Teenager

„Die Kinder sind voll schlau“: Kinderpfleger:in

Hanka Meves-Fricke · 12.10.2022

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© Hanka Meves-Fricke

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Heute bin ich in der Kindertagesstätte Waldstraße 28 eingeladen. Fünf Gruppen gibt es hier, von den Allerkleinsten bis zu den Vorschulkindern. In einem neuen, hellen Gebäude mitten im Wohngebiet empfangen mich der Leiter der KiTa, Herman Bagci, und Kinderpflfleger Mohamed Dabul.

Zum Interview gehen Mohamed Dabul und ich in das Außengelände der Städtischen Kindertageseinrichtung in Köln-Kalk. Doch nicht nur wir möchten gern an diesem sonnigen Tag nach draußen. Eine Traube Kinder strömt durch die Tür. Sofort geht ein Kind zur Seite und lehnt sich an Mohamed, umarmt ihn. Er lächelt. Lärmend stürmen die Kinder an die frische Luft. Was für eine schöne Arbeit, denke ich daran, wie meine inzwischen erwachsenen Kinder in ihrem Kindergarten tobten.

Aus Syrien nach Deutschland

Vor sieben Jahren ist Mohamed Dabul aus Sarakeb in Syrien, das in der Nähe von Idlib liegt, nach Deutschland geflüchtet. Er ist vor dem Krieg geflohen, in dem er verletzt wurde. Von Schwerin kam er nach Köln, fand Hilfe bei einer deutschen Familie. Er wurde am Bein operiert, begann Deutsch zu lernen. Es dauerte ein Jahr, ehe er sein Aufenthaltsrecht hier erhielt. Sein gutes Abitur wurde anerkannt. Dann stellte sich die Frage, wo er beruflich Fuß fassen könnte.

Den Umgang mit Menschen lieben

„Ich bin offen und habe gern mit Menschen zu tun. In meiner Freizeit treffe ich mich am liebsten mit meinen Freunden, gehe spazieren, koche mit ihnen. Als eine Freundin mir begeistert von der Ausbildung als Kinderpflegerin in Leverkusen erzählte, dachte ich, dass es etwas für mich sein könnte“, erzählt Mohamed. Zwei weitere Argumente sprachen für diesen Weg: Er würde auf jeden Fall eine Arbeit finden und er könnte anderen Menschen helfen.


© Hanka Meves-Fricke

Ist doch ein Frauenberuf

„Genau das haben mir einige Freunde gesagt, als ich mich für die Ausbildung entschieden habe. Was ich geantwortet habe? Macht ein Praktikum. Dann könnt ihr sehen, dass Pflege viele Arbeitsfelder umfasst und ein cooler Beruf ist.“ Mohamed zum Beispiel hat viel Spaß, mit den Kindern zu kicken oder Bewegungsspiele zu machen. „Da muss ich nur fragen: Habt ihr Lust? Und sofort reißen alle begeistert die Arme hoch und rennen los.“ Kinder in diesem Alter brauchen viel Bewegung. Zu Mohameds Aufgaben gehört auch, den Tisch vor den Mahlzeiten vorzubereiten, Teller und Becher aufzustellen und dann mit den Kindern und Erzieher:innen zusammen zu essen und zu sprechen. Das ist ein Ritual und stärkt die Gemeinschaft in der Kindergruppe.

Am Geschwister-Scholl-Berufskolleg in Leverkusen, an dem Mohamed gelernt hat, gehören vier Praktika zu der zweijährigen Ausbildung: in der Kindertagespflege, der Altenhilfe oder auch in Einrichtungen für Menschen mit Behinderung. In der Zeit der Covid-Krise machte die Schule Ausnahmen. So legte Mohamed seinen Schwerpunkt auf Kindertagesstätten, weil sonst schwer Praktika zu finden waren.

Dann erzählt uns Mohamed, dass sich viele Eltern, gerade auch Alleinerziehende, freuen, dass ein Kinderpfleger in der KiTa arbeitet. „Es gibt Kinder hier, die fast nur Kontakt zu Frauen haben. Sie freuen sich, dass ich hier arbeite.“ Nicht zu vergessen, dass die KiTa Waldstraße auch von einem Erzieher geleitet wird: Herman Bagci, der sowohl Mohamed als auch alle anderen Mitarbeiter:innen sehr untersützt.

