Kolumne

Neue Eltern für eine neue Welt

Frau Karli · 11.12.2018

zurück zur Übersicht
© Gratisography

© Gratisography

Oder: Artgerecht leben in Zeiten des Overkills ... aus dem Leben der Frau Karli

Unsere fünfjährige Tochter besucht einen wunderbar geführten Kindergarten. Wer morgens das aufgeräumte, Ruhe ausstrahlende Gebäude betritt, hat das Gefühl, in der Menschheitsgeschichte zurückzureisen – in jene Tage, als es noch kein digitales Dauergeflimmer, systematisch zerschredderte Arbeitsprozesse und mannigfach verzweigte Kommunikationskanäle gab. Waren das feine Zeiten! Zumindest für uns Glückspilze in diesem kleinen Elfenbeintürmchen der Welt.

Auf allen Ebenen rummst es

Aber ich will kein wehmütiges Erste-Welt-Gejammer anstimmen, sondern dazu inspirieren, eine neue Haltung einzunehmen oder zumindest auszuprobieren. Doch zunächst folgende Feststellung: Nicht einmal diejenigen von uns, die glücklicherweise bei klugen, fähigen, reflektierten Eltern aufwuchsen, wurden auch nur annähernd auf die Art Leben vorbereitet, das wir heute führen. Auf allen Ebenen rummst es: Während sich die Nation an altbackenen, unredlich geführten Polit-Ritualen wundscheuert, die wie in den USA nur in den Regress führen können, werden in Firmen und Organisationen immer weitere „Lösungen“ auf die bestehenden Systeme aufgepfropft, die den strapazierten Mitarbeitern oft noch mehr Stress bescheren – zusätzlich zu dem, den sie ohnehin schon haben, wenn sie nach Feierabend auch noch eine Familie zu rocken haben.

Das innere Kind

Ich glaube, das schaffen wir nur, wenn wir lernen, auf eine neue, umfassende Art auf uns achtzugeben. Ich selbst denke mir deshalb inzwischen neben meinen beiden biologischen Kindern konsequent ein drittes hinzu: mich selbst! Diese Haltung führt dazu, dass ich eisern über meinen Ressourcen wache – und mir jede Menge Grundsatzfragen stelle, die alle auf einen Punkt hinauslaufen: Bin ich mir selbst eine gute Mama? Fragen Sie sich: Wenn Sie sich wie Ihr eigenes Kind behandeln würden, wären Sie dann nicht – etwa im Beruf – weniger streng mit sich? Und unnachgiebiger, wachsamer im Umgang mit allzu fordernden Mitmenschen? Würden Sie Ihren Bedürfnissen nicht mehr Gewicht und Raum geben und öfter aus dem Bauch heraus einfach Absagen erteilen, Pläne über den Haufen werfen und digitale Abstinenz verordnen? Es sich häufiger muckelig und nett machen? Den Mund aufmachen und schneller und nachdrücklicher um Geduld, Hilfe und Rücksicht bitten, wenn Sie überfordert sind? Wenn ich morgens Obst in die Bento-Boxen meiner Töchter sortiere, schnippele ich immer auch welches für mich mit. Wenn ich den protestierenden Kindern am Abend einen Gute-Nacht-Kuss gebe, frage ich mich, ob meine Augen genug Dunkelheit haben. Und wenn im Kindergarten Spielzeugtag ist, frage ich mich, ob ich nicht meinem inneren Kind auch eine kleine Freude bereiten kann.

Herzlichst Ihre
Frau Karli


© John Krempl/photocase.com

Tags: