden viele Fragen mehrfach gestellt. Unsere Antworten wurden immer knapper. Das war aber eigentlich unfair den neuen Eltern gegenüber. Also schrieb ich Danielle per Privatnachricht an und fragte sie, ob wir nicht alle wiederkehrenden Fragen als lange, ausführliche Version einmal erklären wollen. Ich schlug vor, das erst einmal in einem Blog zu tun. Danielle wusste nicht, was Blogs sind – damals waren sie noch eher rar. Doch eine kurze Recherche später war sie Feuer und Flamme für unser Projekt. Wir begannen, jede für uns, einen Artikel zu einem Lieblingsthema zu schreiben. Ich stürzte mich eher auf die Erziehungsfragen, Danielle auf alles, was mit Babys zu tun hatte. Ein Blogname fehlte noch.

Als meine erste Tochter geboren war, hatte ich allen Freunden eine SMS geschickt mit den Worten „Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten ist da!“ Wir hatten vier Jahre Kinderwunschzeit und etliche Behandlungen hinter uns. Doch die Anfangszeit mit Baby überforderte mich. Ich hatte mir nicht träumen lassen, was das für eine Umstellung ist. Nach fünf Wochen schrieb ich deshalb meiner besten Freundin eine etwas jammerige zweite SMS: „Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn!“ Mein Baby war da gerade im 5-Wochen-Schub und schrie abends stundenlang. Als wir nun auf Namenssuche für den Blog waren, fiel mir diese SMS wieder ein. Das war doch ein genialer, ein-zigartiger Titel! Klar, zu lang, aber das hatten die Leute damals bei dem Bandnamen „New Kids on the Block“ auch gesagt! Nachdem wir vier Artikel fertig gestellt hatten, gingen wir an die Öffentlichkeit und posteten einen Link in unserem alten Eltern-Forum. Gleich am ersten Tag, am 13.2.2013, hatten wir 2000 Besucher_innen.

Wie kam es vom Blog zum Buch?

Nach zwei Jahren Blog hatten wir genug Artikel, um ein Buch zu füllen. Wir waren schon mehrmals von kleineren Verlagen angeschrieben worden, die uns unter Vertrag nehmen wollten. Doch es passte irgendwie immer nicht für uns. Deshalb entschieden wir 2015, selbst einen Verlag anzuschreiben. Einen, bei dem wir unser Buch gerne sehen würden. Welcher Verlag wäre das? Wir schauten in unser Bücherregal zu all den Ratgebern, die wir selbst gern lasen. So fiel unsere Wahl auf Beltz. Wo Jesper Juul und Herbert Renz-Polster veröffentlicht wurden, wollten wir auch veröffentlichen. Wir schrieben eine kurze Mail an Beltz, mitsamt ein paar Links zu einigen unserer Artikel. Das war natürlich völlig unprofessionell und normalerweise reicht so etwas überhaupt nicht aus, um als Neuautoren die Aufmerksamkeit eines Verlages zu bekommen. Doch wir hatten Glück. Wir trafen uns mit unserer späteren Lektorin Petra Dorn zu einem unverbindlichen Gespräch und überlegten gemeinsam, über welches konkrete Thema wir schreiben wollten. Den gesamten Blog in ein Buch zu quetschen, war keine gute Idee. Welches Thema beschäftigt junge Eltern am meisten?«, fragte sie uns. „Trotzphase“, antworteten wir beide wie aus der Pistole geschossen. Und damit war unsere Zusammenarbeit beschlossen.

Wie war es für euch, das erste Mal euer Buch in der Buchhandlung zu sehen?

Als wir das Buch dann das erste Mal in den Buchläden stehen sahen, war das schon ein tolles Gefühl! Ich weiß noch, dass ich in der ersten Zeit heimlich jeden zweiten Tag in den Buchhandlungen in meiner Nähe nachzählte, ob von den jeweils fünf vorhandenen Exemplaren welche verkauft wurden. Es sah nicht so aus. Doch mein Nachbar, ein Buchhändler, hielt mich eines Morgens im Treppenhaus auf und sagte, unser Buch sei unheimlich beliebt, er käme gar nicht mit dem Bestellen und Auffüllen der Regale hinterher! Tatsächlich waren die ersten Exemplare innerhalb von drei Tagen ausverkauft, Beltz druckte ohne Ende nach. Unsere Blogleser_innen kauften das Buch wie verrückt, einige mehrere Exemplare, um sie zu verschenken, und das machte neue Leser_ innen aufmerksam, so dass die Platzierung des Buches in der Bestsellerliste Woche für Woche stieg. Was für ein Wahnsinnsgefühl!

Was grenzt eure Bücher von anderen Erziehungsratgebern ab? Wie erklärt ihr euch euren großen Erfolg?

