Rund ums Baby

Finger weg vom Alkohol

Ursula Katthöfer · 01.04.2015

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Pro Jahr kommen in Deutschland mehrere Tausend Kinder mit einer Fetalen Alkoholspektrumstörung (FASD) zur Welt. Schwangere Frauen können ihrem ungeborenen Kind schon mit wenig Alkohol lebenslang schaden.

Sam* hat schon versucht, Spülmaschinentabs zu essen. Manchmal legt er seine Hand auf die rote Herdplatte, um zu testen, ob sie heiß ist. Den Hund nervt er, bis der beißt. Um die Karnevalsgruppe zu sehen, klettert Sam aufs Fensterbrett – auf die Außenkante. Fremde Menschen umarmt er stürmisch. Er kann schreien wie am Spieß, um kurz darauf in lautes Lachen auszubrechen.

„Sam ist kein Horrorkind“, sagt Petra Holz. „Aber er kennt keine Grenzen, hat keine Angst. Er ist distanzlos, provokant und braucht eine 24-stündige Rund-um-Betreuung. Trotzdem lieben wir ihn.“ Das Gehirn des Fünfjährigen ist geschädigt. Das ist neurologisch nachgewiesen. Er hat eine Fetale Alkoholspektrumstörung, abgekürzt FASD (von englisch: fetal alcohol spectrum disorder). Sam ist das Kind einer alkoholkranken Frau.

In der 25. Schwangerschaftswoche kam er zur Welt, 810 Gramm schwer. Die ersten Lebensmonate blieb er im Krankenhaus, musste mehrmals wiederbelebt werden. Seine Mutter hat kein Geheimnis daraus gemacht, während der Schwangerschaft getrunken zu haben. Bei einem Schluck Sekt ist es nicht geblieben. Hochprozentiges war an der Tagesordnung. Damit hat sie ihr ungeborenes Kind für den Rest seines Lebens geschädigt: körperlich, seelisch und geistig.

Typische Krankheitsmerkmale

Petra Holz ist nicht Sams leibliche Mutter. Sie und ihr Mann haben drei gesunde Kinder. Bereits im Jahr 2002 überlegten die beiden, etwas von dem Glück, das sie angesichts ihrer eigenen Kinder empfinden, an die Gesellschaft zurückzugeben. Sie haben sich viele Jahre vorbereitet. 2010 kam Sam zu ihnen, für ihn wurde eine sogenannte Erziehungsstelle eingerichtet. Ein professionelles Team begleitet Familie Holz: Die Erziehungsstellenberaterin ist jederzeit ansprechbar, ein Vormund ist über alles informiert, in einer Kölner Selbsthilfegruppe tauschen Pflegeeltern von FASD-Kindern sich aus.

„Menschen, die Sam nicht kennen, halten ihn für schlecht erzogen“, sagt Petra Holz. Fachleute können bereits an seinem Äußeren erkennen, dass er eine FASD hat. Für sein Alter ist Sam sehr zierlich. Die großen abstehenden Ohren und die eng beieinanderliegenden Augen sind typisch für sein Krankheitsbild.

Seine leibliche Mutter hat sich zurückgezogen. „Bevor ich diese Frau kennengelernt habe, war ich wirklich sauer auf sie“, erzählt Petra Holz. „Das hat sich relativiert, als ich sie getroffen habe. Sie ist krank.“ Anfangs gab es einen respektvollen Umgang miteinander. Alle sechs Wochen traf die Mutter ihren Sohn. Doch seit zwei Jahren schafft sie es offenbar nicht mehr, Kontakt zu ihrem Kind zu halten – aus Scham oder Schuldgefühlen. Sam weiß das. Und leidet darunter. Er hätte gern Kontakt.

Alkoholentzug als Baby

Denn Sam kann trotz aller Aufregung, die er ständig verbreitet, sehr lieb sein. „Er hat sehr gute Antennen für Stimmungen“, erzählt Petra Holz. „Wenn sich im Kindergarten ein Kind verletzt, tröstet er. Ist er allerdings derjenige, der für die Tränen eines anderen Kindes verantwortlich ist, kann er nicht nachempfinden, was er getan hat.“

Zurzeit besucht Sam einen inklusiven Kindergarten. Dort hat er Bewegungs- und Sprachtherapie, um Entwicklungsverzögerungen so weit wie möglich zu beheben. Eine gute Prognose für sein Erwachsenenalter hat er nicht. „90 Prozent aller FASD-Kinder gehören als Erwachsene in spezielle Wohngruppen“, sagt Petra Holz. Und schiebt nach: „Wohngruppen, die es nicht gibt.“

Für sie und ihre Familie wird das Leben mit Sam nicht einfacher. Der Alkohol bleibt ein Schreckgespenst. Denn als Neugeborenes hatte Sam bereits einen Alkoholentzug. Sobald er sein erstes Bier trinkt, kann er rückfällig werden.

*Alle Namen von der Redaktion geändert  

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