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Die Sesamstraße hinter den Kulissen – Puppenspieler Martin Reinl im Gespräch

Lisa Böttcher · 14.10.2026

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Martin Reinl mit Elmo und Grobi aus der Sesamstraße. ©Danny Frede

Martin Reinl mit Elmo und Grobi aus der Sesamstraße. ©Danny Frede

Kaum einer kennt die Sesamstraße besser als Martin Reinl – deutsche Stimme von Elmo und Grobi und Autor des neuen Bildbands „Sesamstraße – Über, unter und hinter den Kulissen“. Im Interview spricht der Puppenspieler über Elmos Schlafmaske, hektische Drehtage und verrät, was Elmo den Bundespräsidenten gerne fragen würde.

KÄNGURU: Martin, deine Leidenschaft für das Puppenspiel ist kein neues Hobby. Wo fing diese Begeisterung an?

Martin Reinl: Das fing schon in der Kindheit an, als ich die „Sesamstraße“ geguckt habe und die „Muppet Show“. Das waren die Sendungen, die mich am meisten geprägt haben; und ich bin bis heute nicht davon losgekommen. Viele legen das ja in der Kindheit irgendwann ab, aber mich hat das immer fasziniert. Ich habe auch als Kind schon gewusst, dass da unten Puppenspieler dranhängen, und dachte mir immer, dass das ein ganz toller Beruf sein muss. Ich hatte als Kind einen Kermit und eine Miss Piggy, die waren auf jedem Foto mit drauf – es gibt kaum ein Kindheitsfoto, wo ich nicht mit irgendeiner Figur drauf war.

Nach der Schule hast du aber erst einmal Grafikdesign studiert. Wie kam es schließlich zum Wechsel in Richtung Fernsehen?

Ich dachte zuerst, ich müsse irgendwas Ordentliches machen, habe aber aus Spaß immer weiter Figuren gebaut und mir irgendwann eine gebrauchte Videokamera angeschafft, um kleine Filme zu drehen. Es gab zum Glück Leute von außen, die mich gepusht und gesagt haben: „Das, was du mit den Puppen machst, ist ganz lustig, mach das doch mal weiter“. Mir war schon klar, dass das was Seltsames ist, was nicht jeder macht, und teilweise war es mir auch ein bisschen peinlich. Aber ich habe das Grafikstudium dann an den Nagel gehängt, Film und Fernsehen studiert und im Studium viel mit den Figuren experimentiert.

Aus diesen Experimenten entstand schließlich dein erster großer TV-Auftritt bei der WDR-Talkshow „Zimmer frei!“. Wie kam es dazu?

Das lief über einen Studienkollegen, der Comedy-Autor war und beim WDR bei „Zimmer frei!“ arbeitete. Für ein Bilderrätsel brauchten die mal eine sprechende Klopapierrolle. Eigentlich wollten die eine echte Klorolle dahinlegen und brauchten nur jemanden, der sie synchronisiert. Da hat der Kollege mich empfohlen. Als die mich anriefen, habe ich gesagt: „Ich kann euch aber auch eine Puppe bauen, dass die Klorolle ein Gesicht hat und sich bewegen kann, das wird viel lustiger“. Ich dachte, ich mache das für eine einzige Sendung – am Ende bin ich 14 Jahre dageblieben.

Und dann kam die Sesamstraße?

Genau, die haben das wohl gesehen und gefragt, ob ich nicht Lust hätte, bei ihnen mitzumachen. Als ich dann zum ersten Mal da war, war das schon ganz spannend. Der erste Drehtag war extrem hektisch: Ich sollte eigentlich um 9 oder 10 Uhr da sein, aber sie brauchten mich plötzlich eine Stunde früher. Ich kam an und es hieß direkt: „Gut, dass du da bist, du musst sofort anfangen, wir drehen das jetzt!“ Man stülpte mir eine Puppe über den Arm und es ging los.

Wie fühlte sich das an, plötzlich am Set dieser Sendung zu stehen, die du als Kind selbst so gerne mochtest?

Den Job an sich kannte ich ja schon vom WDR, aber dort war ich die einzige Puppe und hier war es eine komplette Puppenshow. In einer kleinen Pause nahm mich mein Kollege Carsten Haffke beiseite und sagte: „Komm mal mit, ich zeig dir was“. Er ging mit mir in ein Nebenzimmer, wo eine große Kiste stand, machte den Deckel auf – und da lagen Ernie und Bert drin. Die Helden meiner Kindheit, aber auf einmal konnte ich sie anfassen.

Zum Puppenspiel gehört viel Humor und Timing. Hast du dich auch damit beschäftigt?