Das sind sicher zwei Sachen. Zum einen wurden Ratgeber in der Vergangenheit eher von alten weißen Männern geschrieben. Das machte das, was sie schrieben, nicht falsch, aber vieles geht eben doch an der Realität des Alltags der Familien vorbei. Wir sind zwei Mütter mit zwei und mit drei Kindern und mitten drin im Chaos. Wir sind in virtueller Verbindung mit tausenden anderen Eltern – wir wissen genau, wo der Schuh drückt und welche Themen besprochen werden sollten. Hinzu kommt, dass wir selbst auch Fehler machen. Wir sind keine Heiligen und versuchen uns in unseren Büchern auch nicht als solche hinzustellen. Wenn wir scheitern – und das tun wir – schreiben wir darüber sehr ehrlich. Und erklären dann, was bei uns in der Familie letzten Endes geholfen hat. Deshalb schreiben wir übrigens auch nur Bücher über Themen, die wir selbst mit unseren Kindern schon durchhaben. Wir werden oft darum gebeten, über die Pubertät zu schreiben, aber das können wir noch nicht. Unsere ältesten Kinder kommen jetzt gerade in diese Phase. Dieses Buch können wir also erst in sechs bis acht Jahren schreiben. Doch über die Trotzphase, über die Wackelzahnpubertät und jetzt über z. B. Geschwisterstreit können wir mit gutem Gewissen berichten.

Zum anderen waren bis 2016 nur wenige Ratgeber beziehungs- und bedürfnisorientiert. Zumindest, was die Zeit nach dem Babyalter anging. Es gab schon hunderte guter und fundierter Bücher zum Attachment Parenting bei Babys. Doch es schien, als würden ab dem 1. Geburtstag plötzlich doch alle die alten Erziehungsmethoden empfehlen. Unsere Bücher zeigen einen beziehungs- und bedürfnisorientierten Weg auch für ältere Kinder. Das macht sie für die Leser_innen attraktiv. Denn viele von ihnen wissen zwar, wie sie nicht erziehen wollen, ihnen fehlen aber gangbare Handlungsalternativen. Diese finden sie in unseren Büchern.

Ihr verfolgt einen bedürfnis- und beziehungsorientierten Erziehungsansatz. Wie erklärt ihr diesen jemandem, der noch nie davon gehört hat?

Nun, die Erziehung früher war ja ein bisschen wie bei einer Sportmannschaft: Es gibt einen Trainer/Schiedsrichter, der den Spielern erklärt, was sie genau machen sollen, und ob eine Spielregel gebrochen wurde und welche Strafe es dafür gibt. In dem Fall sind also die Eltern die Trainer und Schiedsrichter und die Kinder die Spieler. Die bedürfnis- und beziehungsorientierte Elternschaft ist eher wie das freie Spiel unter Kindern: Dort werden Regeln gemeinschaftlich besprochen und es entscheiden auch alle gemeinsam, ob diese gebrochen wurden. Dabei kommt es sicherlich öfter zu Diskussionen, aber immerhin haben alle ein Mitsprachrecht, egal, wie alt sie sind. Es ist ein gleichwürdiges Miteinander, kein hierarchisches. Das heiß aber nicht, dass die Kinder tun und lassen können, was sie wollen. Es geht immer darum, dass es allen Familienmitgliedern gut geht und dass die Bedürfnisse von allen befriedigt werden. Es ist ein permanentes Kooperieren, ein Geben und Nehmen, ein In-Beziehung-Sein.

Wie funktioniert bei euch das Schreiben als Autorenduo? Habt ihr Rituale oder eine bestimmte Aufgabenverteilung?

Wir teilen uns die Themen, die wir in den Büchern bearbeiten wollen, auf. Wenn eine von uns eine Vorliebe für ein Thema hat, nimmt sie sich dieses Kapitel vor. Oft übernimmt Danielle Recherchen und die Auswertung von Statistiken, während ich mein pädagogisches Fachwissen einbringe und schwierige Konzepte und Zusammenhänge leichter verständlich für unsere Leser_innen erkläre.

In eurem neuen Ratgeber bekommt das gewünschteste Wunschkind Verstärkung. Wieso widmet ihr euch jetzt Geschwistern?

Wir hatten es ja schon angedeutet: Wir schreiben nur über Themen, die wir selbst schon mit unseren Kindern durchgemacht haben. Das Thema Geschwister, also Geschwisterliebe und Streit unter Geschwistern kommt natürlich auch in unserem eigenen Alltag vor. Wir wissen, wie nervig es ist, wenn alle Kinder sich um den einzigen rosa Trinkbecher oder der Anzahl der Cornflakes in jeder ihrer Schüsseln streiten. Da lag es nah, darüber zu schreiben. Zumal bei den Fragerunden nach unseren Vorträgen immer die Frage kommt »Wann muss ich bei Streit eingreifen?« Das Thema brennt den Eltern unter den Nägeln.

