Kolumne

Die Attribute von Panem

Frau Karli · 02.02.2021

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© Pexels/Julia M Cameron

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Oder: Betreutes Lernen ... aus dem Leben von Frau Karli

Sie schnüren Materialpakete mit Schokopillen und „Geduldsfäden“ aus Weingummi, begutachten per Zoom Zahnlücken und schicken auch mal Links zu Lernvideos und lobende Worte per Mail. Doch Lehrer müssen keine kreativen Bastelgenies und auch keine Digitalisierungs-Experten sein, um ihren Zöglingen eine wichtige und hilfreiche Stütze zu sein: Was zählt, ist die zugewandte Haltung.

Es ist wieder soweit: Zooms und BBB über den Tag verteilt, dazwischen rattert der Drucker. Es wird getippt, gemalt, gescannt und hochgeladen - wir stecken erneut in den Hungerspielen. Austragungsort: Die Wohnungen und Häuser der Familien, in denen ein Wandel stattgefunden hat. Aus dem privaten Rückzugsort ist ein multifunktionaler Raum geworden, eine Mischung aus WG, Bürogemeinschaft, Krisenzentrale und Ferienwohnung oder Irrenanstalt - je nach Tagesform und Aggregatzustand aller Beteiligten.

Wie gut wir uns unter diesen Bedingungen durch die unterschiedlichen Spielfelder bewegen, hängt von vielen Faktoren ab. Denn natürlich sind die persönlichen Herausforderungen so mannigfaltig wie die Gesundheitstzustände, Familienmodelle und Einkommenssituationen. Doch was allen Familien hilft, ist die Unterstützung von engagierten Lehrern und Betreuern.

Ich staune immer wieder über die sorgfältig und liebevoll geschnürten Materialpakete unserer Zweitklässlerin, deren Lehrerin alles gibt, um auch aus der Distanz den persönlichen Kontakt zu ihrer Klasse zu halten. Was mich aber am meisten beeindruckt, ist ihre Geduld. Es gehört schon einiges an Softskills („Soft“? Haha.) dazu, einen Klassenzoom mit zwei Dutzend Kleinen so in der Spur zu halten, dass tatsächlich auch noch Stoff vermittelt werden kann. Unsere Siebtklässerin hingegenfreute sich neulich bereits riesig über die Mail eines Lehrers, die nach meiner Meinung bloß eine Empfangsbestätigung für die eingereichte Hausaufgabe war. Merke: Wenige Worte, große Wirkung.

Deshalb kehre ich den Spieß um und widme die heutige Kolumne all jenen Lehrerinnen und Lehrern, die auch im aktuellen Sequel der Hungerspiele wieder ihr Bestes geben. Es ist nicht einfach, in chaotischen und aufreibenden Zeiten seinen Job zu machen. Doch wer nach bestem Wissen und Gewissen auslotet, was machbar ist und das auch umsetzt – der wird dankbar wahrgenommen.

Herzlichst Ihre
Frau Karli


© John Krempl/photocase.com

Frau Karli lebt zusammen mit ihren beiden Töchtern und ihrem Mann, der zugleich ihre Jugendliebe ist, in freundlichen Verhältnissen irgendwo im Raum Köln. Sie beherrscht das gesamte Alphabet, hält herzlich wenig von medialer Freizügigkeit und kann alle Familienmitglieder am Duft ihrer Stirn erkennen.

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