Gesundheit

Wenn Kinder ihre Sprache verlieren

Anja Tischer · 05.03.2015

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Es kann so schnell passieren. Ein Sturz vom Klettergerüst oder im Straßenverkehr einmal nicht richtig aufgepasst – 270.000 Menschen in Deutschland erleiden pro Jahr eine Schädelhirnverletzung. Knapp die Hälfte ist unter 25 Jahren, fast 13 Prozent haben noch nicht einmal das sechste Lebensjahr erreicht.

Je nachdem, welche Region des lebenswichtigen Organs Gehirn betroffen ist, beeinträchtigt die Verletzung das Sprechen und damit verbundene Fähigkeiten wie Verstehen, Schreiben und Lesen. Für diesen Sprachverlust, im Fachjargon „Aphasie“ genannt, gibt es aber auch noch andere Gründe. Unter den erwachsenen Patienten ist zu 80 Prozent der Schlaganfall die Ursache, ausgelöst durch eine Hirnblutung oder verstopfte Arterie. Bei Kindern ist es meistens das Schädel-Hirn-Trauma durch eine Gewalteinwirkung von außen.

Hinzu kommen Kinder, deren Sprachstörung falsch gedeutet wird

Aber auch Hirnhautentzündungen, Tumore oder Schlaganfälle kommen vor. Mit rund 3.000 Fällen pro Jahr erleiden deutlich weniger Kinder eine Aphasie als Erwachsene. Doch wissenschaftlich gesichert ist die Zahl nicht. Experten gehen von mehr Kindern aus, denn es kommen diejenigen hinzu, deren Aphasie irrtümlich für eine Sprachentwicklungsstörung gehalten wird.

Wie gut sprach das Kind vor der Hirnschädigung?

Zum Zeitpunkt des Unfalls oder der Erkrankung befinden sich manche Kinder noch im Spracherwerb, lernen vielleicht bereits Lesen und Schreiben. Und genau das macht die Diagnose einer Aphasie so kompliziert. Gelerntes geht plötzlich verloren und niemand weiß genau, an welchem Punkt der Entwicklung sich die Kinder vor der Hirnverletzung befanden. Werden die Auffälligkeiten nun mit einer Sprachentwicklungsstörung verwechselt, bekommen die Kinder nicht die richtige Behandlung. Deshalb ist eine gründliche Begutachtung durch Fachleute nötig. Ärzte und Logopäden ermitteln mit speziellen Diagnostikmethoden den Ist-Stand und versuchen, Informationen über die Entwicklung vor der Aphasie zu sammeln. Gespräche mit Eltern sowie Lehrern oder Erziehern und ein Blick in die Schulhefte können hier Aufschluss geben. Nur auf dieser Grundlage ist eine bestmögliche Behandlung möglich.


Interview mit Simon Friede

Der Logopäde an der St. Mauritius Therapieklinik in Meerbusch spricht über seine Arbeit mit hirnverletzten Kindern

KÄNGURU: Welche Altersgruppen begegnen Ihnen in der Klinik?

Simon Friede: Von Kindern mit wenigen Lebensmonaten, die beispielsweise schon von Geburt an beeinträchtigt sind, bis hin zu jungen Erwachsenen. Der Hauptanteil liegt zwischen drei und 16 Jahren.

Vor welchen besonderen Herausforderungen stehen die Kinder im Vergleich zu Erwachsenen?

Beim Erwachsenen sind die Fähigkeiten in Sprache, Schreiben und Lesen weitgehend ausgereift. Das Kind hingegen befindet sich noch in der Entwicklung. Durch die akute Hirnverletzung erlebt es einen Verlust bereits erworbener Fähigkeiten, den es zunächst wieder „aufholen“ muss. Gleichzeitig muss es sich noch weiterentwickeln. Deshalb wird der Leistungsunterschied zwischen den kranken und gesunden Kindern meistens immer größer.

Wie bewältigen die Kinder diese Situation?

Sehr unterschiedlich. Oft beobachte ich, wie sich Kinder die Situation mit kindlicher Logik erklären. Ein Junge, der nicht mehr lesen und schreiben konnte, sagt zum Beispiel einmal zu mir: „Ich will doch Maler werden, dafür brauche ich gar nicht Lesen und Schreiben.“ Ich erlebe natürlich auch viel Frust, da ist es dann eine besondere Herausforderung für uns Sprachtherapeuten, die Motivation zur Therapie zu erhalten.

Beobachten Sie da Unterschiede zu Erwachsenen mit Aphasie?

Bei Kindern finde ich so faszinierend, dass sie anders mit der Krankheit umgehen. Sie bringen eine große Lebensfreude mit, sind in der Therapie oft bereit, an ihre Grenzen zu gehen, und denken noch nicht so weit im Voraus. Viele betroffene Erwachsene in der Klinik bewundern das.

