Familienrat: Wenn Eltern nur noch funktionieren
Natalie Eich · 02.09.2026
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© nataliaderiabina/Adobe Stock
Letzte Woche war eine Mutter in meiner Beratung – nennen wir sie Laura – und sie wirkte verzweifelt auf mich. Ihr kleiner Sohn, ein halbes Jahr alt, wurde seit Wochen von seiner großen Schwester gehauen. Das Mädchen war knapp drei. Laura hatte sich im Vorhinein viele Gedanken gemacht, wie sie ihre Tochter auf das Geschwisterchen vorbereiten kann: Bücher gelesen, erklärt, geübt. Deswegen konnte sie sich die Wut auf den kleinen Bruder einfach nicht erklären. Ich habe sie erstmal gefragt: Wann passiert das denn meistens? „Nachmittags“, sagte sie. „Direkt nach dem Kindergarten.“
Und da wurde es interessant. Wir haben uns die Situation mal von oben angeschaut und irgendwann kam raus, dass die Kita-Gruppe der Kleinen vor ein paar Wochen umstrukturiert worden war. Alle vertrauten Gesichter weg und plötzlich war sie nicht mehr die Jüngste. Genau wie zu Hause eben auch nicht mehr. Diese Sonderstellung war weg und sie musste „von heute auf morgen“ groß werden. Sowohl im Kindergarten als auch zu Hause. Laura war sprachlos. Sie hatte das so noch gar nicht gesehen.
Was hinter der Wut von Kindern stecken kann
Kinder können nicht sagen: „Ich bin gerade traurig und möchte auch noch mal die Kleinste sein.“ Sie sagen das anders. Und meistens dort, wo sie sich sicher genug fühlen, um ihren Gefühlen freien Lauf zu lassen – also zu Hause. Beim kleinen Bruder.
Was die Kleine gebraucht hätte: jemanden, der die Gefühle auff ängt, wenn sie aus dem Kindergarten kommt. Der einfach da ist und bei dem sie vielleicht auch noch mal bewusst die Kleinste sein darf. Und hin und wieder etwas Exklusivzeit, für sie ganz allein.
Aber – und da kommen wir zum eigentlichen Knackpunkt – Laura hatte dafür gerade einfach keine Kapazitäten. Kleinkind, Baby, kaum Schlaf, noch am Stillen, Partner viel unterwegs. Sie gibt den ganzen Tag und holt sich ihre Wertschätzung inzwischen anders – backt, putzt, funktioniert. Weil von außen gerade kaum was zurückkommt.
Wenn Eltern selbst keine Kraft mehr haben
Wir haben irgendwann aufgehört, über die Tochter zu reden. Und angefangen, über Laura zu reden. Was brauchst du eigentlich? Die Antwort kam lange nicht. Das kenne ich selbst. Wenn man lange genug nur gibt, vergisst man irgendwann, was man selbst braucht. Und aus einem leeren Topf kann man nun mal nicht schöpfen, egal wie sehr man es will.
Am Ende haben wir ganz klein angefangen. Nicht mit großen Plänen, sondern mit zwei Fragen: Was kannst du für dich tun? Und was brauchst du dafür? Manchmal reicht das schon, um wieder anzufangen.
Was Eltern tun können, wenn sie nur noch funktionieren
- Wertschätzung nicht über Leistung holen, sondern aktiv einfordern – beim Partner, bei Freundinnen
- Kleine Inseln für dich schaffen, auch wenn es nur 20 Minuten sind
- Mit dem Partner konkret besprechen, was du brauchst – nicht hoffen, dass er es sieht

Natalie Eich ist systemische Beraterin, Gründerin von Freysinn und Mitinhaberin einer Praxis in Köln-Porz. Sie begleitet Menschen in Veränderungsprozessen und unterstützt sie dabei, ihren Selbstwert zu stärken, Grenzen zu setzen und achtsam für sich selbst zu sorgen.
