Kolumne

Plan. Go. Stop. Repeat!

Frau Karli · 05.04.2022

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© nenetus/AdobeStock

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Oder: der „Reset-Blick"

Kürzlich merkte eine ignorante Repräsentantin jugendlicher Unbekümmertheit (ich soll ja keine Namen in der Kolumne nennen) an, ich stünde neuerdings häufiger mit leerem Blick „einfach so random im Raum“ herum. Noch bevor ich zu einer Erklärung ansetzen konnte, hatte jedoch die Person ihre erlauchte Aufmerksamkeit schon wieder abgezogen und sich in ihr Zimmer verkrümelt. Deshalb schreibe ich meine Antwort hier für die zugewandte Restmenschheit darnieder.

Ein paar Angaben zum Hintergrund des „leerer-Blick“-Phänomens für alle Unwissenden: Wir arbeitende Eltern befinden uns seit geraumer Zeit täglich und rund um die Uhr in einem Modus, der eigentlich für Notfälle gedacht ist – im Troubleshooter-Modus. Projekte werden verschoben, modifiziert, gecancelt, Absprachen nur unter Vorbehalt getroffen und letztlich angepasst oder ganz verworfen. Planungen, die eine Menge Ressourcen gebunden und verbraucht haben, verpuffen täglich, manchmal stündlich aufgrund von neuen Regelungen oder verfangen sich im Quarantäne-Karussell. Dieses ganze System-Stottern ist der Konstitution, Schönheit und auch dem Elan nicht immer förderlich. Dann kann es schon mal vorkommen, dass Eltern innehalten und neu kalibrieren müssen. Dass das nicht schön anzusehen ist, mag sein.

Aber was aussieht wie ein leerer, bräsiger Blick, ist in Wahrheit ein Reset: Die betroffene Person leert gerade ihr Hirn und ihr Herz und redet ihren Synapsen innerlich beruhigend zu, dass es Zeit für eine kurze Ruhepause ist, um anschließend wieder mit frischem Herzen und regenerierten Sinnen weiter rödeln zu können. Ein solcher Reset ist in psychologischer und spiritueller Hinsicht eine enorme Herausforderung und gelingt zumeist nicht vollständig (daher auch die ganzen Scheidungen und Falten im Gesicht und Haarausfall). Sollten Sie also einer Person mit Reset-Blick ansichtig werden, ziehen Sie sich am besten taktvoll zurück oder reichen ihr einen Tee. Ein wertschätzendes Wort oder womöglich ein Hilfsangebot wäre auch nicht übel, aber wir wollen mal nicht übermütig werden.


© John Krempl/photocase.com

Frau Karli lebt zusammen mit ihren beiden Töchtern und ihrem Mann, der zugleich ihre Jugendliebe ist, in freundlichen Verhältnissen irgendwo im Raum Köln. Sie beherrscht das gesamte Alphabet, hält herzlich wenig von medialer Freizügigkeit und kann alle Familienmitglieder am Duft ihrer Stirn erkennen.

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