Gesellschaft

Was brauchen Kinder und Familien nach einem Jahr Corona-Krise?

Nicolai Stumpp · 04.02.2021

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Kampfkunstlehrer Nicolai mit jungen Schülern

Kampfkunstlehrer Nicolai mit jungen Schülern

Wir fragen Menschen, die mit Kindern leben und arbeiten nach ihrer Meinung. Ein Jahr Corona hat uns alle ganz schön mitgenommen. Wie verarbeiten wir diese Situation als Gesellschaft? Welche Folgen hat Corona für die Entwicklung unserer Kinder? Was tut Familien jetzt gut? Und was können sie so gar nicht gebrauchen?

„Eine starke Zukunft braucht starke Kinder!
“ erklärt Nicolai Stumpp, Kampfkunstlehrer, Kinderbuchautor und Vater eines Sohnes.

„Als die Corona-Krise plötzlich da war, sind mir viele Gedanken durch den Kopf geschossen. Meine größte Sorge galt dabei meinem Sohn. Wird er die Chance haben, in einer Welt groß zu werden, in der er eine gesunde und gute Entwicklung durchleben und zu einem starken Menschen heranwachsen kann? Oder wird das Virus das verhindern?
 Dieser Gedanke hat mich nicht losgelassen. Was bedeutet eigentlich eine gesunde und gute Entwicklung für Kinder? Meiner Meinung nach stellen soziale Erfahrungen auf jeden Fall ein zentrales Element dieser dar. Bieten wir Kindern einen geschützten Rahmen und die nötigen Freiräume, um sich auszuprobieren, dann können sie lernen, wie man sich in dieser Welt behauptet, seinen Platz in einer Gemeinschaft findet, wie man Freunde gewinnt oder auch verliert. Es ist die Summe aus ganz vielen Erfahrungen auf mentaler und auch auf körperlicher Ebene, die unsere Kinder stark macht.

Kinder brauchen Kontakt

Ich finde es unerlässlich, dass Kinder die Möglichkeit bekommen, miteinander und voneinander zu lernen. Auch der Kontakt zu anderen erwachsenen, glaubwürdigen Vorbildern außer Papa und Mama sind für die Entwicklung junger Menschen zentral. Das Zuhause sollte für unsere Kinder ein sicherer Hafen sein, in dem sie neue Kraft schöpfen, um gestärkt in die Welt hinauszugehen. Das Elternhaus allein und die Betrachtung der Welt über einen Bildschirm kann eine große Vielzahl an Erfahrungen aber nicht ersetzen. Viele Kinder haben ihre guten Freunde seit Monaten nicht mehr ohne Maske oder außerhalb des Computerbildschirms gesehen. Ihnen fehlen das Feedback und die Anerkennung, die durch Mimik und nonverbale Signale, die man nur im gemeinsamen Raum wahrnimmt, sichtbar werden.

Kinder empfinden Zeit anders

Wir dürfen nicht vergessen - für uns Erwachsene sind die Corona-Maßnahmen verhältnismäßig kurz. Unsere Kinder sind jedoch noch nicht so lange wie wir auf dieser Welt. Für ein sechsjähriges Kind sind sechs Monate Maßnahmen ein Zwölftel seines Lebens. Da die meisten Menschen jedoch erst im Alter von etwa drei Jahren beginnen, bewusste Erinnerungen zu entwickeln, kann man sogar sagen, dass sechs Monate ein Sechstel des Lebens sind, an das sich ein sechsjähriges Kind erinnern kann.

Kinder sind sehr belastet

Natürlich, Ausnahmen gibt es immer, aber ich denke, ich spreche für eine Vielzahl der Kinder und Jugendlichen, wenn ich sage, dass die Situation eine extreme Belastung für sie darstellt. Im Onlinetraining, welches ich aufgrund der Corona-Maßnahmen anbiete, sprechen wir aktuell viel über die Situation und es wird deutlich, dass sich die Stimmung vieler Kinder und Jugendlicher immer weiter verschlechtert. Sie wirken zunehmend bedrückt, verängstigt, wütend, traurig, verunsichert und fühlen sich machtlos. Viele verharren in einer Art Schockstarre und es wird für sie immer schwerer, die Aufmerksamkeit auf positive Dinge im Leben zu richten. Ihr gesamter Alltag hat sich verändert und alle Bereiche ihres Lebens werden von den Corona-Maßnahmen bestimmt.

