Familienleben

„Mehr Freiraum für männliche Bedürfnisse“

Anke Breitmaier · 14.01.2021

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Anke Breitmaier spricht mit dem Dipl.-Pädagogen Frank Eckloff, der als Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut in Frankfurt arbeitet  und sich mit der Frage beschäftigt, was Jungen brauchen, um gut und glücklich heranzuwachsen.

Herr Eckloff, ist es schwer als vor 50 Jahren, ein Junge zu sein?

Sicher hatten es Jungen vor 50 Jahren in manchen Bereichen leichter. Das gesellschaftliche Umfeld war überschaubarer, die medialen Möglichkeiten und Verführungen waren viel geringer, die Geschlechterrollen klarer. Diversität ist etwas Großartiges – allerdings auch manchmal eine Herausforderung bei der Identitätsentwicklung.
Aber vergleicht man das mal mit Kindern der Nachkriegsgeneration, erkennt man auch Parallelen: Es gab weniger Verlässlichkeit innerhalb der veränderten Familienstrukturen und viele abwesende Väter.
Auch heute sind Familien anders aufgestellt, als es traditionellerweise der Fall war. Dabei spielt der Wandel hin zu neuen Familienmodellen – ob Patchwork, alleinerziehende oder gleichgeschlechtliche Eltern – meines Erachtens nach keine Rolle. Entscheidend ist die Dynamik innerhalb der Familienkonstellation. Wenn Eltern ihrer erzieherischen Verantwortung aufgrund eines schwelenden Paarkonflikts nicht mehr gerecht werden, sich die Väter entziehen oder ein Junge beispielsweise zum Partnerersatz für den alleinerziehenden Elternteil wird, dann fehlt es an Orientierung, liebevoller Fürsorge und Sicherheit.

Was hat sich denn konkret verändert?

Jungen reagieren auf Unsicherheiten heute in anderer Qualität, würde ich sagen. Über das Körperliche konnten Jungen früher viele Spannungen kompensieren. Dann haben sie sich halt mal geprügelt, das wurde eher als „normal“ toleriert. Heute wird unangepasstes Verhalten – also wenn Jungs zu laut, unruhig oder ungehorsam sind – viel schneller problematisiert.
Die Spielräume für jungentypisches Verhalten sind also enger geworden. Das hat auch damit zu tun, dass Frauen in der Erziehung überdominant sind. Viele Jungen haben hauptsächlich weibliche Bezugspersonen. Da wird typisches Mädchenverhalten oft intuitiv bevorzugt. Von Jungen wird erwartet, dass sie sich anpassen.

In der Schule zum Beispiel ist kein Platz für ihren Bewegungsdrang. Dazu kommt ein oft durchgetaktetes Hobbymanagement – dann wird der Junge zum Fußball geschickt, damit er sich austoben kann. Aber selbst lässt man ihn nicht ausprobieren, wie er Spannungszustände alleine bewältigen kann. Da fehlen Freiräume, in denen Jungen ein Gefühl der Selbstwirksamkeit entwickeln können.

Sind Jungen also wirklich schwieriger geworden?

Sieht man sich Statistiken an, kann man bestimmt in manchen Bereichen eine Veränderung feststellen. Jungen werden vielleicht öfter bei Straftaten registriert und sind in Drogendelikte oder Unfälle verwickelt. Aber das sind nur Zahlen, keine Beweise dafür, dass das Verhalten von Jungen schwieriger geworden ist.
Es kommt immer darauf an, woran man das festmacht. Untersuchungen von 2012 belegen beispielsweise, dass nicht mehr Jungen in Psychotherapiepraxen auftauchen. Nimmt man das als Gradmesser, dann scheint das nicht zu stimmen.
Aus meiner Erfahrung hat sich aber schon die Qualität des abweichenden Verhaltens verändert. Jungen zeigen mehr Auffälligkeiten in Form von externalisierenden Störungen. Also solchen, bei denen sie aggressiv und impulsiv reagieren, wie etwa bei einer Störung des Sozialverhaltens oder beispielsweise der Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS).

Was sind „Jungenprobleme“, denen Sie in Ihrer Praxis begegnen?

Viele kommen mit Auffälligkeiten, die man unter ADHS zusammenfasst. Sie zeigen eine erhöhte Impulsivität, sind hyperaktiv und haben Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren. Aber diese Probleme können viele verschiedene Ursachen haben. Das muss nicht immer gleich die Diagnose ADHS sein und mit Medikamenten behandelt werden. Oft stecken auch Depressionen und Selbstwertprobleme dahinter.
ADHS ist genau genommen auch keine Krankheit, sondern eine Reaktion auf soziale Umstände und Beziehungsfaktoren. Man hat zum Beispiel festgestellt, dass bei Pfadfindern siginfikant weniger ADHS-Fälle vorkommen. In der Pfadfindergemeinschaft scheint mehr Platz für jungentypisches und selbstwertstärkendes Verhalten zu sein.
Mentalisierungsschwierigkeiten erlebe ich auch öfter. Mentalisierung bedeutet einfach ausgedrückt, ablesen zu können, was im Erleben anderer vorgeht. Reflektiv lernt man so auch, seine Gefühle besser einzuordnen. Jungen gelingt das manchmal nicht so gut.

Warum fällt es vielen Jungen schwer, mit Gefühlen umzugehen?

Oft wird das von Generation zu Generation weitergegeben: Die Väter können nicht über ihre Empfindungen sprechen, also können sie auch nicht an ihre Söhne weitergeben, wie „Mann“ das macht.  Hinzu kommt, dass zu viel Emotionalität als unmännlich gilt. Wenn ein Mann seinen Gefühlen besondere Aufmerksamkeit schenkt, wird er als weich oder sensibel gesehen, alles Eigenschaften, die eher als weiblich empfunden werden. Darum wird dieser Aspekt, also wie man Emotionen wahrnimmt und ausdrückt, bei der Entwicklung von Jungen zu sehr ausgeklammert.

Wie können Eltern ihre Söhne stärken?

Sie sollten ihnen viele Erfahrungsspielräume ermöglichen. Etwas weniger Helicopterkontrolle in der Erziehung wäre gut, dafür mehr Anreize und Motivation für unstrukturierte Freiräume. Das können Alltagsinseln sein, wo ein Junge alleine für sich ist, ohne Steuerung und Reglementierung. Da muss auch mal Langeweile herrschen, damit neue Kreativität entstehen kann. Jungen wollen auch eine Rangordnung schaffen, sich darin positionieren, dafür Widerstände überwinden. Sie müssen sich mal „reiben“, gegen etwas sein können und Konflikte austragen. Aber dafür brauchen sie auch Vorhersehbarkeit und Orientierung, also klare Grenzen und Strukturen. Dabei helfen ihnen beispielsweise Rituale des körperlichen Wettbewerbs in Form von Toben und Raufen.

Das ist natürlich eine Herausforderung für Eltern. Sie müssen in Auseinandersetzungen konsequent bleiben, sich durchsetzen und ihre Söhne mit Verständnis und Toleranz begleiten. Wichtig ist auch, dass „männliche“ Eigenschaften positiv bewertet werden und „männlichen“ Bedürfnissen in der Entwicklung der nötige Raum zugestanden wird. Ganz entscheidend sind zudem positive Beziehungserfahrungen mit – soweit vorhanden – beiden Elternteilen, die als Geschlechtervorbilder präsent sind.

Danke für das Gespräch!

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