Familienleben

Interview mit Dr. Mai Thi Nguyen-Kim

Inga Drews · 18.02.2022

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© Viet Nguyen-Kim

© Viet Nguyen-Kim

Auf YouTube, in Büchern und im Fernsehen: Dr. Mai Thi Nguyen-Kim klärt uns auf über wissenschaftliche Themen, von Fluoriden und Zahnpasta über Prokrastination bis hin zu Zeitumstellung. Auf ihrem preisgekrönten YouTube-Kanal mailab erreicht sie mehr als 1 Millionen Abonnent:innen und ihr Video „Corona geht gerade erst los" war 2020 das meistgeklickte YouTube-Video in Deutschland.

Faktenbasiert und unterhaltsam bringt sie den Zuschauer:innen Wissenschaft auch in ihrer Show „MaiThink X“ auf ZDFneo nahe. Zum Start der zweiten Staffel haben wir uns mit Mai unterhalten und mit ihr über Chemie, das Elternsein und die Zukunft gesprochen.

KÄNGURU: Was war dein erster Kontakt mit Naturwissenschaften und wann war für dich klar, dass du in der Chemie deins gefunden hast?

Mai: Mein Papa ist Chemiker. Ich habe noch einen älteren Bruder und wir sind beide auch Chemiker geworden. Mein Papa hatte offenbar einen klaren Einfluss und er weiß sehr viel. Eine meiner frühesten Erinnerungen an Chemie in dem Sinne war, wie ich mit meinem Papa im dm rumlaufe und er mir irgendwelche Inhaltsstoffe erklärt. Ich glaube, ich hätte das nie so als Naturwissenschaften oder Wissenschaft oder Schulfach wahrgenommen. Das war für mich immer so eine Art Lebenswissen. Es ist einfach cool, wenn man die Welt so lesen kann wie ein Buch oder wie eine Shampoo Flasche. Es war auch immer irgendwie Teil des Alltags, dass ich wie alle Kinder immer wissen wollte, warum irgendwas so ist und mein Papa konnte eben ziemlich viel erklären. Und in der Schule, muss ich wirklich sagen, war der Chemie-Unterricht so mittel. Ich fühle mit allen, die Chemie abgewählt haben und es ganz doof finden. Ich weiß auch nicht, was wir da in der Schule gemacht haben. Ohne meinen Papa wäre ich gar nicht auf die Idee gekommen, Chemie zu studieren und darauf, dass das so lebensnah ist.

Dein anderes Steckenpferd ist Medienarbeit. Wie bist du denn dahin gekommen? Wie hast du das gelernt, so tolle Beiträge zu machen?

Ich war schon immer breiter interessiert und hatte auch viele Hobbys. Ich habe zum Beispiel viele Jahre getanzt. Ich war während der Doktorarbeit auch Teil der RWTH-Hip-Hop-Auftrittsgruppe. Eines Tages stolperte ich über eine Ausschreibung, die da hieß: „Forschertanzen“. Der Name war Programm. Forschende wurden dazu aufgefordert, ihre Forschung vorzutanzen. Ich dachte, das ist so bescheuert, da muss ich unbedingt mitmachen. Ich habe meine Leute von der Auftrittsgruppe zusammengetrommelt und meine Ideen gezeigt, wie wir das, woran ich gearbeitet habe, vertanzen. Wir haben uns eine Kamera ausgeliehen, uns ein Wochenende getroffen und die Sachen getanzt. Danach habe ich YouTube-Tutorials geschaut, wie man Videos schneidet, und mein erstes Video gebastelt. Das so unglaublich viel Spaß gemacht, dass ich sofort gedacht habe: „Boar, das ist voll das coole Hobby.“

War das die Geburtsstunde von Mailab, deinem YouTube-Kanal?

Noch nicht. Während der Doktorarbeit hatte ich schon die erste Idee, einen YouTube-Kanal zu machen, über Wissenschaft zu sprechen und das Schöne, dass ich an der Wissenschaft sehe, mit vielen anderen zu teilen. Aber es hat dann ein Jahr oder so gedauert, bis ich mich mal getraut habe. Dann war das erstmal mein Hobby. Irgendwann hat Funk mich entdeckt und jetzt bin ich hier.

Du setzt dich mit deinen Videos sehr für die wissenschaftliche Aufklärung ein. Hast du einen Trick, um auch Jugendliche oder junge Menschen zu erreichen? Das ist ja nicht deine ausschließliche Zielgruppe, oder?

Nein. Grundsätzlich freu ich mich über jedes Alter, weil ich davon überzeugt bin, dass das Interesse für Wissenschaft wenig mit Alter zu tun hat. Wissenschaft – gerade Naturwissenschaften – betreffen ja das Leben, das ist für jeden interessant. Ich denke, dadurch, dass ich bei YouTube angefangen hab, hatte ich automatisch ein jüngeres Publikum. Da bin ich total dankbar. Gerade junge Leute sind fast grundsätzlich ein bisschen offener als Erwachsene, die schon ihre Erfahrungen gemacht haben, die in Ideologien festgefahren sind – von Wissenschaftsverweigerinnen bis zu Flacherdlern – und die nicht mehr zuhören wollen. Das sehen wir auch in den Kommentaren, zum Beispiel beim Impfen. Da heißt es beispielsweise: „Meine Eltern hatten da ein bisschen Sorge, aber danke für das Video. Ich konnte sie jetzt auch ein bisschen beruhigen.“ Das ist es schön zu sehen, dass wir, wenn man nicht unbedingt auf die lautesten, bösesten Kommentare schaut – was man auch nicht machen sollte, weil die nicht repräsentativ sind –, schon viele erreichen.