Ja, ich habe am Anfang viel ohne Puppen gemacht, wie Improtheater und Stand-up-Comedy. Damals gab es in Köln das Wohnzimmertheater mit einer offenen Bühne am Sonntag. Da habe ich teilweise hanebüchenes Zeug aufgeführt, aber ich konnte trainieren und testen, was ankommt. Als ich anfing, das mit den Figuren zu machen, merkte ich, dass mir das mit den Puppen mehr Spaß macht und es die Leute auch mehr interessiert. Also habe ich damit weiter gemacht.

Gibt einem so eine Puppe auf dem Arm eigentlich mehr Narrenfreiheit?

Absolut. Bei „Zimmer frei!“ wurde ja zum Beispiel nichts abgesprochen und ich bin mit meiner Puppe spontan hinterm Sofa hochgeploppt. Da passierte es auch schonmal, dass ich den Prominenten eine kleine Frechheit um die Ohren gehauen habe. Da habe ich mich hinterher manchmal sogar persönlich entschuldigt, weil ich ein schlechtes Gewissen hatte. Aber fast alle haben gesagt: „Ne, das warst ja nicht du, das war ja die Figur!“ Man merkt da erst, welche Macht man mit so einer Puppe manchmal hat.

Puppen sind schon viele Jahre Martin Reinls Leidenschaft. ©Danny Frede

Du spielst deine Figuren nicht nur, sondern baust viele davon auch selbst. Was ist dir dabei besonders wichtig?

Ich finde, am wichtigsten sind eigentlich immer die Augen. Die lassen die Puppe lebendig wirken. Die meisten meiner Puppen haben einen leichten Silberblick, genau wie ich.

Woraus bestehen denn die Augen?

Ach, alles Mögliche. Manchmal angesprühte Weihnachtskugeln, Türstopper oder Holzkugeln.

Und wenn du mit den Puppen reist: Wie transportiert man Figuren wie Elmo am besten, ohne dass sie Schaden nehmen?

Wenn ich nur mit Elmo allein irgendwo hinfahre, reist er tatsächlich einfach in einer Reisetasche. Er hat sogar eine eigens für ihn angefertigte Schlafmaske auf, damit seine Augen unterwegs nicht beschädigt werden. Wenn wir mit mehreren Figuren unterwegs sind, kommen sie in große Kisten.

Elmo und Grobi werden nicht von dir gebaut, sondern nur verkörpert. Wie arbeitet man sich in so eine Figur ein?

Ich war damals tatsächlich in New York und habe Kevin Clash getroffen, den ersten Elmo-Spieler. Der hat mir in einem Training gezeigt, wie Elmo redet, sich bewegt und wie er tickt. Am Anfang musste ich da auch einiges an Hausaufgaben machen.

So eine hohe Stimme wie die von Elmo ist sicher nicht einfach zu imitieren. Wie schaffst du das?

So eine hohe Lage hatte ich gar nicht im Repertoire, das musste ich richtig üben. Wenn man mal leicht erkältet ist, steht man morgens vor einem Drehtag unter der Dusche und testet, ob man die Stimme überhaupt noch hinkriegt. Aber klassische Aufwärmübungen mache ich überhaupt nicht. Ich versuche immer eine Lage zu finden, die ich den ganzen Tag durchhalten kann.

Ist so ein langer Drehtag nicht auch sonst körperlich sehr anstrengend?

Man muss schon gelenkig sein. Viele denken immer, ich hätte Probleme mit den Armen, aber meine Achillessehne ist eher mein Nacken, weil ich den Kopf die ganze Zeit wegducke. Der Dreh geht von 9 Uhr morgens bis 17.30 oder 18 Uhr. Aber da wird geprobt, geleuchtet und umgebaut, sodass man sich zwischendurch etwas ausruhen kann. 

Apropos wegducken. Im Gegensatz zu vielen klassischen Comedians stehst du selbst nicht im Scheinwerferlicht. Vermisst du es manchmal, vor der Kamera erkannt zu werden?

Früher dachte ich immer, ich müsste außerhalb des Puppenkosmos berühmt sein, aber ich habe gemerkt: Das ist gar nicht mein Ding. Über die Anonymität bin ich sehr froh. Wenn ich mit der Puppe spiele, liegt mein ganzes Schauspiel in dieser einen Hand. Ansonsten kann ich ganz normal in den Supermarkt gehen und keiner weiß, wer ich bin. Ich bin eher irritiert, wenn mich doch mal jemand erkennt.

Hat Elmo eigentlich Eigenschaften, die du für dich als Martin Reinl übernommen hast?

