Rund ums Baby

Interview: Adoption in Regenbogenfamilien

Anja Janßen · 23.09.2016

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© Susanne Krauss

© Susanne Krauss

Buchautor Tobias Rebisch hat mit seinem Partner ein Kind adoptiert und spricht mit BabySpezial über das Vatersein, das Leben als Regenbogenfamilie und neue Familienpläne.

Baby Spezial: Sie haben fast vier Jahre gewartet und dann war Luis plötzlich von einem Tag auf den anderen da. Wie war das für Sie?

Tobias Rebisch: Wir hatten ja erst eine Auslandsadoption geplant, aus der leider nichts geworden ist und haben uns dann für die Inlandsadoption entschieden, bei der – wie uns gesagt wurde – die Chancen auf ein Baby gleich null wären. Deshalb haben wir den Säuglingskurs nicht gemacht. Der Anruf hat uns dann natürlich ziemlich überrumpelt – emotional und praktisch. Wir waren null Komma null vorbereitet. Wir hatten gar nichts zu Hause. Natürlich hatten wir Erfahrung mit unseren Nichten und Neffen. Aber es ist was anderes, wenn man dann sein eigenes Kind in den Händen hält. Wir haben uns dann einfach auf unser Bauchgefühl verlassen, auf unsere Intuition und das war auch gut so.

In Ihrem Buch erzählen Sie von Ihrer Sorge, dass Mütter instinktiv „Tricks“ im Umgang mit Babys auf Lager haben, die Sie als Mann nicht kennen.

Wir haben uns am Anfang sehr mit der Frage auseinandergesetzt: Braucht ein Kind eine Mama? Was gibt sie ihm, was wir nicht geben können? Was machen Frauen anders? Deshalb habe ich sehr den Kontakt zu Müttern gesucht, die Kinder im selben Alter hatten.

Was würden Sie Männern gerne sagen, damit sie selbstbewusster im Umgang mit Babys sein können?

Die Mutter muss natürlich auch ein Stück loslassen können und dem Mann etwas zutrauen. Männer müssen ihren eigenen Weg finden und nicht einfach die Mutter nachmachen. Es funktioniert auf anderem Wege, aber es funktioniert. Man braucht nicht so eine große Schüchternheit haben im Umgang mit Babys. Sie wirken sehr zerbrechlich, aber man kann sich auf seinen Bauch, auf sein Herz und seine Intelligenz verlassen.

Welche Situationen führen dazu, dass sie mit Ihrem dreijährigen Sohn über die Adoption und das Thema Regebgenfamilie reden?

Momentan ist das noch kein großes Thema bei uns, weil es für Luis kein großes Thema ist. Für ihn ist es selbstverständlich, dass er einen „Papa“ und einen „Papi“ hat. Vor Wochen haben wir ein Familienbuch angeguckt, mit einem Vater, einer Mutter und Kindern. Da hat er schon gefragt, ob er denn keine Mama hat. Wir haben ihm dann erklärt, dass er eine Mutter hat, aber die eben nicht bei uns leben kann. Auf dem Spielplatz, im Schwimmbad erzählt er ganz selbstbewusst von seinem „Papi“ und seinem „Papa“. Es steht bald ein Kita-Wechsel an und ich könnte mir vorstellen, dass es da vielleicht nochmal Thema wird, weil es für die anderen Kinder etwas Neues ist. Aber hier in seiner alten Kita ist es auch für die anderen Kinder völlig normal.

Wenn Luis in die Pubertät kommt, wird es um Identitätsfindung und Entdeckung der eigenen Sexualität gehen. Wie sehen Sie dieser Zeit entgegen?

Total offen. Wir sind dankbar, miterleben zu dürfen, wie er sich entwickelt und er entwickelt sich toll. Jedes Jahr kommt etwas Neues. Und alles was ihn belastet oder nicht belastet, möchten wir auch miterleben. Ich hoffe, dass er dann weiß, wo sein Zuhause ist und dass er mit allem zu uns kommen kann.

Luis wird von zwei Männern erzogen. Wie unterscheiden Sie und Ihr Partner sich in Ihrer Erziehung oder den gelebten Rollenmodellen?

Ich arbeite Teilzeit und bin viel mit Luis zusammen. Marc arbeitet Vollzeit und kommt ganz klassisch abends spät nach Hause. Es kann schon sein, dass Luis bei ihm manchmal etwas mehr Freiheiten hat, dass Marc vielleicht etwas großzügiger ist. Aber ansonsten unterscheiden wir uns von der Erziehung her nicht. Marc unternimmt vielleicht mehr sportliche Aktivitäten mit Luis und ich mehr Kreatives wie malen und basteln.

Wie fühlen Sie sich als Regenbogenfamilie von den meisten Menschen wahrgenommen?

Wir fühlen uns wirklich durchweg positiv wahrgenommen. Anfangs habe ich geglaubt, dass ich mich erklären und rechtfertigen muss, weil ich ausgefragt werde. Aber die Menschen haben wirklich Interesse an unserer Geschichte. Im Urlaub haben wir neue Leute kennengelernt und für die war das alles total selbstverständlich.

Was ist aus dem Wunsch einer zweiten Adoption geworden?

Wir warten derzeit wieder darauf, dass der heiß ersehnte Anruf kommt. Luis weiß, dass er vielleicht ein Brüderchen oder Schwesterchen bekommt.  Es ist wieder eine Inlandsadoption. Drei Jahre sollen zwischen den Adoptionen liegen und wir haben direkt, nachdem Luis drei wurde, die Unterlagen ausgefüllt.

Wie stehen Sie einer Tochter gegenüber?

Bei der ersten Adoption haben wir angegeben, dass wir einen Jungen adoptieren möchten, weil wir Sachen, die wir selbst erlebt haben, vielleicht besser vermitteln können. Das Jugendamt hat uns dann sogar trotzdem für ein Mädchen empfohlen, wir sind aber beim Jungen geblieben. Jetzt ist es tatsächlich so, dass wir auch ein Mädchen nehmen. Erstens, weil wir Erfahrung mit Kindererziehung gesammelt haben, wir trauen uns das jetzt einfach komplett zu. Außerdem wünscht sich Luis so wahnsinnig eine Schwester, der er die Haare kämmen kann.

Luis leibliche Mutter hat Sie gezielt ausgewählt, wünscht aber keinen Kontakt zu Ihnen. Was würden Sie Ihr sagen, wenn Sie einmal mit Ihr sprechen könnten?

Das ist eine schwierige Frage. Ich habe auch schon oft daran gedacht, was man sagen könnte, wenn man sie treffen würde. Es müssten, glaube ich, weniger Worte sein als ein dankbarer, glücklicher Blick. Alles andere steht mir nicht zu. Sie könnte alles fragen, was sie über uns wissen wollte. Sie hat uns das größte Glück geschenkt, und ich hab keine Worte dafür, genauso wie jetzt.

Vielen Dank für das Gespräch.

Buchtipp

Zwei Papas und ein Baby

©Heyne Verlag


Zwei Papas und ein Baby

Tobias Rebisch
Heyne Verlag, 2016
14,99 Euro

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