Das Richtige für mich

„Besonders viel habe ich im Umgang mit Menschen gelernt, egal ob jung oder älter, gesund oder Menschen mit Behinderung. In diesem Beruf ist es wichtig, Vertrauen zu den Menschen aufzubauen, indem wir auf die Kinder zugehen, aber auch gegebenenfalls abwarten, sie beobachten, um auf ihre Bedürfnisse einzugehen.“ Das Berufskolleg ist eine Schule, für die Auszubildende BAföG beantragen können. Fächer wie Sozialpädagogik und Hauswirtschaft sind wichtig. Zudem gibt es eine musische, sportliche oder künstlerische Differenzierung, je nach Interessen. Die Auszubildenden absolvieren einen Erste-Hilfe-Kurs und haben Unterricht in wichtigen Schulfächern wie Deutsch und Mathematik. Zu Mohameds Aufgaben gehört es, die pädagogischen Fachkräfte in seiner Gruppe zu unterstützen und hauswirtschaftliche Tätigkeiten zu übernehmen.

„Es war eine große Herausforderung, nach meinen Praktika die geforderten Berichte mit einer Länge von bis zu 20 Seiten zu schreiben“, fügt Mohamed hinzu. „Wir hatten lange Zeit Online-Unterricht. Von zu Hause und über mein Handy zu arbeiten war sehr viel schwieriger als im Berufskolleg.“ Dann lächelt er: „Aber zum Glück gibt es ja das Kalker Jugendbüro.“

Hilfe suchen und annehmen

Das Kalker Jugendbüro ist Service- und Beratungsstelle. „Dort konnte ich am Computer arbeiten. In einem zweiten Anlauf habe ich dort eine Beraterin gefunden, die voller Begeisterung meine Berichte gelesen und mich unterstützt hat, dass ich alles richtig schreibe.“ Begeistert spricht Mohamed auch von den Lehrer:innen und den anderen Auszubildenden an der Geschwister-Scholl- Schule. „Wir haben immer untereinander die Informationen ausgetauscht und die Lehrer:innen haben uns ermutigt. So habe ich meinen Abschluss im Juni 2021 geschafft. Das war wirklich nicht einfach, aber gut.“


© Hanka Meves-Fricke

Mit Geduld und Offenheit

„Von den Kindern kann man viel lernen. Wir können so viele Aktivitäten gemeinsam machen. Sie sind eben voll schlau“, erzählt Mohamed. Er weiß, dass ihm seine geduldige Art im Umgang mit den Kindern hilft, dass ein ruhiges Gespräch auch eine Gruppe von Kindern wieder zur Ruhe bringen kann. Ruhe und Geduld helfen Mohamed jetzt auch, seinen Bruder zu unterstützen, der seit einem Jahr in Deutschland lebt. „So eine helfende Arbeit ist einfach das Richtige für mich“, sagt Mohamed. Ein Lächeln zeigt sich auf seinem Gesicht. „Helfen tut bestimmt genauso gut wie Hilfe empfangen, wenn man sie nötig hat.“ Und ich habe in diesem Moment vor Augen, wie ihn vorhin ein Kind umarmt hat.

Ausbildung Kinderpfleger:in

Voraussetzung:
Hauptschulabschluss oder jeder weitere höhere Schulabschluss. In der praxisintegrierten Form ist ein Ausbildungsvertrag mit einer KiTa erforderlich. Zudem ist die Vorlage eines Führungszeugnisses nach § 30 a Abs. 2 BZRG erforderlich. Seit einem Jahr bietet die Stadt Köln die praxisintegrierte Ausbildung „PiA“, zum:zur ( Kinderpflfleger:in an. Bei dieser Form der Ausbildung, die vergütet wird, ist man im ersten Jahr zwei Tage in der Einrichtung und drei Tage in der Schule. Im zweiten Jahr haben die Auszubildenden drei Praxistage und zwei Tage in der Schule.

Inhalte:

• Berufsbezogener Lernbereich: Sozialpädagogik, Gesundheitsförderung und Pflege, darunter Erste-Hilfe- Kurs, Arbeitsorganisation und Recht, Mathematik, Englisch

• Berufsübergreifender Lernbereich: Deutsch/Kommunikation, Religionslehre, Sport/Gesundheitsförderung, Politik/Gesellschaftslehre

• Differenzierungsbereich: Musik/Rhythmik, Spielerziehung, Werken/Gestalten

Weiterbildung:
Kindertagespflege ist ein Beruf, der eine gute Voraussetzung für verschiedene soziale Berufe und Studienrichtungen bietet. Er kann sowohl eine Ausbildung, oder ein Studium im Bereich Erzieher:in, Studium in Sozialpädagogik oder auch einen Richtungswechsel in Pflflegeberufe ermöglichen.

Verdienst:
Es ist eine vollschulische Ausbildung, für die BAföG oder Unterstützung nach dem Sozialhilfegesetz beantragt werden kann. Zurzeit wird in vielen Trägereinrichtungen eine höhere Vergütung der Kinderpflfleger:innen gefordert.

Infos:
www.berufenet.arbeitsagentur.de
www.rrbk.koeln/wp-content/uploads/2020/02/leistungskonzept-AV.pdf

Weitere Ausbildungsberufe findet ihr in unserer Berufe-Check-Übersicht.

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