Du behandelst in deinen Formaten – auch deiner Sendung „Maithink X“ – ganz verschiedene Themen. Wie sucht ihr die aus?

Also, „Maithink X“ ist dazu da, um sich ganz bewusst politisch und gesellschaftlich heiß diskutierte Themen vorzuknöpfen und die zu versachlichen. Da möchte ich gegen diesen Trend von übereinfachen, unterkomplexen, schwarzweißen Antworten gehen. Ich bin davon überzeugt, dass es genug Menschen gibt, die die Schnauze voll haben davon und es einfach genau wissen wollen. Das ist unser Ziel. Wir sitzen in größerer Redaktionsrunde zusammen und diskutieren, was für Themen einen umtreiben, was man so hört. Dann wird schnell deutlich, dass Wissenschaft so komplex, detailliert, nuanciert und differenziert ist, dass dieses Schwarzweiß immer aufgebrochen wird. Es treten zwangsläufig immer mehr Graunuancen hinzu und es gibt oft keine eindeutigen Antworten. Ich glaube, dass merkt man an auch an der Themenauswahl. Sie soll meine Überzeugung widerspiegeln, dass Wissenschaft nicht nur irgend so ein Schubladen-Orchideen-Nerdwissen ist, sondern gesellschaftlich relevant und unendlich breit – von etwas eher philosophische Themen wie Meinungsfreiheit über was Medizinisches bis hin zu Zeitumstellung. Das ist genau das, was ich an der Wissenschaft so toll finde.

Gerade, weil sie so breit gefächert ist, wäre es mal interessant zu wissen, ob deine Formate auch mal für den Schulunterricht benutzt werden könnten.

Ich kriege immer wieder Nachrichten, dass irgendwas von mir in der Schule geschaut wurde. Das freut mich immer, aber das ersetzt natürlich keinen Unterricht. Zur Schule gehört auch eine gesunde Grundlage, eine wissenschaftliche Allgemeinbildung. Um den Lehrplan kommt man nicht herum. Ich habe es da gut und kann mir für meine Arbeit immer die spannendsten Themen aussuchen. In irgendeiner Welt, in der ich Zeit dafür hätte, würde ich aber gerne an Materialien arbeiten, die ganz speziell für Schule gemacht sind.

Du bist vor einiger Zeit Mutter geworden. Wie hat denn die Corona-Zeit deine erste Zeit mit deinem Kind beeinflusst?

Ich habe ja ein richtiges Corona-Kind. Anfang 2020 kam es auf die Welt. Es ist so alt wie die Pandemie. Ich habe das Gefühl, dass es optimales Timing war. Meine Tochter ist zum Beispiel jetzt 2 geworden und sie hat den Geburtstag in Quarantäne verbracht. Ich stell mir vor, wenn sie nur ein Jahr älter wäre und sich schon so gefreut hätte auf ihre Mini-Geburtstagsparty und das fällt dann aus – wie schlimm. Und solche Momente gibt es ja Tausende jeden Tag. Da hatten wir unglaublich viel Glück. Ich habe auch das Gefühl, dass meine Tochter mich ein bisschen gerettet in den letzten zwei Jahren, die für mich beruflich anstrengend waren. Andere hatten Probleme, überhaupt Arbeit zu finden, und bei uns Wissenschaftsjournalisten war es genau das Gegenteil. Wir waren überladen und dann die ganze Aufmerksamkeit, das ist schon viel. Mit ihr war ich irgendwie in einer anderen Welt. Sie hat mich jeden Tag daran erinnert, was wirklich zählt und dass das, worüber ich mir grad den Kopf zerbreche, auch nur halb so wild ist. Das hat mir sehr geholfen.

Was wären denn für dich Punkte, die sich in der Zukunft ändern müssen – vor allem mit Blick darauf, dass es auch die Zukunft deines Kindes ist?

Das größte Ding – abgesehen von dem Klimawandel natürlich – ist die Art und Weise, wie wir als Menschen miteinander umgehen, vor allem im Netz. Was heißt im Netz? Es ist schon sehr lange nicht mehr so, dass es eine Trennung zwischen Internet und echtem Leben gibt. Ich finde es beunruhigend zu sehen, wie die Empathie verloren geht, wie Hass im Netz nicht nur verbreitet, sondern auch herangezüchtet wird. Dann haben wir, im weitesten Sinne, eine Informationskrise. Überall gibt es vermeintliche Expert:innen und es ist einfach sehr schwierig, sich verlässlich zu informieren. Das sind zwei Krisen – also einmal diese Informationskrise und diese Empathie-Krise, nenn ich es jetzt mal, – die jede beliebige Krise, sei es jetzt Corona oder den Klimawandel, um ein Vielfaches verstärken. Und im Gegensatz zur Klimakrise, bei der wir ja noch technologische Lösungen haben, haben wir bei Empathie-Verlust keine technologische Hilfe. Im Gegenteil, Social Media verstärkt das alles nur. Da mache ich mir wirklich Sorgen, wenn ich an die Zukunft meiner Tochter denke. Das Beste, was wir da tun können, ist, mit besserem Beispiel voranzugehen und dagegen zu halten.



Dr. Mai Thi Nguyen-Kim, geboren 1987, ist Wissenschaftsjournalistin und Autorin („Die kleinste gemeinsame Wirklichkeit“, Droemer Knaur). In ihrer Show „MAI THINK X“ beschäftigt sie sich mit wissenschaftlichen Themen, die uns alle betreffen. Die neue Staffel läuft ab 6. März 2022 (sonntags, 22.15 Uhr, auf ZDFneo). Mai Thi Nguyen-Kim lebt mit ihrer Familie im Rhein-Main-Gebiet.

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