Kolumne

Das erste Mal: In der Welt der Videospiele

Jörg Bernardy · 27.03.2019

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Der Super Nintendo war eine beliebte Spielkonsole der frühen 90er Jahre. © Robin Schröder

Der Super Nintendo war eine beliebte Spielkonsole der frühen 90er Jahre. © Robin Schröder

Der Philosoph und Jugendbuchautor Jörg Bernardy erzählt von seiner Faszination mit Videospielen.

... Wie ich in den 90ern zum Super-Nintendo-Nerd wurde.

Endlich ist Wochenende. Zeit für alles, was ich wirklich mag. Wenn ich nicht schlafen kann, stehe ich nachts manchmal auf. So wie letzte Nacht. Ich gehe zum Kühlschrank, mache mir zwei Nutellabrote, ein Glas Milch dazu und dann zocke ich. Meistens zuerst ein paar Runden Super Mario Kart (der erste Funracer aus der Mario-Kart-Reihe!) oder Super Soccer.

Danach tauche ich in die legendären Welten von Zelda ein. Ein junger Held namens Link muss ein Königreich beschützen und eine Prinzessin namens Zelda retten. Mit einem Hobbit-Outfit und grüner Mütze bewegt man sich durch die abenteuerliche und phantasievolle Oberwelt. Es begegnen einem diverse Reisebegleiter, die dir wundersame Dienste erfüllen, man muss Rubine und Herzen (Lebensenergie!) sammeln und einer der Höhepunkte ist das Erlangen des Master-Schwertes, die einzige unzerstörbare Waffe im Spiel, mit der man sogar schießen kann. (Bei Secret of Mana kämpfte ich immerhin im Team und konnte zwischen einem Mädchen, einem Jungen und einer durchgeknallten Koboldin wählen!)

Epische Abenteuer in fantastischen Welten

Was mich an diesen Rollenspielen faszinierte, waren die Abenteuer, Rätsel und Prüfungen, die man zu bestehen hatte. Je mythischer, epischer und sagenumwobener die Geschichte, desto besser. Natürlich war ich süchtig, aber ein Computerspiel hat mich weder zum Freak noch zum Massenmörder gemacht. Ich konnte mir eigene Identitäten erschaffen, in aufregende Phantasiewelten eintauchen und für das Gute und Gerechte kämpfen. Etwas, das im echten Leben nur halb so gut, nur halb so wahr und gerecht ist.

Das Spielen hat nichts in mir hervorgeholt, was nicht ohnehin in meiner Persönlichkeit angelegt wäre. Wir sind alle irgendwo Freaks und Idioten, die ständig Gefahr laufen, sich zum Affen zu machen. Das ist menschlich und nennt sich Leben. Übrigens hat mich in dieser Zeit wahrscheinlich eine Sache gerettet: meine Hündin Ronja, die ich zu meinem zwölften Geburtstag bekam. Heute spiele ich kein Nintendo mehr, es gibt ja Netflix, aber Hunde mag ich immer noch. Und gute Bücher

Dr. Jörg Bernardy, geboren 1982, hat in Köln, Paris und Düsseldorf Philosophie und Literaturwissenschaften studiert. Er war wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe, wo er mit renommierten Autoren und Professoren wie Peter Sloterdijk und Wolfgang Ullrich zusammenarbeitete. Zuletzt war er mehrere Jahre für DIE ZEIT tätig. Seine Forschungsschwerpunkte sind die Philosophie der Medien, Kultur, Gesellschaft und Ästhetik. Er interessiert sich für die Verbindung von Theorie und Praxis sowie die vielfältigen Erfahrungsmöglichkeiten, die philosophischen Ideen zugrunde liegen. Für Jugendliche schreibt er philosophische Bücher, die zum Nachdenken einladen und auffordern. Jörg Bernardy lebt als freier Autor in Hamburg.

Lost in Games - Themenabend mit Jörg Bernardy

Am Mittwoch, 8. Mai sprechen wir von KÄNGURUplus mit Dr. Jörg Bernardy in der Stadtteilbibliothek Kalk über Videospielsucht. Die Veranstaltung findet in Kooperation mit Junge Stadt Köln e.V., Spieleratgeber NRW und der Stadtbibliothek Köln statt. Hier geht es zum Event in unserem Kalender und auf Facebook.

Bücher von Jörg Bernardy

„Mann Frau Mensch“, Beltz & Gelberg 2018, 16,95 Euro

Was macht mich aus? Mit dieser Frage eröffnet Jörg Bernardy seinen philosophischen Reigen „Mann Frau Mensch“ um die Frage nach der eigenen Identität. Bin ich zunächst einmal m.nnlich oder weiblich und dann erst Mensch? Oder ist es vielleicht eher umgekehrt? Welche Rolle spielt mein Geschlecht für meine Selbstwahrnehmung? Und welche dafür, wie andere Menschen auf mich schauen? Was ist typisch männlich? Was weiblich? Und wie passe ich da hinein? Welche vermeintlich männlichen oder weiblichen Eigenschaften sind angeboren? Welche anerzogen? Und gibt es irgendjemanden auf der Welt, der (oder die) das weiß?

Noch mehr Fragen und so manche überraschende Antwort finden junge Leserinnen und Leser in diesem philosophischen Ratgeber. Ergänzt werden Bernardys Texte durch sogenannte Innenansichten junger Menschen, die aus der künstlerischen Perspektive das Phänomen betrachten. Sehr bereichernd.

Fazit: Ein gelungener Anstoß zur Diskussion.


„Philosophische Gedankensprünge“, Beltz & Gelberg 2017, 16,95 Euro

Für junge Wahrheitssucher, Selbsterfinder und Andersdenker hat der Philosoph Jörg Bernardy dieses au.ergew.hnliche Sachbuch geschrieben – und gleich zu Beginn mit einem Warnhinweis versehen. Denn Denken öffnet nicht nur Türen, sondern beschert einem manchmal auch unbequeme Erkenntnisse. Und Vorsicht: Junge Leserinnen und Leser beginnen damit einen Prozess der Reflexion, der nicht mehr rückgängig gemacht werden kann. Aber dafür gibt es auch immer wieder eine ganz besondere Belohnung, denn Denken schafft Handlungsfreiheit für das eigene Leben. Wer nachdenkt, kann gestalten. Und wer gestaltet, findet oft Glück und Sinn.

Aber wie funktioniert das nun mit dem Denken und mit diesem Buch? Ganz einfach: übers Fragen. Denn nichts beflügelt die Suche nach Antworten so sehr wie die Frage, die am Anfang steht. Jörg Bernardy hat für seine philosophischen Gedankensprünge jede Menge davon gesammelt und mit vielen kleinen und großen Anmerkungen versehen, die zum Mitspringen einladen. Und so denken wir uns kreuz und quer durch Fragen nach dem Ich und Du, nach Liebe, Freundschaft, Kunst, Moral und mehr – und entdecken uns Stück für Stück selbst.

Fazit: Nicht nur für junge Leserinnen und Leser eine echte Inspiration, sondern auch für Eltern, Großeltern, Onkel, Tanten, Pädagogen ...