Ich gebe den Puppen einiges von mir mit, aber sie mir auch. Tatsächlich erwische ich mich immer wieder in Situationen, wo ich Figuren in mein Leben integriere. Letztlich ist alles, was man spielt, immer ein Teil von einem selbst. Ich bin zum Beispiel kein Partymensch, der gerne auf einer vollen Veranstaltung herumhopst. Manchmal muss ich aber aus irgendwelchen Gründen dahin. Dann stelle ich mir innerlich einfach vor: Ach, jetzt bewegst du dich einfach wie Elmo über diese Party. Nicht, dass ich dann so reden würde, aber man nimmt diese Haltung an. Und dann frag ich die Leute ganz unbefangen: Wer bist du, was machst du, was hast du gestern gemacht?

Genau diese unbefangene Art nutzt Elmo mittlerweile auch in seinem eigenen Podcast „Elmo – Und du so?“. Wie überlegt er sich dafür die Fragen – und wen würde er am liebsten einmal einladen?

Elmo kennt die Prominenten ja gar nicht. Wenn Susanne Daubner dasitzt, weiß Elmo das nicht, weil er keine Tagesschau guckt. Das ist ihm viel zu intelligent. Er stellt einfach die Fragen, die ihm in den Sinn kommen. Ich fände es lustig, wenn Elmo mal den Bundespräsidenten treffen würde. Er würde ihn fragen, was er gerne zum Frühstück isst oder wie die Politik überhaupt funktioniert. Elmo sieht nur den Menschen – ob jemand Präsident ist oder Käsebrote für Partys schmiert, ist ihm völlig wurscht.

Warum funktioniert die Sesamstraße eigentlich seit Jahrzehnten für Kinder und Erwachsene gleichermaßen?

Wir versuchen beim Dreh, zunächst einmal uns selbst als Publikum eine gute Zeit zu bereiten. Dadurch entstehen zwei Ebenen: Gags für die Erwachsenen, die die Kinder nicht irritieren, und lustige Momente und Szenen, die für alle funktionieren. Wenn jemand gegen eine Laterne läuft, lachen alle. Unser Regisseur Dennis Jacobsen baut außerdem gerne kleine Popkultur-Referenzen wie Jurassic-Park-Anspielungen ein, über die sich die Erwachsenen dann freuen.

Wie hat die Sesamstraße es geschafft, über so viele Jahre auch gesellschaftlich relevant zu bleiben?

Die Sesamstraße war schon immer bunt und divers. Schon 1973 spielten People of Color Hauptrollen im Ensemble und Kermit hat damals schon Lieder über Hautfarben gesungen. Wenn heute neue Figuren wie Elin eingeführt werden, die im Rollstuhl sitzt, stimmen wir uns gewissenhaft mit Betroffenen ab. Bei uns ist der Rollstuhl eine Selbstverständlichkeit.

Für den neu erschienenen Bildband „Sesamstraße – Über, unter und hinter den Kulissen“ hast du dich zusammen mit Julian Schlichting durch viele Jahrzehnte Archivmaterial gewühlt. Was war bei der Recherche dein persönlicher Highlight-Moment?

Wir haben sehr viele Leute kontaktiert – ehemalige Puppenspieler, Kameraleute, Designer – und alle waren wahnsinnig offen und hatten Spaß, das Projekt zu unterstützen. Das war sehr berührend. Das größte Highlight kam aber ganz am Ende, als das Buch schon fast im Druck war. Ich bekam Kontakt zur Witwe von Caroll Spinney, der 50 Jahre lang Bibo und Oscar gespielt hat. Sie stellte uns seltene Zeichnungen zur Verfügung, die er damals von den deutschen Figuren gemacht hatte. Wir haben im letzten Moment noch zwei Bilder aus dem Buch mit diesen Zeichnungen ersetzen können. Als ich dann das fertig gedruckte Buch in den Händen hielt, habe ich ein Foto gemacht und drunter geschrieben: „Ich bin Vater geworden“.

Der Bildband „Sesamstraße – Über, unter und hinter den Kulissen“ nimmt Fans aller Generationen mit auf eine Zeitreise durch über 50 Jahre deutsche Fernsehgeschichte. Leser:innen können sich auf seltene Fotos, historische Dokumente und Originalzeichnungen freuen. Sie erfahren, wie die Sesamstraße und ihre Figuren entstanden sind und wie sie gespielt und weiterentwickelt wurden. Ein nostalgischer Blick auf alle Epochen der Sendung – inklusive Anekdoten zu Kulissen, Promi-Gästen und TV-Kultur.

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