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Die Trotzphase

Gastautorin Sarah S. Niedermeier · 20.08.2018

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© Pixabay

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Kleinkinder begreifen erst mit der Zeit, dass nicht alles nach ihrem Willen laufen kann. Sie haben noch nicht gelernt, ihre Emotionen zu artikulieren und zeigen ihren Zorn, ihren Ärger sowie ihre Enttäuschung physiologisch und oft sehr kraftvoll durch einen Wutanfall: hysterisches Trotzen, Toben, Wüten, Schreien und sich auf den Bodenwerfen stehen dann auf dem Programm. Auch wenn Eltern darüber manchmal verzweifeln: Solche Dramen sind ganz normal und entwicklungsgerecht.

„Fiona (1 Jahr und 5 Monate alt) kann so herzerweichend und allerliebst sein und strahlen, dass selbst Menschen, die Kinder eigentlich nicht so mögen, dahinschmelzen. Ihr Kinderlächeln steckt an und kann verzaubern, aber Prinzessin Sonnenschein kann auch eine Gewitterhexe sein. Sie kann heftig in Tränen ausbrechen, schreien, um sich schlagen und toben, sodass manchmal schon echt Funken sprühen. Na ja, fast.“

Trotz oder Autonomie? Entwicklung des eigenen ICH

Trotz gilt als wichtige Phase zur Entwicklung der Selbstständigkeit des Kleinkindes und der Ablösung vom Babyalter. Einige Pädagogen sprechen nicht vom Trotzalter, sondern von der Autonomiephase, da nicht Trotz und Widerstand kennzeichnend sind, sondern die Ablösung und das Selbständig-werden-Wollen. Das Streben nach Autonomie ist entwicklungsgerecht und wichtig, damit das Kleinkind sein eigenes ICH entwickeln kann.

„Fiona war von dem plötzlichen Aufbruch gar nicht begeistert und schrie ohrenbetäubend, um ihrem Vater zu zeigen, dass sie damit gar nicht einverstanden war und versuchte ihn davon abzuhalten, sie zu wickeln. Sie strampelte und windete sich, trat mit den Füßen nach ihm, völlig verständnislos und enttäuscht darüber, dass er sie beim Spielen herausgerissen hatte.“

Wie lange dauert die Trotzphase?

Ab einem Alter von etwa 18 Monaten werden Kinder körperlich aktiver, mobiler und damit unabhängiger von ihren Eltern. Sie wollen ihre Umwelt erkunden, ihre eigenen Entscheidungen treffen und selbständiger werden. Dazu sollen sie ihre (altersentsprechenden) Erfahrungen selbst machen dürfen. Eine Geduldsprobe für Eltern!

Die Trotzphase kann bis zum sechsten Lebensjahr andauern, wobei der Höhepunkt meist zwischen dem zweiten und dritten Lebensjahr erreicht wird. Mit dem Alter werden es immer weniger Wutausbrüche.

Druck erzeugt Gegendruck

Das Kind soll lernen, mit seiner Wut umzugehen. Oft reagieren Eltern mit Strenge oder starker eigener Wut, doch dadurch wird wiederum Widerstand beim Kind ausgelöst. Druck erzeugt Gegendruck und beim Kind kommt es zu Hilflosigkeit und Ohnmacht.

Liebevolle und geduldige Begleitung

Wie können Eltern sich denn bei einem Tobsuchtsanfall verhalten? Am besten sollte man ruhig und geduldig bleiben und versuchen, den kleinen brüllenden Tyrann auszuhalten und liebevoll zu begleiten. Wenn die eigene Wut gerade hochkocht, verlässt man am besten für einen Moment die Situation und den Raum. Meinem 2-jährigen Sohn Liam hilft es zum Beispiel sehr, wenn ich ihm Verständnis für seinen Tobsuchtsanfall signalisiere und ihm seine Emotionen aufzeige: „Ich sehe, dass du wütend bist, oh, sehr wütend sogar. Klappt das Jacke Zumachen nicht?“ frage ich ihn und biete geduldig meine Hilfe an. Schreit er immer noch „Alleine!“ dann lasse ich es ihn eben weiter probieren. Leichter gesagt als getan, aber Geduld ist der beste Weg!

Fängt ein Kind nun an zu hauen/schlagen/treten, sollte ihm unmissverständlich klargemacht werden, dass wütend sein in Ordnung ist, aber Gewaltausbrüche, bei denen man andere (oder sich selbst) verletzt, nicht. Stattdessen kann es zum Beispiel stampfend seine Wut deutlich machen. Wichtig ist, dass man die Wutanfälle des Kindes nicht persönlich nimmt. Das Kind ist doch nur enttäuscht und sauer, dass sein Vorhaben noch nicht so klappt.

„Glücklicherweise hatte [Fionas Vater] Ralph in diesem Moment viel Geduld und nahm sie noch einmal in den Arm, wiegte sie hin und her, um ihr zu helfen, sich zu beruhigen. Nach einiger Zeit legte er Fiona wieder auf den Wickeltisch und lenkte sie mit einer Creme ab, die sie aufdrehen durfte. Nun konnte er in Ruhe den Windelwechsel starten. Doch leider hat man nicht immer so eine vorbildliche Geduld …“

Gelassenheit und Vorbild sein

Macht und Verantwortung liegen ganz nah beieinander, doch Macht darf nicht missbraucht werden! Gewalt ist keine Lösung, denn sie schadet dem Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl des Kindes sowie seiner Entwicklung. Ungefähr ab dem fünften Lebensjahr entwickeln Kinder glücklicherweise andere Strategien zur Stressbewältigung und lernen mehr und mehr, sich selbst zu regulieren. Bis dahin sollten Eltern versuchen, bei Trotzalarm gelassen zu sein, bewusst tief durchzuatmen, Verständnis zu zeigen, vorbildlich zu reagieren und Alternativverhalten aufzuzeigen.

 

Die Trotzphase

Info:

Unsere Gastautorin ist die Psychologin Sarah Niedermeier. Von ihr stammt das Buch (sowie die Buchausschnitte oben) „Rotz Trotz und Kreischalarm. Der Weg zu einer gelassenen Mutterrolle“. Es ist im Selbstverlag (Amazons Kindle Direct Publishing) im März 2018 erschienen und auf Amazon als Kindle Edition für 5,49 Euro oder als Taschenbuch (295 Seiten) für 13,90 Euro erhältlich.