Erzähl doch mal: Welche Geschwisterstreitigkeiten gibt es bei euch Zuhause?

Och, wir haben die typischen Geschwisterstreits wie bei anderen Familien auch. Vor allem geht es natürlich um Aufmerksamkeit von uns Eltern, oder wer jetzt mit welchem Spielzeug spielen darf. Und dann streiten sich meine Kinder wirklich oft um den „besten“ Platz im Zug. Wir sind ja fünf Familienmitglieder, d.h. wir passen nicht alle um einen der Tische, und es können nur zwei von uns aus dem Fenster gucken. Bis sich meine Kinder einigen, wer wo sitzt und warum, und wer auf den fünften Platz auf der anderen Seite des Ganges darf, sind wir oft schon fast am Zielort. Wir Eltern seufzen in der Zeit dann leise in uns hinein. Doch bisher haben die Kinder immer eine Lösung gefunden.

Neben dem neuen Ratgeber erscheint zeitgleich das erste Pappbilderbuch für Geschwisterkinder von euch. Was ist das Besondere an eurem Pappbilderbuch?

Wir wollen mit unserem Pappbilderbuch nah dran sein an der Realität der Eltern da draußen. Deshalb sieht man bei uns auch Unordnung, Genervtheit und Wutanfälle und aufs Handy starrende Eltern auf dem Spielplatz. Wir wollen bei unseren Geschichten ehrlich bleiben und keine Idealfamilien zeigen. Zusätzlich hat unser Pappbilderbuch hinten eine Seite für die Eltern, auf der wir kurz und knapp die neurologischen, psychologischen oder erziehungswissenschaftlichen Beweggründe für das im Buch aufgegriffene Verhalten des Kindes erklären.

Günther Jakobs ist der Illustrator von „Baby ist da“. Was gefällt euch an seinen Bildern?

Er hat unser Herz mit seinem Buch »Papa kann (fast) alles« gewonnen. Darin sieht man einen Vater eine lange Treppe hochsteigen, in beiden Händen hält er übervolle Einkaufstaschen und zusätzlich trägt er auch noch einen Schulranzen auf dem Rücken, ein Kleinkind auf den Schultern und ein Schulkind am linken Arm. Das Bild ist so nah dran an der Realität, dass wir dachten: »Den wollen wir!« Er ist ja selbst Vater von drei Kindern, er weiß einfach, wie es bei Familien Zuhause aussieht und bringt das fantastisch in seine Bilder ein. Außerdem wollten wir jemanden, der es versteht, Emotionen in Gesichtern gut rüberzubringen, da es sich in unserem Pappbilderbuch viel um kindliche und elterliche Gefühle drehen wird.

Ihr seid Autorinnen, Bloggerinnen, Podcasterinnen, haltet Vorträge, seid Mütter und habt dazu noch einen »normalen Job«. Wie sieht euer perfektes Familienwochenende als Ausgleich aus?

Wir sind super langweilig am Wochenende. Danielle verbringt Zeit mit ihrer Familie in ihrem Häuschen mit Garten. Ab und zu fahren sie mit dem Fahrrad zum See zum Baden. Ich wohne mit meiner Familie mitten in der Stadt, wir frühstücken erst gemeinsam, dann chillen wir ein wenig und meist gehen wir dann noch auf den Spielplatz oder in den Park. Alles ganz ruhig und entspannt.

Das Wunschkind bekommt Verstärkung

Geschwister hauen sich, sie lieben sich, sie wollen Aumerksamkeit – und treiben ihren Eltern Schweißperlen auf die Stirn. Gewohnt praxisnah und auf Augenhöhe zeigen die Bestsellerautorinnen, wo sich im Zusammenleben mit mehreren Kindern Freiräume ö‡ffnen, die Eltern für Vertrautheit mit jedem einzelnen Kind nutzen können. Die Bindung steht im Mittelpunkt, aber sie beleuchten auch, warum sich gerade in der Geschwisterbeziehung wichtige Chancen für die Erprobung eines gelungenen Sozialverhaltens bieten. Denn neben Streit gibt es eine große Portion Liebe und Vertrauen. Was Eltern tun können, damit sich jedes Kind in der Familie gesehen fühlt, ohne dass sich die Erwachsenen im Alltagschaos selbst verlieren, beschreiben Danielle Graf und Katja Seide in ihrem neuen Buch.

Danielle Graf /Katja Seide
Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn
Das Geschwisterbuch
Beltz Verlag 2020, 17,95 Euro

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