Wie reagieren die Eltern der Kinder?

Die Eltern haben ihre Kinder in großer Lebensgefahr erlebt und sind erst einmal nur froh, dass das Kind überlebt hat. Gleichzeitig haben sie meistens einen großen Ehrgeiz, dass alles wieder wie früher wird. Die Kunst ist, einen Mittelweg zu finden zwischen fordern und fördern. Die Eltern sollten nicht zu Therapeuten werden, können aber den Rehabilitationsprozess wesentlich unterstützen.

Wie wirkt sich die Situation auf das System Familie aus?

Geschwister sind oft die sekundären Leidtragenden, weil die Eltern wenig Zeit für sie haben. Einige reagieren mit Eifersucht. Das Familienleben, die Ehe und die Eltern als Person treten in den Hintergrund. Es ist wichtig, dass sie sich auch Zeit für sich selbst nehmen.

Auch die betroffenen Kinder sollen wieder am Leben teilnehmen, auf Kindergeburtstage gehen, in die Musikschule, Jugendgruppe oder zum Sport. Obwohl das alles vielleicht nicht mehr so einfach ist wie vorher. Da muss man kreativ sein und Lösungen finden. Die Alternative ist soziale Isolation. Und wenn niemand zum Reden da ist, wofür soll ich da sprechen lernen?

Vielen Dank für das Gespräch.

Simon Friede, M.Sc., ist Lehr- und Forschungslogopäde. Seine Masterthesis verfasste er zum Thema „Langzeitverlauf der Aphasie bei Kindern und Jugendlichen“. Als Referent ist er unter anderem bei den Eltern-Kind-Seminaren des Bundesverbands für Aphasie tätig.

St. Mauritius Therapieklinik

Rehabilitation für rund 350 Kinder pro Jahr. Kindern, die nach einer Hirnschädigung das Krankenhaus wieder verlassen, steht oft noch ein langer Weg der Genesung bevor. Ein umfassendes Angebot an Rehabilitation bietet die Therapieklinik St. Mauritius in Meerbusch. Seit 15 Jahren betreibt das Haus unter anderem eine neuropädiatrische Klinik. Hier behandelt ein Team aus Ärzten, Therapeuten und Pflegenden Kinder mit angeborenen oder erworbenen Störungen des zentralen Nervensystems. Die Angebote reichen von Physio- und Ergotherapie über Logopädie bis hin zu Kreativtherapie und Neuropsychologie.

Info: St. Mauritius Therapieklinik, Strümper Str. 111, 40670 Meerbusch, Tel. 02159 – 67 90

Bundesverband Rehabilitation Aphasiker

Mit Eltern-Kind-Seminar. Der Bundesverband für die Rehabilitation der Aphasiker ist die zentrale Anlaufstelle für Betroffene und Angehörige. Hier finden Eltern von Kindern mit Aphasie Adressen für Rehabilitations-Einrichtungen, Informationen zum Thema Beschulung und interessante Termine. Beispielsweise bietet der Verband ein Eltern-Kind-Seminar an, das Raum für Fachinformation und Erfahrungsaustausch gibt.

Info: Bundesverband für die Rehabilitation der Aphasiker e. V, Klosterstr. 14, 97084 Würzburg, Tel. 0931 – 250 13 00

ZNS – Hannelore Kohl Stiftung

Fördergelder und Ratgeber. Für Menschen, deren Gehirn oder Rückenmark verletzt ist, setzt sich die Hannelore Kohl Stiftung in Bonn ein. Seit 1983 wurden mehr als 600 Projekte mit rund 29 Millionen Euro gefördert. Die Gelder fließen in die medizinische Forschung sowie in die Prävention von Unfällen und in die Unterstützung gemeinnütziger Einrichtungen. Zum Thema kindliche Aphasie hat die Stiftung zusammen mit dem „Bundesverband für die Rehabilitation der Aphasiker“ einen Ratgeber herausgebracht: „Aphasie – Schule war mal kein Problem“. Hier finden Interessierte unfassende Informationen zu Ursache, Erkennungsmerkmalen und Behandlung kindlicher Aphasie sowie zur schulischen Eingliederung inklusive einer Auflistung von Anlaufstellen.

Info: Aphasie – Schule war mal kein Problem, ZNS – Hannelore Kohl Stiftung & Bundesverband für die Rehabilitation der Aphasiker (Hrsg.), 2010 (2. Aufl.) Zu bestellen über ZNS - Hannelore Kohl Stiftung, Rochusstr. 24, 53123 Bonn, Tel. 0228 – 978 45 33

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