Kolumne

Bewegtbild-Abende

Frau Karli · 29.11.2019

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© Adobe Stock/primestockphotograpy

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Oder: Nostalgie für Faule ... aus dem Leben von Frau Karli

Wie die Zeit vergeht! Die Beine der Kinder werden länger, die Stimmchen tiefer und die Haare der Eltern grauer. Filme werden immer hektischer geschnitten. Briefe weichen Gesprächen, Gespräche weichen Mails, Mails weichen WhatsApp und dort, wo früher gemütliche Lädchen waren, halten durchgestylte Konsumentenlandschaften Einzug. Ja, Nostalgie ist kein neues Phänomen und bei uns Karlis ist sie häufig zu Gast. Unsere Töchter, die mit ihren sechs und elf Jahren ja noch gar nicht so alt sind, verlangen jedenfalls oft nach Fotos und Videos von „früher“.

Nun gibt es in vielen Familien Fotoalben, die lückenlos alle Urlaube, Feste und Entwicklungsstadien der einzelnen Personen dokumentieren. Unser Bilddaten-Bestand hingegen ist eher organisch gewachsen und munter über die gesamte IT-Infrastruktur verteilt: Auf dieser Festplatte die Jahre 2007–2012, auf jener die von 2013, 2015 und 2016 (Was zum Geier ist mit 2014? Was geschah in diesem ominösen Jahr?! Wurden wir entführt und mit einem Vergessenszauber belegt?!), die Sommerurlaube 2008 und 2018 auf dem Backup-Dings in der Cloud. Und auch auf etlichen CDs, Datensticks, Chips und ausgemusterten Handys warten Erinnerungen darauf, endlich sortiert zu werden.

Ein so aufwendiges Projekt, dass wir abends mit den Kindern lieber „Modern Family“ schauen. Und hey, alte Folgen der Serie funktionieren fast genauso wie eigene Familienerinnerungen! Die erste Episode der ersehnten neunten Staffel löste allerdings Bestürzung aus: Warum sahen alle plötzlich so viel älter aus? War etwa auch in den USA die Zeit vergangen?! Herrje! Und was hatte Claire Dunphy mit ihren Lippen angestellt? Botox?! Mein Mann, unsere Große und ich bedauerten wortreich die Entscheidung der Schauspielerin Julie Bowen und drifteten ab in Spekulationen und Kritik. „Wenn die Frau das wüsste“, sagte plötzlich unsere Sechsjährige, die die ganze Zeit still gewesen war. „Wenn wer was wüsste?“, fragte ich. „Wenn die Frau da wüsste, wie wir von ihr sprechen, wäre das bestimmt nicht schön“, antwortete sie. Nicht mahnend, nicht anprangernd, nur mitfühlend. Und dass sie sich selbst auch noch mit einbezog, obwohl sie sich überhaupt nicht an unseren klatschsüchtigen Entgleisungen beteiligt hatte, beschämte uns umso mehr. Schnell wechselten wir das Thema und nahmen uns vor, bald die Sache mit den Fotoalben anzugehen.

Herzlichst Ihre
Frau Karli


© John Krempl/photocase.com

In jeder KÄNGURU-Ausgabe und online: Witzig, warmherzig und mit scharfem Verstand berichtet Frau Karli in ihrer Kolumne aus ihrem Familienleben. Kennt ihr schon alle Frau-Karli-Texte?

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