Bildung

Wann ist ein Kind schulreif?

Thea Wittmann · 22.06.2015

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© iStockPhoto.com / nata_zhekova

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Schultüte, Ranzen, große Aufregung – fertig ist das i-Dötzchen? Wann ein Kind schulreif ist, was auf die Kleinen wartet und was wiederum von ihnen erwartet wird, erklärt Autorin Thea Wittmann.

Schule, ich komme! Auf die Schultütenschlepper und Neuranzenbesitzer wartet der erste Schultag, und mit ihm beginnt für die Kleinen ein neuer Lebensabschnitt. Die Kids sind schulreif – aber sowas von! Was bedeutet das eigentlich? Was muss ein Kind können, um eingeschult zu werden?

Was ist „schulreif“?

Früher war die Sache klar: Wer bestimmte Dinge konnte, der galt als schulreif. Auf einem Bein hüpfen zum Beispiel. Oder mit dem rechten Arm über den Kopf fassen, um mit der Hand das linke Ohr zu erreichen. „Diese einfachen Tests sagten relativ wenig darüber aus, ob ein Kind den Anforderungen der Grundschule tatsächlich gewachsen war“, sagt Sven Feddern, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin im Gesundheitsamt der Stadt Köln. Denn lange Arme oder ein ausgeprägter Gleichgewichtssinn garantieren nicht, dass sich ein i-Dötzchen in der neuen Schulumgebung zurechtfindet.

Um festzustellen, ob ein Kind für die Schule bereit ist, wird inzwischen ein standardisiertes Verfahren verwendet, das sich SOPESS (Sozialpädiatrisches Screening für Schuleingangsuntersuchungen) nennt. Das Screening ergänzt die medizinische Expertise der Schulärzte.

Die Einschulungsuntersuchung findet entweder in der Schule oder im Gesundheitsamt statt. „Statt des Begriffes Schulreife, wird heute eher der Begriff Schulfähigkeit verwendet“, erklärt Feddern. Und dazu sollte ein Vorschüler die nötigen sozialen, emotionalen, geistigen und körperlichen Fähigkeiten mitbringen. Sollte bei der Schuleingangsuntersuchung ein – schulrelevanter – Förderbedarf des Kindes erkennbar sein, so wird dieser von den Schulärzten mit den Eltern vor der Einschulung besprochen und gegebenenfalls eine therapeutische Empfehlung ausgesprochen.

Was von Schulanfängern erwartet wird ...

Auf ein schulfähiges Kind warten eine Reihe neuer Aufgaben. Daher prüft der Facharzt nicht nur, ob die angehenden Erstklässler körperlich gesund sind und ob sie gut sehen und hören können. Er achtet darauf, ob sie sich für Sechsjährige angemessen bewegen, testet ihre Sprachkompetenz, Aufmerksamkeit, grob- und feinmotorische Fertigkeiten und ob sie in der Lage sind, Aufgabenstellungen zu verstehen und auszuführen. Was genau in diesem Test vorkommt, darf Sven Feddern natürlich nicht verraten. „Dann könnten Kinder die Aufgaben vorher üben und das würde den Test überflüssig machen.“
Auch das Sozialverhalten fließt in die Beurteilung des Kindes mit ein: Wie sieht es im Umgang mit anderen Kindern aus? Weiß der Vorschüler, was „nacheinander“ bedeutet? Kann er seine Bedürfnisse zurückstellen oder muss er immer Erster sein? Reagiert er in einer Konfliktsituation aggressiv?

… und was sie wirklich noch nicht können müssen

Kein Schulneuling muss absolut stillsitzen – und das kann er auch gar nicht. Noch vor ein paar Wochen ist er mit dem Roller über den Hof der Kita geflitzt, nun ist deutlich weniger Bewegung angesagt. Deshalb müssen Schulneulinge nicht starr auf ihren Plätzen verharren, sie dürfen auch häufiger mal die Sitzposition wechseln. Dann das Sitzen ist für sie eine neue Disziplin. „In der Pause brauchen die Kinder einen Ausgleich zum Sitzen und sollen auf dem Schulhof spielen und toben können“, so Feddern.

