Familienleben

Wie können Eltern ihre Söhne fördern?

Anke Breitmaier · 14.01.2021

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© canva

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Sie sind lauter, haben mehr Probleme in der Schule, sie werden öfter drogensüchtig und sind häufiger in Unfälle verwickelt. Jungen haben offenbar kein gutes Image. Sind sie wirklich so oder eilt ihnen ihr Ruf nur voraus? Ist es heute schwerer, Junge zu sein? Und wie können Eltern ihre Söhne fördern?

Henri ist neun Jahre alt und hat immer Flausen im Kopf. So beschreibt es zumindest seine Mutter Susanna (47). Wenn er aus der Schule kommt, schmeißt er seinen Rucksack in die Ecke, stürmt ins Spielezimmer und drischt erstmal auf sein Schlagzeug ein. Das muss so einiges mitmachen. „Für Henri ist das Aggressionsabfuhr, der muss alles rauslassen“, sagt seine alleinerziehende Mutter.

Von wilden Kerlen und impulsiven Rabauken

Die Nachbarn haben sich schon öfter beschwert. Auch weil Henri das Wort „leise“ nur vom Hörensagen kennt. „Der ist einfach so temperamentvoll, da hilft nichts.“ Nur wenn Henri mit Kopfhörer vor seiner Playstation sitzt, wird es ruhig. „Er ist halt ein richtiger Rabauke, ein Junge eben“, erklärt seine Mutter. Manchmal kann das ganz schön stressig werden, nicht nur für sie. Auch das Umfeld bekommt Henris Impulsivität zu spüren. Die Klassenlehrerin muss ihn immer wieder zur Ruhe mahnen, Zoff mit Kumpels regelt Henri gerne mit der Faust. Und neulich, da musste seine Mutter sogar was wegen Sachbeschädigung klären.

Mädchen sind anders. Jungen auch.

Ist das „normal“ für Jungs? Gehört es zu ihrer Entwicklung, dass sie Phasen durchlaufen, in denen sie sehr temperamentvoll, besonders aggressiv und darum von außen betrachtet schwieriger sind als Mädchen? Ja, meint Hans Hopf. Jungen haben andere Stärken und Schwächen als Mädchen und gehen anders damit um, schreibt der Psychotherapeut für Kinder und Jugendliche in seinem Sachbuch „Jungen verstehen“. Das Verhalten von Jungen könne man nur dann richtig beurteilen, wenn man bedenke, dass die Persönlichkeit von Wechselbeziehungen zwischen Körper und Geist im sozialen Kontext geprägt werde.

Dass es mitunter große Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen gibt, ist Resultat eines sehr komplexen Zusammenspiels von biologischen, seelischen und sozialen Faktoren. Eine wesentliche Rolle spielt dabei die körperliche Entwicklung. Mit Beginn der Vorpubertät zwischen dem 10. und 13. Lebensjahr steigt die Produktion des Sexualhormons Testosteron bei Jungen im Körper sprunghaft an. Das ist der Startschuss für den körperlichen Umbau. Aber auch die Psyche verändert sich dadurch.

Das Testosteron macht´s

Allen voran sind die männlichen Sexualhormone bei Jungen Treiber von bestimmten Verhaltensweisen. Besonders Testosteron fördere die Kampfeslust, mache Jungen unruhig und aggressiv, schreibt Hans Hopf. Diese auf sie einströmenden Spannungen, die körperlich gesteuert werden, müssen Jungen verarbeiten. Das tun sie anders als Mädchen, offensiver und nicht selten unbeholfener. Innerliche Spannungszustände externalisieren Jungen öfter als Mädchen, das heißt, sie richten ihre Gefühle nach außen, lassen sie im wahrsten Sinne des Wortes „raus“. Wo ein Mädchen vielleicht still weint, schreit ein Junge und haut auf den Tisch – aber nicht, weil er unbeherrschter ist, sondern weil er keinen anderen Weg sieht, seine spannungsgeladenen Gefühle loszuwerden.

Dabei neigen Jungen manchmal zu einer stärkeren Selbstliebe als ihre oft eher unsicheren Altersgenossinnen, erklärt Hans Hopf. Diese narzisstische Haltung führe dazu, dass Jungs gerade in Krisensituation Nähe und Beziehungen meiden und sich selbst überschätzen. Wo Mädchen sich zurückziehen, nachdenklich und zweiflerisch werden, gehen Jungen bisweilen aufs Ganze und werden waghalsig.

Schwächen können Stärken sein

Schon ist der „schwierige“ Junge geboren, der sich weniger anpasst und weniger gefallen will als das gleichaltrige Mädchen. Dabei können sogar störende Verhaltensweisen im Kern Stärken sein – wenn Jungen lernen, sie zu kanalisieren. Das, was sie im Umgang mit anderen und für ihr Umfeld manchmal schwierig macht, kann genau das sein, was ihre Persönlichkeit voranbringt und sie im Positiven antreibt:

  • Ihre Risikobereitschaft kann sie wagemutiger und damit offener für Neues machen.
  • Jungen stürzen sich eher in Abenteuer, haben Freude an Entdeckungen und können sich in technische Details versenken.
  • Sie haben Ausdauer und Durchsetzungsvermögen, lieben körperliche Bewegung und sind begeisterte Tüftler.

Jungen – das problematische Geschlecht?

