Mentale Gesundheit von Eltern – Belastung, Unterstützung, Lösungen
Saskia Jakisch · 07.01.2026
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Eltern leisten täglich Erstaunliches – emotional, organisatorisch und mental. Doch diese Mehrfachbelastung bleibt nicht ohne Folgen: Sie kann die mentale Gesundheit erheblich beanspruchen. In einer Gesellschaft voller Erwartungen ist es wichtig, Hilfe anzunehmen, Pausen zuzulassen und die eigenen Grenzen zu achten.
Was mentale Gesundheit bei Eltern bedeutet – und warum sie so wichtig ist
Mentale Gesundheit beschreibt die Fähigkeit, mit Stress umzugehen und auch unter Belastung psychisch stabil zu bleiben. Eltern begleiten ihre Kinder, geben ihnen Sicherheit und müssen gleichzeitig Beruf, Partnerschaft und eigene Bedürfnisse im Blick behalten – ein Balanceakt, der oft zu anhaltender Anspannung führt. Selbstfürsorge ist kein Egoismus, sondern die Grundlage dafür, langfristig stabil und präsent für die eigenen Kinder zu bleiben.
Wichtig ist die Abgrenzung zwischen „normalem“ elterlichem Stress und psychischen Erkrankungen. Stress ist meist kurzfristig und an konkrete Ereignisse gebunden – etwa der Start in die Betreuung oder ein Projekt im Job. Hält er jedoch länger an, ohne Erholung, kann er krank machen: Schlafprobleme, Gereiztheit und Überforderung sind Warnzeichen. Chronischer Stress kann zu Depressionen oder Angststörungen führen.
Mentale Gesundheit ist kein einmaliges Ziel, sondern ein fortlaufender Prozess. Wer sich Pausen erlaubt und Unterstützung annimmt, verhindert, dass Stress zur Dauerbelastung wird. Es lohnt sich, diese Balance bewusst zu pflegen.
Auch das soziale Umfeld spielt eine entscheidende Rolle: Wer Unterstützung von Familie, Freund:innen oder Nachbar:innen annehmen kann, entlastet sich selbst spürbar. Ein Gespräch mit einer vertrauten Person, das Übernehmen kleiner Aufgaben wie Einkäufe oder das kurzzeitige Betreuen der Kinder – all das hilft, akute Stressphasen zu überbrücken. Wichtig ist, sich Hilfe aktiv einzuholen und nicht zu scheuen, auch im engeren Umfeld um Unterstützung zu bitten.
Mentale Selbstfürsorge im Familienalltag – kleine Schritte, große Wirkung
Neben professioneller Unterstützung können Eltern durch gezielte Selbsthilfe ihre mentale Gesundheit stärken. Dazu zählen kleine, alltägliche Rituale: das Führen eines Gedanken- oder Dankbarkeitstagebuchs, kurze Bewegungseinheiten, bewusste Pausen ohne Handy oder andere Ablenkungen, und das Setzen realistischer Tagesziele. Der Austausch mit anderen Eltern – ob online oder im echten Leben – kann zusätzlich entlasten. Solche Strategien helfen, Stress abzubauen und stärken das eigene Wohlbefinden.
Warnzeichen für Überlastung erkennen
Wenn Eltern dauerhaft unter Stress stehen, sendet der Körper Warnsignale. Häufige Anzeichen sind chronische Erschöpfung, Ein- oder Durchschlafprobleme sowie plötzliche Reizbarkeit. Auch anhaltende Gefühle von Schuld, sozialer Rückzug oder ein Verlust der Freude an Dingen, die sonst guttun, können Hinweise auf eine Überlastung sein. Diese Symptome sollten nicht ignoriert werden, besonders wenn sie über mehrere Wochen bestehen bleiben. Wer die eigenen Warnzeichen kennt und ernst nimmt, kann frühzeitig gegensteuern oder professionelle Hilfe in Anspruch nehmen – und so die eigene Gesundheit langfristig schützen.
„Sich selbst Gutes tun“ – Interview zur elterlichen Belastung mit Janina Knott (AWO Bonn/Rhein-Sieg)
Wie solche Unterstützung konkret aussehen kann und wo Familien im Alltag am meisten Hilfe brauchen, erklärt Janina Knott, Geschäftsleitung und Betriebsleitung Frühkindliche Elementarpädagogik der AWO Bonn/Rhein Sieg.
KÄNGURU: Woran erkennen Eltern, dass sie auf ihre mentale Gesundheit achten sollten?
