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Keine Angst vor Goethes „Faust" – Literaturklassiker fürs Kinderzimmer

Lisa Böttcher · 01.07.2026

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Literaturklassiker sind nicht nur Erwachsenen vorbehalten. ©Przemek Klos/AdobeStock

Literaturklassiker sind nicht nur Erwachsenen vorbehalten. ©Przemek Klos/AdobeStock

Viele verbinden Weltliteratur mit schweren Büchern und verstaubten Reclam-Heften. Dass das auch anders geht, beweist der Kindermann Verlag. Verlegerin Anna Kindermann erklärt im Interview, warum Goethe und Schiller nie aus der Mode kommen und wie moderne Illustrationen dabei helfen, die Brücke in die Gegenwart zu schlagen.

Der Berliner Kindermann Verlag hat sich einer besonderen Aufgabe verschrieben: Weltliteratur im Bilderbuchformat. Seit der Gründung im Jahr 1994 durch die Germanistin Barbara Kindermann werden große Stoffe von Goethe, Schiller oder Shakespeare so aufbereitet, dass sie auch kleine Leser:innen begeistern. Inzwischen führt Tochter Anna Kindermann die Geschäfte.

Mit KÄNGURU spricht sie über die anhaltende Relevanz von Literaturklassikern und darüber, wie sie heute die Brücke zwischen jahrhundertealten Geschichten und modernen Lesegewohnheiten schlägt.

KÄNGURU: Die meisten Leute denken bei Weltliteratur an schwere, dicke Bücher und haben vielleicht keine positiven Erinnerungen an die Reclam-Hefte aus der Schulzeit. Warum sollten wir unsere Kinder heute immer noch mit diesen alten Geschichten behelligen?

Anna Kindermann: Es handelt sich um deutsches Kulturgut, welches nach wie vor relevant für die Schule und die Allgemeinbildung ist. Schriftsteller wie Goethe und Schiller kommen nie aus der Mode. Außerdem sind es spannende Geschichten, bei denen etwas hängen bleibt. Es werden viele zeitlose Werte vermittelt, wie Treue, Freundschaft und Mut.

Haben diese Bücher darüber hinaus etwas, das moderne Erzählungen nicht haben?

Auf jeden Fall. In Stolz und Vorurteil spielt zum Beispiel im 18. Jahrhundert. Damals gab es noch keinen Strom und keine Flugzeuge. Das erkläre ich auch oft bei Lesungen; Kinder finden das total spannend. Man lernt auch etwas über die Geschichte und darüber, wie die Gesellschaft damals funktionierte – dass Frauen etwa kaum Rechte hatten und sehr jung verheiratet wurden. Das sind Aspekte, die es in heutigen Erzählungen so nicht gibt.

Dafür gibt es ja meist gute Gründe. Wie geht ihr denn mit diesen veralteten Rollenbildern um?

Wir entscheiden das bei jedem Text gemeinsam mit dem Lektorat. Es ist natürlich keine Lösung, so etwas einfach unkommentiert stehen zu lassen. Es ist aber auch schwierig, etwas völlig neu zu erfinden. In unseren Büchern ist zum besseren Verständnis durch Kursivsetzung markiert, was aus dem Original stammt und was von uns ergänzt oder weggelassen wurde. Bei Stolz und Vorurteil haben wir es so gelöst, dass in den Anmerkungen ein längerer Text steht, der den Kindern erklärt: „Das war früher so, heute ist es anders.“ Wir grenzen uns davon ab. Wir können das Buch nicht so umschreiben, dass die Protagonistin Elizabeth heute gültige Rechte hat, aber wir passen es so gut wie möglich an. Sensitivity Reading ist für uns ein großer und wichtiger Punkt. Wir möchten niemanden diskriminieren.

Deine Mutter, Barbara Kindermann, hat den Verlag vor über 30 Jahren gegründet. Was war ihre damals ihr Wunsch?

Sie hat Germanistik studiert und ihre Dissertation über die Gebrüder Grimm geschrieben. Sie war in dieser Welt zu Hause und liebte sie. Ihr war es wichtig, dass dieses Wissen an die nächste Generation weitergegeben wird und nicht in Vergessenheit gerät. Zudem hat sie an mir gemerkt, wie hilfreich dieses Wissen später für die Schule und die Oberstufe ist. Ich habe damals meinen Klassenkameraden gesagt: „Lest mal die Bücher vorher, das bringt euch was.“

Woran liegt es deiner Meinung nach, dass auch viele Erwachsene vor Literaturklassikern eher zurückschrecken?

