Gesundheit

Akkus aufladen in der Mutter-Kind-Kur

Claudia Berlinger · 04.09.2020

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Ruhe finden und Kraft tanken in der Kur auf Rügen

Ruhe finden und Kraft tanken in der Kur auf Rügen

Erschöpfung, Schmerzen, Stress und Schlafstörungen sind nur einige der Belastungsreaktionen, mit denen Mütter im Alltag oft zu kämpfen haben. Eine Kurmaßnahme soll ihre Gesundheit stärken und langfristig erhalten.

„Ich gehe auf keinen Fall ins Wasser, mir ist es viel zu kalt!“, sagt Melanie, allein erziehende Mutter aus Gera bei unserem Strandausflug nach Hiddensee, der im Rahmen des Ausflugsangebotes der Rügener Ostseeklinik Kühlungshörn angeboten wird. Minuten später sehe ich sie aufgeregt ins Meer rennen, weil ihr Sohn Gordon, der die siebte Klasse besucht, zu weit ins Meer hinaus geschwommen ist und sein Armwedeln den Anschein erweckt, er könne in Not geraten sein. Am Ende stellt sich heraus, dass er sich lediglich ein bisschen ungeschickt dabei anstellte, einen neuen Schwimmstil zu üben und die Aufregung zum Glück unnötig gewesen war.

Beim Anblick von Melanies immer noch erschrockenem Gesicht überkommt mich viel Mitgefühl und ich denke so bei mir „Mütter, sie überwinden jeden Schmerz, halten jede Anstrengung aus und würden ihr eigenes Leben aufs Spiel setzen, um das ihres Kindes zu retten.“ Die Alarmglocken alleinerziehender Mütter springen dabei besonders schnell an, da sie das Gefühl, einmal nicht verantwortlich zu sein, einfach mit den Jahren verlernen.

Auszeit vom belasteten Alltag

Erschöpfung, Schmerzen, Stress und Schlafstörungen sind nur einige der Belastungsreaktionen, mit denen Mütter im Alltag zu kämpfen haben. Da kann schnell ein Sog entstehen, der in einer Abwärtsspirale mündet. In der Kurmaßnahme soll die Gesundheit der Mütter gestärkt werden - mit dem Ziel, diese langfristig zu erhalten. Da tut es Müttern wie Melanie gut, sich ein paar der Strategien von Müttern, die im Familienverbund mit einem Partner leben, abzuschauen, denn die haben häufig weniger Probleme damit, sich auch mal auszuruhen und sich nicht für alles und jederzeit zuständig zu fühlen.

„Das ist schon eine große Entlastung, sich die Verantwortung mit jemandem teilen zu können“, erzählt Yvonne (40) die als verbeamtete Lehrerin mit ihrem Ehemann und zwei Töchtern in der Nähe von Hameln lebt. Doch auch sie merkt spätestens, wenn sich wieder ein Neurodermitis-Schub einstellt, dass der Alltag mit Ehemann, Kindern, Haus, Garten und einem fordernden Beruf seinen Tribut zollt. „Ich gehöre zu den Menschen, die für das leben, was sie tun und kann mich nicht immer gut abgrenzen. Ich versuche, Zuhause eine gute Work-Life-Balance hinzubekommen, aber das gelingt mir nicht immer.“

Prima Klima und viel Input

Yvonnes Hautprobleme verbessern sich unter dem Einfluss von Rügens Reizklima zusehends. Die Ostseeklinik Kühlungshörn ist umgeben von weiträumig angelegten Spielplätzen, Wiesen, einer Minigolfanlage sowie einem großen Sportplatz und liegt in unmittelbarer Nähe zum Strand. Paradiesische Zustände der Weite, besonders in Zeiten von Corona. So manche zieht es allmorgendlich um 5 Uhr in der Frühe zum Sonnenaufgang an den Strand, während andere ihre Batterien aufladen, indem sie viel Kontakt zu anderen Müttern suchen, sich akribisch mit ihren Diätplänen befassen oder keine der sportlichen Aktivitäten auslassen, die hier angeboten werden.

