Kolumne

Wir. Ihr. Sie.

Frau Karli · 07.03.2022

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© PeopleImages/Canva

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Oder: the Stories we tell

Was für eine Zeit! Und damit meine ich nicht die Pandemie selbst, sondern die Begleiterscheinungen, die eine ganz eigene Dimension und Brisanz angenommen haben: Leute, unser Miteinander hat richtig was abbekommen.

Die meisten berufstätigen Eltern, deren Tagesrhythmen ständig durcheinandergewirbelt werden, sind in Vollzeit und länger damit beschäftigt, durch die komplizierter gewordene Alltagsmatrix und das Befindlichkeitsorchester zu navigieren. Andere hängen in Dauer-Echau‹ffierungs-Schleifen fest. Wiederum andere haben sich in Gesinnungslagern eingerichtet und betrachten den Rest der Gesellschaft nun von dort aus als „die Anderen“. Dann gibt es noch Unbekümmerte, die einfach weiter ihr Ding machen und im allgemeinen Chaos erst recht die eigenen Ansichten und Interessen absolut setzen. Und neben all den Strapazierten und Aktivisten und Opportunisten und Privilegierten gibt es Menschen, um die es trist und einsam geworden ist. Die vom gesellschaftlichen Treiben mehr oder weniger abgekoppelt sind und deren Austausch mit der Mitmenschheit fast nur noch übers Handy und das Internet läuft – innerhalb der Bubbles, die ihnen vertraut sind oder in die sie hineingedriftet sind.˜

Wenn wir nach dem langen Winter alle aus den Häusern treten – etwas blasser und vielleicht auch etwas pummeliger als zuvor – und in die Frühlingssonne blinzeln, gilt es, wieder zueinander zu finden. Das geht aber nur, wenn es gelingt, im Gegenüber nicht nur entweder einen Gesinnungsgenossen oder -gegner wahrzunehmen, den es zu bespötteln oder zu belehren gilt. Sondern einfach einen Mitmenschen.˜ Bis dahin möchte ich auf die kluge Schriftstellerin Olga Tokarczuk verweisen, die 2019 in ihrer Nobelpreisrede in Stockholm die von ihr angestrebte Erzählweise beschrieb als eine, „die es schafft, die Perspektiven jedes ihrer Charaktere zu umfassen“. Dann könne man eine Welt zeigen, wie sie in ihren Augen ist: eine Einheit, die nur im Miteinander funktioniert. Wenn ich so höre, wie verbiestert im Umfeld „reflektiert“ und die gesellschaftliche Entwicklung kommentiert wird, finde ich, wir könnten alle mal ein bisschen an unserer Erzählweise schrauben.


© John Krempl/photocase.com

Frau Karli lebt zusammen mit ihren beiden Töchtern und ihrem Mann, der zugleich ihre Jugendliebe ist, in freundlichen Verhältnissen irgendwo im Raum Köln. Sie beherrscht das gesamte Alphabet, hält herzlich wenig von medialer Freizügigkeit und kann alle Familienmitglieder am Duft ihrer Stirn erkennen.

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