Comics für Kinder: Warum sie beim Lesenlernen helfen
Johanna Frintrup · 04.11.2026
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Comics wecken die Freude am Lesen © Maria Sbytova - Adobe Stock
KÄNGURU: Was macht Comics für Kinder und Jugendliche so attraktiv?
Ulrike Weber: Comics haben viele Vorteile. Kinder wachsen heute in einer bildlich geprägten Welt auf – sie schauen Serien, sie sind online unterwegs, sie zocken. Da knüpfen Comics gut an. Sie haben sehr überschaubare Textabschnitte. Dadurch sind Kinder nicht direkt von einem langen Fließtext abgeschreckt, gerade, wenn sie noch nicht viel lesen. Insbesondere (aber nicht nur) für den Leseanfang sind Comics ein tolles Medium.
Welche Fähigkeiten trainieren Kinder beim Lesen von Comics?
Dekodieren – Kinder üben, kognitiv zu verarbeiten, was auf der Bildebene passiert, sie müssen Lücken zwischen den Bildern füllen, sie müssen die Texte verstehen und den Zusammenhang zum Bild herstellen. Das ist eine wahnsinnige kognitive Leistung und trainiert auch das Textverständnis ungemein.
Was kann ein Comic leisten, was ein klassisches Kinderbuch eventuell nicht kann?
Einen niedrigschwelligen Zugang. Comics sind attraktiv für alle Kinder – nicht nur für die, die nicht gerne lesen. Sie nehmen Kinder direkt von Seite eins an mit. Das gilt auch für Kinder, die noch nicht so gut Deutsch sprechen.
Für welche Kinder können Comics besonders hilfreich sein und warum?
Lesen lernen ist ein anstrengender Prozess. Kinder haben erstmal einen geringen Wortschatz, den sie selbst lesen können. Gleichzeitig haben sie ein großes Interessengebiet. Bis dann die ersten Erfolgserlebnisse kommen, dauert es. Comics sind hier attraktiv, weil sie über die Bildebene viel erzählen. Wenn Kinder dann auch noch die kurzen Texte in den Sprechblasen lesen können, erleben sie früh Erfolgserlebnisse und so steigt die Motivation, weiterzumachen. Das ist wichtig für den Leselernprozess. Lesekompetenz und Lesemotivation hängen nämlich eng miteinander zusammen. Je leichter mir das Lesen fällt, desto höher ist meine Motivation, weiterzulesen. Gleichzeitig trainiere ich mit Comics mein Textverständnis, meine Lesegeschwindigkeit und baue meinen Wortschatz weiter auf. So entsteht eine Kette des Leseerfolgs. Und ob diese Kette durch Comics oder klassische Bücher entsteht, ist nicht wichtig – Hauptsache, es wird gelesen und die Kinder haben Spaß dabei.
Können Comics Kinder zum Lesen längerer oder anspruchsvollerer Bücher motivieren?
Es wäre falsch zu sagen, Comics könnten nicht anspruchsvoll sein. Was ein Comic definitiv kann, ist, die Freude am Lesen zu steigern. Denn darum geht es erstmal. Comics sind nicht nur der Weg zu einem „richtigen“ Buch, sondern eine ganz eigene Text- und Kunstform, die die gleiche Daseinsberechtigung hat. Durch Comics können Kinder einen Grundstock an Lesekompetenz entwickeln, sodass sie sich im Anschluss auch an längere Texte wagen. Lesen lernen kann man sich wie einen Trampelpfad im Gehirn vorstellen – je öfter ich ihn laufe, desto tiefer ist er irgendwann ausgetreten.
Woran erkennen Eltern, ob ein Comic für ihr Kind geeignet ist?
Die entscheidende Frage lautet: Passt das Thema zu den Interessen meines Kindes und ist der Comic altersgerecht? Eltern sollten den Auswahlprozess begleiten und darauf achten, dass die Inhalte für das Alter und den Entwicklungsstand ihres Kindes geeignet sind. Gleichzeitig ist es wichtig, dass Kinder bei der Auswahl mitentscheiden können, denn die Motivation zu lesen ist besonders groß, wenn sie selbst ein Thema wählen, das sie begeistert. Die Bandbreite an Comics ist heute sehr vielfältig: Von humorvollen Comics für Erstleser über Fantasy- und Detektivgeschichten zum Mitraten bis hin zu Sachcomics oder Graphic Novels zu historischen Themen. Gerade diese Vielfalt macht Comics zu einem attraktiven Zugang zur Welt des Lesens.
Gibt es Fallen, in die Eltern bei der Comic- Auswahl tappen?
Bei älteren Comics können mitunter Darstellungen oder Rollenbilder vorkommen, die aus heutiger Sicht kritisch betrachtet werden und die Eltern gemeinsam mit ihren Kindern einordnen sollten. Auch bei Mangas lohnt sich ein genauer Blick auf die Inhalte: Da sie sich an sehr unterschiedliche Altersgruppen richten, können je nach Genre beispielsweise Gewaltdarstellungen oder andere für jüngere Kinder ungeeignete Themen enthalten sein. Eltern sollten daher darauf achten, ob die Inhalte zum Alter und Entwicklungsstand ihres Kindes passen.
Welche Titel empfehlen Sie für Kinder, die sagen: „Ich mag Lesen nicht?“
Ein guter Ausgangspunkt sind Themen und Figuren, die Kinder bereits aus Serien, Hörspielen oder Games kennen. Stichwort ???, K-Pop, Ninjago oder Minecraft: Wenn Comics an bereits vertraute Medienerlebnisse anknüpfen, greifen Kinder lieber zum Buch. Und Hand aufs Herz: Nicht jedes Lieblingsthema der Kinder steht auch auf der Leseliste der Eltern. Manchmal lohnt sich der Blick über den eigenen Tellerrand trotzdem. Eltern müssen dabei nicht jeden Comic selbst lieben. Oft reicht es schon, wenn das Kind ihn liebt!
Vielen Dank für das Interview.

Ulrike Annick Weber - Leiterin Leseempfehlungen und Engagement