Während die Mütter an unserem Tisch beim Abendbrot von ihren sportlichen Aktivitäten berichten, schwärmen wir von Olaf, Luigi, Fritzi oder Prinzessin. Neben den heimischen Pferden finden wir nämlich größtes Gefallen an der schier unendlich nachströmenden Schar von Dackel, Labrador, Ridgeback oder Mops und bei unserem Vorhaben, unseren Rekord von 12 Hundebegegnungen in einer Stunde zu brechen, lassen wir es uns am Hundestrand gut gehen. Doch auch die Kreidefelsen haben es uns angetan. Das Kap Arkona bereisen wir gleich zwei Mal: Über Land - es gibt extra Sommerferienpreise für Tagesfahrten mit dem Bus - und einmal mit dem Schiff. Wir wollen so viel von der Insel kennenlernen, wie möglich.

Jeder Jeck ist anders

So unterschiedlich die Lebensgeschichten und Bewältigungsstrategien der Mütter sind, alle vereinen die Auswirkungen von ständigem Zeitdruck, der täglichen Mehrfachbelastung und Fragen zur Lebensgestaltung, die in Gruppen, auf dem Spielplatz oder beim Nordic Walking besprochen werden. Wer lernen will, fünfe auch mal gerade sein zu lassen, geht in Gesprächsgruppen, die sich mit dem Themen Selbstfürsorge und stressfreie Erziehung beschäftigen, schaut in den hausinternen Infokanal, genießt Massagen mit Fangopackung oder probiert Yoga aus. Yvonne freut sich, dass ihre Mädchen inzwischen in einem Alter sind, das es ihr ermöglicht, auch dann an Zumba & Step Aerobic teilzunehmen, wenn diese nicht in den Kindergruppen betreut sind.

Drei Wochen Auszeit alle vier Jahre

In der Regel haben Mütter alle vier Jahre Anspruch auf eine dreiwöchige Kur. Die Kliniken unterstützen sie entsprechend ihrer Erkrankungen, bieten zusätzlich auch Maßnahmen mit besonderen Schwerpunkten wie Trauerbewältigung oder im Anschluss an Krebstherapien an. „Für mich ist das hier eine wichtige Auszeit und ich habe mir vorher gut überlegt, was ich mir von dieser Kur erhoffe“, erläutert Yvonne ihre Strategie. „Mit einem Teenager setzt du deine Erwartungen bewusst niedrig an, denn dann kannst du froh sein, wenn dein Kind dir noch einen Platz in seinem Leben einräumt und überhaupt Interesse hat, Zeit mit dir und dem Geschwisterkind zu verbringen.“ Es ist die letzte Kur, die sie gemeinsam mit beiden Töchtern machen wird, denn in der Regel endet die Mitnahme eines Begleitkindes ab einem Alter von 14 Jahren.

Mutter-Vater-Kind-Kuren werden immer beliebter

Klassischerweise richteten sich Kurangebote nur an Mütter, die eine Auszeit von ihrer Doppelbelastung brauchten. Seit dem Jahr 2000 haben aber auch Väter Anspruch auf eine Kur mit Kind. Dem Institut für Demoskopie Allensbach zufolge hat die Zeit, die Männer mit ihren Kindern verbringen, in den letzten zwölf Jahren um durchschnittlich 10 Minuten am Tag zugenommen. Ein Indiz dafür, dass ganztägig berufstätige Väter versuchen, sich mehr mit ihren Kindern zu beschäftigen. Weil Familien sich zunehmend darauf verständigen, Alltagspflichten und Kinderbetreuung gleichberechtigter zu verteilen, nimmt die Abstimmungsanforderung in den Familien zu und bringt so auch Väter an die Grenzen ihrer Belastbarkeit. Es überrascht also nicht, dass seit 2014 die Nachfrage nach väterspezifischen Maßnahmen um 31 % auf rund 1.600 teilnehmende Väter gestiegen ist – mit steigender Tendenz.