Etwa zwölf Prozent aller zehnjährigen Jungen erhalten die Diagnose ADHS. Rund 60 Prozent der Jugendlichen ohne Hauptschulabschluss sind männlich. In allen Altersgruppen haben Jungen ein nachweislich höheres Unfallrisiko. Und sie sind in Kriminalfällen deutlich häufiger Tatverdächtige oder Opfer als Mädchen. Solche Zahlen können durchaus den Eindruck erwecken, Jungen wären „schlimmer“ als Mädchen. Auffällig ist aber, dass die Grenzen zwischen normalem und unnormalem Verhalten dabei zu verfließen scheinen. Ist es gleich ein Alarmsignal, wenn ein Junge mal über die Stränge schlägt? Kann man Schulprobleme nur dem Verhalten zuschreiben und sind Unfälle immer selbst verschuldet? Meist kommen doch immer viele Faktoren zusammen. Dennoch sieht es fast so aus, als würde jungentypisches Verhalten bisweilen pathologisiert, also ihre Empfindungen und die Art, wie sie sind, als krankhaft bewertet.

Weiblich geprägtes Umfeld

Wie Jungen sind, hat viel damit zu tun, in welcher Gesellschaft sie aufwachsen. Unsere ist nach wie vor sehr frauendominiert: In Kitas, Kindergärten und Schulen arbeiten zum Großteil Frauen. Und auch zuhause ist trotz immer größerer Männerbeteiligung sehr oft die Mutter diejenige, die den Familienalltag organisiert und damit den größten Einfluss auf die Entwicklung der Kinder hat. Und Frauen gehen eben zurückhaltender mit Gefühlen um, verhalten sich anders und sind auf Harmonie bedacht – das geben sie auch in der Erziehung an Jungen weiter.
Außerdem sind Jungen im 21. Jahrhundert einem verunsichernden und bisweilen ziemlich widersprüchlichen Leistungsdruck ausgesetzt. Sie sollen funktionieren, sich anpassen und Gefühle zeigen. Gleichzeitig wird von ihnen aber erwartet, dass sie einen eigenen starken Willen zeigen und ihren „Mann stehen“. Einerseits soll ein Junge also lieb und einfühlsam sein, andererseits aber auch cool und selbstbewusst, denn dies sind noch immer männliche Attribute.

Väter sind gefragt

Dabei braucht ein Junge für die Entwicklung seiner Identität unbedingt auch Männer, sagen Psychologen. In der Familie, in ihrem Umfeld, im Kindergarten und in der Schule müssen sie Vorbilder finden können, an denen sie sich orientieren und Vorstellungen für das eigene „Mannsein“ entwickeln können. Oft fehlen sie aber, männliche Vorbilder und Einflüsse. Nicht nur in den Institutionen, in denen Erziehung stattfindet. Sondern auch daheim. Der Vater als „entwicklungsfördernder Störenfried“ sei häufig abwesend, sagt Hans Hopf. Dabei sei er in der frühen Kindheit für Jungen eine Art Befreier aus der engen Beziehung zur Mutter, später werde er zum Rivalen. So forme und organisiere er ein intensives System von Gefühlen. „Bevaterte Kinder können besser mit ihren Triebimpulsen umgehen als Kinder ohne Vater“, schreibt der Psychotherapeut. Dabei sei es egal, in welcher Familienform ein Kind aufwachse. Als weiteren Grund für die auffälligen Jungen sieht Hans Hopf die „Angst vor Erziehung“ in vielen Familien. Eltern sehen sich oft als Freunde ihrer Kinder, drücken sich vor missliebigen Entscheidungen und Maßnahmen, um Auseinandersetzungen zu vermeiden. Dadurch entstünden aggressive Hemmungen: Statt sich dem Kind gegenüber durchzusetzen, wird schon mit kleinen Kindern, die damit völlig überfordert sind, über selbstverständliche Dinge diskutiert.

„Mehr Freiraum für männliche Bedürfnisse“ >> Hier lest ihr ein Interview mit Dipl.-Päd. Frank Eckloff, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut >>

Buchtipp: Jungen verstehen

Dr. Hans Hopf (geboren 1942) ist einer der renommiertesten Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeuten in Deutschland. Seit vielen Jahren befasst er sich mit der Entstehung von männlicher Identität. Was macht Männer aus, wie werden sie zu dem, was sie sind und wo beginnt der Entwicklungsprozess, der Jungen zum „schwierigen Geschlecht“ abstempelt?
In „Jungen verstehen“ fasst Hans Hopf seine Gedanken und Erkenntnisse verständlich zusammen. Wie läuft die kindliche Entwicklung ab, welche Rolle spielen Mütter und Väter? Wie lassen sich Verhaltensweisen von Jungen wie Aggressionen, Unruhe und Risikobereitschaft erklären? Und wie können Eltern, Pädagogen und Erzieher gut damit umgehen? Diese Fragen beleuchtet Hans Hopf eingehend und fundiert, aber so klar, dass jeder, der sich mit der Thematik befasst, etwas daraus ziehen kann. Sein Apell: Wir sollten Jungen und ihre Anliegen besser wahrnehmen, um ihnen geben zu können, was sie für eine gesunde Entwicklung brauchen.

Hans Hopf
Jungen verstehen
Klett-Cotta Verlag, 20 Euro

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