Medien

„Systemsprenger"

Golrokh Esmaili · 04.11.2019

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Helena Zengel sprengt als Benni jedes System.

Helena Zengel sprengt als Benni jedes System.

Systemsprenger nennt man Kinder, die radikal jede Regel brechen, Strukturen konsequent verweigern und nach und nach durch alle Raster der deutschen Kinder- und Jugendhilfe fallen. Der beeindruckende Film von Nora Fingscheidt erzählt eine Geschichte, die wahr sein könnte.

„Mama, Mama, Maaaaaama!", schreit das verzweifelte Kind auf der Leinwand. Immer und immer wieder. Es ist kaum auszuhalten. Die neunjährige Benni sitzt mit ihrem Schulbegleiter Micha hoch oben an einem Waldhang. Micha will ihr zeigen, was ein Echo ist. Sie beginnt den Hang hinab zu rufen: „Mama! Mama!" Immer und immer wieder. In allen Varianten. Ins Leere. Verzweifelt. Traurig, wütend. Und sie bekommt keine Antwort ...

Eine starke Szene – unfassbar gut gespielt von der elfjährigen Schauspielerin Helena Zengel. Man will dieses zerbrechliche Kind, das sie spielt und das kurz vorher noch in einer unglaublichen Aggressionsattacke einen Gegenstand nach dem anderen auf Mitschüler und Pädagogen geschmissen hat, nur noch in den Arm nehmen und ihm beruhigend zuflüstern ‚Alles wird gut‘. Aber fangen wir vorne an:

Pflegefamilie, Wohngruppe, Sonderschule - egal, wo Benni hinkommt, sie fliegt sofort wieder raus. Das Jugendamt hat für solche Kinder einen Namen: Systemsprenger. Dabei will Benni nur eines: Liebe, Geborgenheit und wieder bei ihrer Mutter wohnen! Doch Bianca hat Angst vor ihrer unberechenbaren Tochter. Als es keinen Platz mehr für Benni zu geben scheint und für sie keine Lösung in Sicht ist, versucht ihr Schulbegleiter und Anti-Gewalttrainer Micha, sie aus der Spirale von Wut und Aggression zu befreien.

Es ist alles wahr

Stark, eindrücklich, hart, überzeugend, überragend – kurzum großartig! Alles Adjektive, die diesen unglaublich intensiven Debutfilm von Nora Fingscheidt beschreiben. Außergewöhnlich gut auch das Spiel von Helena Zengel. Immer wieder vergisst der Zuschauer, dass es sich hier um einen Spielfilm handelt – so überzeugend spielen dieses Kind und der Rest des Teams ihre Rollen. Die Menschen und die Konstellationen sind zwar frei erfunden – aber die Situationen, die Vorfälle und die kleinen Geschichten nicht. Regisseurin und Drehbuchautorin Nora Fingscheidt erzählt nichts, was es nicht tatsächlich gibt oder was vorgefallen ist. So unglaublich es auch für den Zuschauer zu sein scheint.

Intensive Recherche

Die Filmemacherin hat für die Recherche zu ihrem Debutfilm in einer Wohngruppe gelebt, in einer Schule für Erziehungshilfe, einer Inobhutnahmestelle und einer Kinderpsychiatrie mitgearbeitet. Hinzu kamen unzählige Gespräche mit Mitarbeitern von Institutionen oder Ämtern sowie mit Kinder- und Jugendpsychologen. Ein Kaleidoskop von Menschen und Orten, die sie sehr bewegt haben – sagt sie selbst. Das merkt man dem Film an. Sie musste das Thema auch erstmal einige Jahre ruhen lassen, um Abstand dazu zu gewinnen. So hatte das Drehbuch die Zeit, die es brauchte, um zu reifen.

Keine Lösung in Sicht

„Systemsprenger“ macht aufmerksam auf ein Thema, das sich am Rande unserer Gesellschaft bewegt. Er bringt Kinder in den Fokus, die nicht ins System passen. Und er ist genauso ein Plädoyer für Menschen, die bemüht sind, Lösungen für solche Kinder zu finden. Er zeigt auch deren Verzweiflung und Zerbrechlichkeit auf. Auf jeden Fall wird der Film noch lange nach dem Kinobesuch nachhallen und beschäftigen. Die Regisseurin hat damit kraftvoll ein vielleicht noch unbekanntes Thema etwas mehr in die Mitte unserer Gesellschaft gerückt – hoffen wir nur, dass es all der Bennis zuliebe dort noch eine Weile bleiben kann.

Deutschland 2019
Regie: Nora Fingscheidt
120 Minuten
FSK 12
Kinostart: 19. September 2019