Männer wollen auch mal gewürdigt werden

Unsere Sommerkur auf Rügen war nur für Mütter konzipiert. Im Winter bietet die Ostseeklinik gemischte Auszeiten für Väter und Mütter in gemeinsamen Kurgängen an. Andere Kliniken gehen den Weg von spezifischen Väter-Kuren. Denn obschon die Belastungen von Müttern und Vätern sich gleichermaßen in Erschöpfungszuständen mit Schlafstörungen, Rückenschmerzen, Herz-Kreislaufbeschwerden bis hin zum Burn-Out zeigen, ist ihr Umgang mit ihren gesundheitlichen Problemen sehr unterschiedlich. Während Mütter gern über ihre Kinder redeten, seien die klassischen Männerthemen eher berufliche Ambitionen, Sport oder Geld. Männer brauchen in ihrer Kur also Raum für andere Gespräche. Viele Männer wollen in ihrer Auszeit mal Schwäche zeigen dürfen und hören, dass diese gewürdigt wird. Dass mal einer sagt: „Sie leisten da einen wertvollen Beitrag“, das scheint ihnen Zuhause zu fehlen, sagt die Therapeutin Johanna Gärtner von der Hochgebirgsklinik in Mittelberg.

Bist du reif für eine Kur?

Hier können Mütter, Väter und Pflegende den Test machen.

Welche Kurmaßnahme könnte die richtige sein?

  • Die Mutter-Kind-Kur ist die bekannteste Kurform.
  • Bei einer Vater-Kind-Kur befinden sich ausschließlich Vater und Kind(er) in der Maßnahme.
  • Bei der parallelen Mutter-Kind und Vater-Kind-Maßnahme sind zeitgleich Väter und Mütter mit den Kindern in der Kur. Häufig werden die Therapieangebote dann genderspezifisch durchgeführt.
  • Die Eltern-Kind-Kur ist eine Auszeit für die gesamte Familie. Sie stärkt die Bindung zwischen allen Familienmitgliedern und gemeinsame Aktivitäten ermöglichen es der gesamten Familie, einmal in Ruhe ganz neue Seiten aneinander zu entdecken.

Für alle Kur-Modelle gilt:

  • Der Arzt bescheinigt den Bedarf anhand der Indikationen für die Mutter, den Vater, die Kinder.
  • Das Kind wird ohne eigene Indikation als Begleitkind eingestuft. Mit eigener Indikation kann es auch medizinische Anwendungen erhalten.

Zu den verschiedenen Kurformen könnt ihr euch hier einlesen. Manchmal sind Mütter so belastet, dass sie eine Auszeit ganz für sich alleine benötigen, um ihre Akkus wieder aufzuladen. Die Mütterkur ohne Kinder gibt es nur beim Müttergenesungswerk.

In vier Schritten zur Kur

in der Regel können Eltern mit Sozialversicherung alle 4 Jahre einen Antrag für eine Eltern-Kind-Maßnahme bei den Krankenkassen stellen. Im Antrag ist ein ärztliches Attest enthalten, das euer behandelnder Arzt ausfüllt.

  1. Besprecht euch mit eurem Arzt, ob er eine Kur für angeraten hält und euch unterstützt. Er füllt dann das Attest aus und wählt die Heilmittel, die ihm sinnvoll erscheinen, um eure Gesundheit zu erhalten oder wiederherzustellen.
  2. Recherchiert im Internet oder nehmt Kontakt zu einer Beratungsstelle auf, die gemeinsam mit euch eine zu eurer Indikation passende Klinik auswählt.
  3. Die Antragsunterlagen schickt ihr an eure Krankenkasse. Es kommt vor, dass Krankenkassen den Antrag ablehnen, da es sich um eine freiwillige Vorsorgeleistung handelt. Der Ablehnung könnt ihr innerhalb einer vierwöchigen Frist widersprechen und so doch noch an einer Kurmaßnahme teilnehmen.
  4. Ihr solltet die Maßnahme innerhalb von vier Monaten antreten, könnt aber auch eine Verlängerung beantragen, um zum Beispiel in den Schulferien fahren zu können.

Hier könnt ihr euch in einer der ca. 1000 Beratungsstellen in Deutschland beraten lassen, welche Kurmaßnahme für euch die richtige ist. Oder ihr ruft gleich beim Kurtelefon an: 030 - 33 00 29 29. Auch eure Krankenkasse bietet Informationen zum Verfahren der Antragsstellung.

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