Ausflug

Achtsamkeitstraining im Malort

Golrokh Esmaili · 22.03.2018

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Alles wird vorbereitet © Golrokh Esmaili

Alles wird vorbereitet © Golrokh Esmaili

Mutter und Tochter waren wieder on Tour und diesmal hat uns unser Weg zu einem echten Malort geführt. Dieser hier gehört Katinka Dermietzel und liegt in Nippes – einer von insgesamt drei Malorten in ganz Köln.

So ein „Malort“ ist etwas ganz besonderes – im besten Fall ein bewertungsfreier Ort, an dem wir unser Innerstes herausmalen können. Hier gibt es keine äußeren Einflüsse, also keine Fenster, kein Durchgangsverkehr etc. ... Die Konzentration liegt im Hier und Jetzt.

Das sogenannte „Malspiel“, das hier stattfindet, ist ein freies, nicht angeleitetes Malen in diesem dafür speziell eingerichteten Raum. Der Raum ist – egal wo – immer gleich ausgestattet: In der Mitte steht der Palettentisch mit einem Feuerwerk aus 18 Farben und 54 Pinseln. Gemalt wird im Stehen an den dafür hergerichteten Wänden. Entstanden sind die Malorte – deutschlandweit gibt es inzwischen rund 60 davon – nach dem Vorbild von Arno Stern, der viele, viele Jahre um die Welt gereist ist und an den unterschiedlichsten Orten Kinder hat malen lassen. Tausende von Bildern sind so entstanden, und Stern fiel auf, dass im Grunde alle Kinder – unabhängig von ihrer Herkunft – je nach Alter bestimmte Dinge malen. Durch äußere Einflüsse wie Bewertung und Leistungsdruck verlieren sie aber nach und nach ihren ursprünglichen Zugang.

Einfach mal sein lassen

Katinka Dermietzel, selbst Künstlerin und Inhaberin des Kunstortes, in dem sie diesen Malort eingerichtet hat, erklärt uns, dass sie während des Malspiels keine „Anleiterin“ sei, sondern eine „Dienende“. So hängt sie uns beispielsweise zu Beginn weiße Blätter auf Augenhöhe mit Reißzwecken auf. Ihre Rolle während dieser Zeit sei es, es allen so angenehm wie möglich zu machen. Ist der Pinsel zu nass und beginnt die Farbe auf dem Bild zu tropfen, sieht sie es und eilt herbei. Oder sie hängt die Reißzwecken um, bevor wir darüber malen können. Hui, gar nicht so einfach, sich so ja, tatsächlich ‚bedienen’ zu lassen. Immer wieder muss ich an ein Ashram und an Achtsamkeit denken, während wir sehr konzentriert unsere Bilder malen. Die Anwesenden großen und kleinen Maler – und es sind einige – unterhalten sich zwar untereinander und trotzdem ist aber jeder für sich und beschäftigt sich intensiv mit seinem Bild.

Malspiel im Malort

Zurückgezogen kann Mann, Frau oder Kind sich hier farbenprächtig austoben. Oberster und wichtigster Grundsatz ist: Niemand wird bewertet und niemand bewertet andere. Allein dafür lohnt es sich schon, einen Malort auszuprobieren. Denn das Nichtbewerten ist ganz schön schwer. Immer wieder muss auch dem Impuls wiederstehen, meiner Tochter zu sagen, wie schön ihr Bild geworden ist. Zurückhaltung ist hier gefordert und wird geübt. So haben wir am Ende über 1,5 Stunden Seite an Seite nebeneinander her gemalt. Ohne Druck. Mit Plaudern und Zuhören. Und das Ergebnis bleibt gut behütet bei Katinka. Denn die Bilder verlassen den Malort nicht. So bleibt der Schaffensdruck aus. Und sie können auch nicht von anderen Menschen bewertet werden. Sinn macht es übrigens, einen Kurs über einen Zeitraum von sechs Monaten oder einem Jahr zu machen. Denn je mehr man dort versinkt, desto mehr tritt man aus der Erwartungshaltung des Bewertetwerdens heraus. Und so haben Mutter und Kind jetzt also einen gemeinsamen, festen Termin in der Woche. Besser geht’s nicht!

Danke Katinka für diese wundervolle Erfahrung!

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