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Rund ums Baby

Geburt im Hotel – Wenn Geburtskliniken fehlen

Janina Mogendorf · 21.02.2024

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© tan4ikk/Adobe Stock

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In Deutschland schließen immer mehr Geburtskliniken. Die Folgen erfahren Frauen wie Esther am eigenen Leib: In manchen Regionen ist der Weg zum nächsten Kreißsaal zu weit. Deshalb bezieht Esther mit ihrem Mann drei Wochen vor dem errechneten Entbindungstermin ein Hotelzimmer in der Nähe einer Geburtsklinik in Bonn. Es soll der ungewöhnlichste Hotelaufenthalt werden, den das Paar je erlebt hat.

„Kameha“ lautet der ungewöhnliche dritte Vorname eines kleinen Mädchens aus dem Westerwald. Kameha, wie das Hotel in Bonn. Dahinter steht eine besondere Geschichte. Sie beginnt in der kleinen Gemeinde Buchholz in der Nähe von Asbach. Hier lebt Esther mit ihrem Partner Marc und ihren beiden Söhnen. Als sie Ende 2022 erfährt, dass sie noch ein Kind erwartet, ist die Freude groß. Ganz bewusst genießt die werdende Mutter ihre Schwangerschaft. Und doch schleicht sich bald eine Sorge ein.

„Meinen Ältesten hatte ich damals in Siegburg entbunden. Als mein zweiter Sohn kam, gab es diese Geburtsklinik nicht mehr und so wurde er in Eitorf geboren. Nun war ich wieder schwanger und musste feststellen, dass auch diese Station geschlossen worden war“, berichtet sie. Frühere Alternativen in Sankt Augustin und Bad Honnef existieren ebenfalls nicht mehr. „Es blieben Troisdorf und Bonn - beide Kliniken über 30 Kilometer entfernt und nicht unter vierzig Minuten erreichbar.“

Vierzig Minuten, die zu lang sein können, wie Esther selbst schon erlebt hat. „Nach Eitorf war es damals nicht weit. Dort gab es eine Belegstation für Geburten. Arzt und Hebamme waren also nicht vor Ort, sondern wurden informiert, als wir eintrafen. Mein zweiter Sohn hatte es dann sehr eilig und kam bereits nach 35 Minuten auf die Welt. Die Hebamme hatte es gerade noch geschafft, der Arzt kam erst dazu, als er schon da war.“

„Eine Geburt irgendwo am Straßenrand wollte ich unter allen Umständen vermeiden.“

Mit diesen Erinnerungen im Kopf macht Esther der Gedanke an eine lange Klinik-Anfahrt zusehends zu schaffen. „Eine Geburt irgendwo am Straßenrand wollte ich unter allen Umständen vermeiden.“ Inzwischen hat sie einen Platz in der Bonner Hebammenpraxis Sonnenseite ergattert, die sie von ihren früheren Schwangerschaften her kennt. Dort fühlt sie sich wohl, auch wenn sie wegen der Entfernung auf Hausbesuche verzichten muss. „Das habe ich ebenso wie die lange Anfahrt in Kauf genommen.“

Mit zunehmendem Bauchumfang, wachsen auch Esthers Bedenken. „Alle Einrichtungen, die ich für eine sichere Entbindung brauchte, waren so weit entfernt.“ Was, wenn ihr Baby wieder so schnell käme oder diesmal zu früh. Was, wenn es Komplikationen gäbe. In ihre Sorge mischt sich Ärger. „Wir leben in einem Land mit einem verhältnismäßig guten und funktionierenden Gesundheitssystem. Aber eine sichere Geburt ist in manchen Regionen nicht mehr möglich. Das kann doch nicht sein.“

Tatsächlich ist der Abbau von Geburtsstationen nicht nur ein gefühltes Problem. Seit 1991 haben in Deutschland mehr als 40 Prozent dieser wichtigen Einrichtungen ihre Pforten geschlossen. Die Folgen erfahren Frauen wie Esther am eigenen Leib. Weite Wege zum Kreißsaal, fehlende Hebammen in der Nähe für Vorsorge, Geburtshilfe und Wochenbettbetreuung. Auch Geburtshäuser dürfen nur dort betrieben werden, wo ein Krankenhaus mit Kinderstation in der Nähe ist.

Geburtshilfe ist wirtschaftlich nicht attraktiv

Der Deutsche Hebammenverband nennt auf der Webseite „Unsere Hebammen" mehrere Ursachen für die Versorgungslücke. Geburtshilfe und Kinderheilkunde seien für Kliniken wirtschaftlich nicht attraktiv. Gleichzeitig führten hohe Haftpflichtprämien für freiberufliche Geburtshelfer:innen und schlechte Arbeitsbedingungen in den bestehenden Kliniken zu Fachkräftemangel. Der Trend gehe nun zu größeren Geburtszentren, was zwar ökonomisch Sinn mache, jedoch einer wohnortnahen Versorgung entgegenstehe.