Janina Knott: Oft äußert sich dies in Erschöpfungszuständen; Schlaflosigkeit, emotional instabile Verfassung, Vergesslichkeit, Lustlosigkeit. Eltern berichten über diese ersten Warnzeichen, die sie aber als solche erst viel später identifizieren können.
Welche besonderen Herausforderungen erleben Eltern heute – egal ob klassische Familienmodelle, Alleinerziehende, Patchworkfamilien oder Eltern von Kindern mit Behinderung – und was hilft ihnen, damit umzugehen?
Besondere Herausforderungen sind oft die Finanziellen, was bedeutet, dass es heutzutage kaum möglich ist, eine Familie mit nur einem Gehalt zu ernähren. Das wiederum setzt Eltern in allen Familienmodellen unter enormen Druck, sehr schnell wieder ihre Arbeit aufzunehmen. An dieser Stelle kommt die Kinderbetreuung ins Spiel - Kita, Schule, OGS. Daher ist es so wichtig, dass wir für alle Familien zur tatsächlichen Vereinbarung von Familie und Beruf, die Kinderbetreuung optimieren und auch allen zugänglich machen.
Welche drei einfachen, konkreten Tipps haben Sie für Eltern, wenn ihnen gerade alles über den Kopf wächst?
Erstens: Hilfsangebote wahrnehmen! Stichworte sind hier Beratungsstellen, Netzwerke und Haushaltsentlastungen. Zweitens: Zeit für sich einplanen und dringend umsetzen. Sich selbst Gutes tun. Drittens: Signale wahrnehmen und handeln.
Wie können sich Eltern innerhalb der Familie – oder auch Alleinerziehende mit ihren Kindern – gegenseitig unterstützen, um mentale Entlastung zu schaffen?
Wir erleben bislang nur selten, dass Kinder, die in der Nähe wohnen, gemeinsam organisiert werden – etwa indem sie morgens von einer Person in einer Art Fahrgemeinschaft zur Kita gebracht oder nachmittags gemeinsam abgeholt werden. Solche Modelle gibt es ab dem Grundschulalter häufiger – warum also nicht schon früher in der Kita? Im Kern geht es darum, Ressourcen zu bündeln. Wenn sich ein solches System einmal eingespielt hat, können alle davon profitieren. Eltern, denen ein familiäres Netzwerk fehlt, lernen so nicht nur andere Familien kennen, sondern gewinnen auch neue Kontakte für gemeinsame Aktivitäten. Das kann entlasten, Abwechslung in den Alltag bringen und hilft langfristig, gesund zu bleiben.
Was raten Sie Eltern, die sich dauerhaft überfordert fühlen, aber trotzdem ‚funktionieren‘ müssen?
Definitiv Beratung – beispielsweise in Familienberatungsstellen. Dort kann die aktuelle Situation gemeinsam mit Fachkräften reflektiert und aus anderen Perspektiven betrachtet werden. Oft steckt man in einem vermeintlich gut funktionierenden System so fest, dass man gar nicht bemerkt, wie belastend es tatsächlich ist – gerade, weil man „funktioniert“. Bevor dieses System zusammenbricht, ist es wichtig, bestehende Muster zu durchbrechen. Ein prüfender Blick von außen kann dabei sehr hilfreich sein.
Wenn Sie jungen oder werdenden Eltern einen einzigen Rat mit auf den Weg geben könnten – welcher wäre das?
Ich nutze hier sehr gerne eine Metapher aus den Sicherheitshinweisen im Flugzeug: „Setzen Sie im Ernstfall zuerst Ihre eigene Sauerstoffmaske auf, bevor Sie anderen helfen.“ Übertragen auf Eltern bedeutet das: Wer gut für sich selbst sorgt, kann auch am besten für andere – in diesem Fall für die eigenen Kinder – da sein.
Was Eltern präventiv stärkt
Vorbeugung ist oft einfacher als Heilung. Eltern können aktiv etwas für ihre mentale Gesundheit tun: regelmäßige Auszeiten einplanen, auf ausreichend Schlaf und Bewegung achten sowie den Austausch mit anderen Eltern suchen. Entspannungstechniken wie Achtsamkeit oder Atemübungen helfen, besser mit Stress umzugehen. Auch frühe Unterstützung durch Beratungsstellen, Familienzentren, Selbsthilfegruppen oder Angebote wie Leihgroßeltern, hilfsbereite Verwandte oder Freund:innen kann im Alltag entlasten und Freiräume für eigene Bedürfnisse schaffen.