Kinder dürfen nicht in Angst-Orten lernen

Auch wenn Lehrkräfte versuchen, sich an die Situation anzupassen und das Beste für alle daraus zu machen, schockiert es mich zu hören, wie sich einige Schulen aufgrund der politischen Maßnahmen verwandelt haben. Die Kinder und Jugendlichen erzählen von festen Sitzordnungen mit Sicherheitsabstand, vormarkierten Wegen, die man nicht verlassen darf, festgelegten Arealen, in denen man nur mit bestimmten Kindern spielen darf ... Das erinnert mehr an einen Gefängnisfilm, als an einen Ort, der zum Lernen und Wachsen da ist, damit sich unsere Kinder zu starken Persönlichkeiten entwickeln.

Kinder sind viel mehr als nur Überträger von Viren

Es scheint fast, als habe sich eine Art Wettbewerb entwickelt, wer am besten virologisch denken kann, und das ohne Tabus. Kinder und Jugendliche so zu verunmenschlichen, sie lediglich als potentielle Überträger zu sehen und ihnen einzureden, dass sie eine Gefahr für die Menschheit sind, wenn sie all das nicht brav ertragen, ist meiner Meinung nach falsch und darf so nicht weitergehen. Kinder und Jugendliche sind die Zukunft der Menschheit. Es ist notwendig, dass sie in die Schule gehen und ihren Hobbys und anderen Aktivitäten nachgehen können. Kinder brauchen ihre Freunde und Erfahrungen außerhalb des Elternhauses, sie brauchen es, miteinander und voneinander zu lernen und sie müssen die Welt mit allen Sinnen wahrnehmen.

Sinnvolle Maßnahmen mit einem Fokus auf Risikogruppen
Lasst uns nicht die vielen guten pädagogischen Erkenntnis aus den letzten Jahrzehnten über Bord werfen. Lasst uns stattdessen die Stimmen aus der Pädagogik aber auch der Virologie unterstützen, die fordern, dass der Fokus auf einen echten Schutz der Risikogruppen gelegt wird, anstatt pauschale und extreme Maßnahmen und Hygieneregelungen für alle durchzusetzen. Bei Kindern richten sie aktuell viel Schaden an.“

Info zum Autor:

Ich bin Nicolai. Seit vierzehn Jahren trainiere ich Kampfkünste. Ich habe den zweiten Schwarzgurt in Taekwondo und schon in vielen anderen Kampfkünsten Erfahrungen gesammelt. Seit fünf Jahren unterrichte ich Kinder in diesem Bereich.

An Systema orientiere ich mich, da es eine ganzheitliche Kampfkunst ist, die nicht nur eine sehr effiziente Selbstverteidigung darstellt, sondern außerdem eine Herangehensweise verfolgt, die auch im Alltag sehr hilfreich ist. Zudem mag ich an Systema, dass es für jeden zugänglich ist - egal welche Vorraussetzungen man mitbringt.

Als wichtigstes Ziel meiner Arbeit betrachte ich es, dass ich Kindern dabei helfe für sich einzustehen, von anderen respektiert zu werden und einen fitten und gesunden Umgang mit ihrem Körper zu entwickeln. Neben meiner Tätigkeit als Kampfkunstlehrer bin ich Kinderbuchautor. Ich interessiere mich für die Welten von Kindern und es ist mir sehr wichtig, sie zu verstehen und sie ernst zu nehmen. Es macht mir Freude, Kindern neue Welten zu eröffnen und auch die großen Fragen des Lebens näher zu bringen.

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