In Esthers Augen ein unhaltbarer Zustand. „Jede Frau sollte innerhalb von 10 bis 15 Minuten einen Kreißsaal erreichen können“, sagt sie. Tatsächlich gibt es in Deutschland dazu keine allgemeinen gesetzlichen Vorgaben. Allerdings heißt es im Sozialgesetzbuch (SGB V), dass gesetzlich Versicherte während der Schwangerschaft und rund um die Entbindung Anspruch auf ärztliche Betreuung und Hebammenhilfe haben. Doch wie lässt sich diese Vorgabe in Regionen mit Versorgungsengpässen umsetzen?

Betroffene Frauen suchen nach ungewöhnlichen Lösungen

Esther entscheidet sich schließlich für einen ungewöhnlichen Weg. „In Bonn hörte ich von schwangeren Frauen, die vor dem Entbindungstermin ein Zimmer in der Nähe der Geburtsklinik bezogen haben. Also begann auch ich nach Unterkünften zu suchen.“ Wegen der Anbindung ihrer Hebammenpraxis an das Bonner Johanniterkrankenhaus stand diese als Geburtsklinik fest. „Irgendwie konnte ich mir aber nicht vorstellen, längerfristig in einem der umliegenden Hotels zu wohnen.“

Schließlich wählt Esther das rechtsrheinisch gelegene Kameha Grand am Bonner Bogen. „Die Hebammenpraxis liegt um die Ecke und zum Krankenhaus muss man nur über die Brücke fahren.“ Das Hotel macht ihr ein gutes Angebot für drei Wochen Daueraufenthalt samt spontaner Check out-Möglichkeit. Und so beziehen Esther und Marc am 12. August 2023 ihr Zimmer. Die erleichterte Oma kümmert sich in Buchholz um die Jungs. „Sie war froh, mich in der Nähe einer Geburtsklinik zu wissen.“ Auch die werdenden Eltern sehen den kommenden Wochen nun gelassen entgegen.

Alles kommt anders als geplant

Schon am ersten Nachmittag im Hotel kommt die Hebamme zur Vorsorge und meint beim Abschied. „Das Baby wird sich noch Zeit lassen. Macht euch ein schönes Wochenende.“ Tatsächlich aber soll es anders kommen. Am späten Abend setzen bei Esther die Wehen ein, beruhigen sich aber wieder, als sie sich in die Wanne legt. Bald darauf geht sie ins Bett, hört ein Geburtshypnose-Audio und schläft darüber ein. Um kurz vor drei wacht sie mit deutlichen Wehen auf. „Ich habe gerade noch geschafft, Marc zu wecken, da platzte auch schon die Fruchtblase.“

Beide sind froh, als sich die Hebamme bald darauf mit ihrer Keycard selbst ins Zimmer lässt. Sie untersucht Esther und sagt: „Wir fahren jetzt nirgendwo mehr hin, ich sehe schon das Köpfchen.“ Sie misst die Sauerstoffwerte und wartet auf ihre Kollegin. Diese steht derweil in der Lobby und verhandelt mit dem Nachtportier. „Sie hatte keine Karte vom Hotel und somit war er eigentlich nicht befugt, sie durchzulassen. Schließlich hat er aber die Dringlichkeit erkannt und ein Auge zugedrückt“, erzählt Esther erleichtert. Nun hat sie zwei Fachfrauen an ihrer Seite.

Um 3.46 Uhr erblickt ihr Baby im Hotelbett des Kameha Grand das Licht der Welt. Eine extravagante Mondlampe beleuchtet die Szenerie, elegant gemusterte Vorhänge schützen Mutter und Kind vor neugierigen Blicken. Beiden geht es fantastisch. Die Hebammen sind zufrieden, der frischgebackene Vater ist einfach nur glücklich. Und auch der Portier hat sich von seinem Schreck erholt und kommt zum Gratulieren.

Wenig später tritt die Familie den Nachhauseweg an. Beim Auschecken erhält die neue Erdenbürgerin als Geschenk des Hotelmanagers ein lebenslanges Geburtstagsübernachtungsrecht. „Das werden wir gleich an ihrem ersten Geburtstag einlösen“, schmunzelt Esther und wird dann nachdenklich. „Für uns gab es nach all dem Bangen ein Happy End. Das war aber nur möglich, weil wir die finanziellen Mittel hatten. Muss man sich heute eine sichere Geburt leisten können?“

Menschen stehen um Bett mit Mutter und Baby © privat
Hotelportier (vorne links) und die Hebammen (rechts) mit den glücklichen Eltern und Baby. © privat