Doch mit dem Schulstart kommt es noch zu weiteren Veränderungen. Manche Kinder vermissen ausreichend Zeit zum Spielen. Auch wenn zu Beginn der Schulzeit Lerninhalte spielerisch vermittelt werden, kann ein Erstklässler sich den Leistungsanforderungen nicht entziehen. Die Erwartungen sind oft hoch. Als Zeichen dafür, dass ein Kind eventuell überfordert ist, nennt Sven Feddern  z. B. Niedergeschlagenheit, Rückzugstendenzen oder eine negative Selbsteinschätzung. („Ich kann das alles nicht …“). Oft weinen sie, klagen morgens über Bauch- oder Kopfschmerzen („Ich kann nicht in die Schule, mir tut der Bauch weh“) und können abends schlecht einschlafen. „Dann ist es wichtig, mit dem Kind zu reden und ihm Sicherheit und Rückhalt zu geben. Die Eltern sollten auf jeden Fall das Gespräch mit der Lehrerin oder dem Lehrer suchen“, sagt der Facharzt.

Auch Zeitdruck ist für die Kleinen neu, sowohl im Klassenraum als auch bei den Hausaufgaben. „Aufmerksam werden sollten Eltern, wenn ihr Kind zum Beispiel für die Hausaufgaben sehr viel Zeit benötigt. Als zeitliche Obergrenze für deren Erledigung gilt in der ersten Klasse häufig eine halbe Stunde“, sagt Feddern.

Den Spaß nicht bremsen

„Kinder freuen sich auf den Schulbeginn und Eltern können diesen Entwicklungsschritt unterstützen und ihr Kind positiv verstärken“, so der Facharzt. Das heißt nicht, dass Mama und Papa jede Kleinigkeit über den grünen Klee loben sollen. Doch sie können die Begeisterung über neu Gelerntes teilen und den Spaß an Buchstaben und Zahlen fördern. Und Bemerkungen über den „Ernst des Lebens“ verkneifen sie sich lieber – damit die Kinder mit gutem Gefühl in die Schule starten.

Wie Eltern einen guten Schulstart unterstützen:

Die Eltern schaffen die Rahmenbedingungen für einen gesunden Start in den Schulalltag: für ausreichend Schlaf sorgen, den Medienkonsum nach Möglichkeit beschränken (30 Minuten maximal) und das Kursprogramm außerhalb der Schule eingrenzen, wenn sie feststellen, dass es dem Sprössling zu viel wird.

„In der Pause, im Schulsport und in der Freizeit brauchen Grundschulkinder Gelegenheit, sich ausreichend zu bewegen“, sagt Dr. Josef Kahl, Sprecher der Nordrheinischen Kinder- und Jugendärzte. Seine Empfehlung: Ein Schulkind sollte seinem Alter angemessen täglich sportlich aktiv sein: turnen, tanzen, Fangen spielen, Rad fahren – Hauptsache Bewegung.

Um ausgeschlafen zur Schule zu kommen, muss ein Erstklässler nicht unbedingt um sieben Uhr im Bett liegen. „Schulanfänger sollten 10 bis 12 Stunden Schlaf bekommen, die Schlafmenge ist aber individuell unterschiedlich“, sagt Dr. Kahl. Jeder hat sein eigenes Pensum. „Lieber sollte das Kind noch ein Bilderbuch mit ins Bett nehmen als eine Stunde wach zu liegen“, rät der Düsseldorfer Kinderarzt.

Schulranzen: maximal zehn Prozent des Körpergewichts

Schreib- und Arbeitshefte, Tagesmappe, Federmäppchen – an Gewicht kommt im Schulranzen einiges zusammen. „Der Inhalt darf maximal zehn Prozent des Körpergewichts betragen, besser wären fünf Prozent“, so Dr. Kahl. Ein Schulkind mit 25 Kilogramm Gewicht sollte damit nicht mehr als 2,5 Kilogramm mit sich herumschleppen.

Zum gesunden Schultag gehört auch gesunde Ernährung – mehr Obst und Gemüse, weniger Süßigkeiten und ein Pausenbrot, das schmeckt. „Zwingen Sie kein Kind zum Essen, wenn es in der Pause keinen Hunger hat“, meint Dr. Kahl. Am besten soll das Schulkind aussuchen, was es mitnehmen möchte. Apfel, Joghurt, Kräcker, ein Stück Gurke, Zwieback sorgen für Abwechslung in der Brotdose.“ Eine Trinkflasche mit etwa einem halben Liter Wasser oder Fruchtschorle – fertig ist der Pausenproviant