Zum einen liegt es wohl an der schlechten Erfahrung aus der Jugend. Die Sprache hat viele abgeschreckt, sie war schwer zu verstehen und es gab zu viel Text. Klassiker sind auch oft „schwere Kost“ mit Themen wie Gewalt und Tod. Interessanterweise lesen aber auch Erwachsene unsere Versionen der Klassiker gerne, etwa zur Vorbereitung auf ein Theaterstück. Wir haben Fans, die sagen: „Jetzt kann ich die Bücher endlich verstehen.“

Bei der Reihe „Weltliteratur für Kinder“ war zunächst deine Mutter und bist nun du selbst die Autorin. Es ist sicher eine große Aufgabe, einen Klassiker der Weltliteratur so herunterzubrechen, dass Kinder ihn verstehen. Hast du ein Rezept für diesen Prozess?

Es ist schwierig: Man muss das Original mehrmals lesen, sich Notizen machen und den Text radikal kürzen. Dann erstelle ich eine Seitenaufteilung für die wichtigsten Inhalte. Diese kürze ich auf wenige Sätze und baue sie dann in meiner eigenen Sprache wieder aus. Wichtig ist, den roten Faden beizubehalten und Nebenerzählungen wegzulassen. Auch das „Weichspülen“ gewisser Szenen gehört dazu. Wir lassen den Tod nicht weg, da er zum Leben gehört, aber man kann Passagen sanfter darstellen oder umschreiben.


Anna Kindermann verfasst einige der Texte selbst. Fotos: ©Kindermann Verlag

Kinder sind heute an schnellere Medien gewöhnt. Hast du das Gefühl, die Geschichten actionreicher oder schneller gestalten zu müssen, damit sie am Ball bleiben?

Das ist eine spannende Frage. Wir beobachten das tatsächlich. Bei den älteren Büchern meiner Mutter, die noch mehr Text haben, kürzen wir bei Neuauflagen die Texte, weil sich das Leseverhalten verändert hat. Zu viel Text erschlägt die Leser:innen heute manchmal. Bei den Sagen, wie Artus oder Siegfried, habe ich den Stil bereits angepasst, plane weniger Text pro Seite ein und suche zeitgemäße Illustrator:innen, die teilweise aus der Comic-Szene kommen. Das kommt bei Kindern sehr gut an. Es wird wahrscheinlich bald auch eine Comic-Reihe für Poesie-Klassiker geben. Man muss mit frechen Illustrationen und Comic-Elementen spielen, damit die Kinder von heute selbst nach den Büchern greifen und nicht nur die Eltern.

Bilder und Illustrationen sind für euch also sehr wichtig.

Ja, auf jeden Fall. Wir haben uns über 30 Jahre lang fast ausschließlich auf das Bilderbuch beschränkt, weil die Illustrationen essenziell sind, um die Klassiker für Kinder zugänglicher zu machen. Bei Artus gibt es zum Beispiel Comicpassagen. Meine siebenjährige Tochter liest gerne diese Passagen, während ich den längeren Text vorlese. Die Bilder sind ausschlaggebend. Wir arbeiten mit tollen Künstler:innen zusammen, deren Bilder mehrere Ebenen haben, die sich erst beim öfteren Betrachten erschließen. Die modernen Illustrationen lockern das Ganze auf und bauen eine Brücke in die Gegenwart.

Ab welchem Alter ist es sinnvoll, zu Klassikern zu greifen?

Das ist unterschiedlich. Poesie-Klassiker funktionieren je nach Kind schon ab drei oder vier Jahren, da die Bilder sehr eindrücklich sind. Bei der Weltliteratur-Reihe kommt es auf das Buch an. Der Sandmann von E.T.A. Hoffmann ist etwas grausig, den würde ich eher ab acht Jahren empfehlen. Die Sagenreihe funktioniert wunderbar ab der ersten Klasse, also ab sechs Jahren. Auch leichtere Kost wie Ein Sommernachtstraum oder Kleider machen Leute geht in diesem Alter schon gut. Es geht aber vor allem um das gemeinsame Lesen und Vorlesen. Es soll ein Dialog mit dem Kind entstehen.

Früh übt sich.

Genau. Kinder haben dann auch später in der Schule keine Angst vor den Klassikern, weil sie die Geschichten bereits kennen. Außerdem sollte man Kindern durchaus etwas zutrauen. Wir beweisen seit über 30 Jahren, dass es funktioniert.