Gesundheit

Kinder mit AVWS

Ursula Katthöfer · 06.03.2019

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© imgorthand / iStockphoto.com

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Kinder mit einer auditiven Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung (AVWS) sind nicht schwerhörig. Ihr Mittel- und Innenohr funktioniert. Dennoch verstehen sie häufig nicht, was ihnen gesagt wird. Denn was sie hören, wird auf dem Weg zum Gehirn nicht richtig verarbeitet – mit schwerwiegenden Folgen.

„Seit dem dritten Lebensjahr unseres Sohnes waren wir mit ihm bei Ohrenärzten, weil er offenbar schlecht hörte. Doch die Hörtests liefen immer gut“, erzählt Violetta S. „Erst im vierten Schuljahr wurde eine auditive Wahrnehmungsstörung bei ihm diagnostiziert. Töne und Geräusche kommen in seinem Hirn anders an als bei den meisten Kindern.“

Liam schien in der Schule nichts mitzubekommen. Er war häufig unkonzentriert, wurde schneller müde als andere und verstand nicht, was die Lehrer von ihm wollten. Das frustrierte ihn, Liam galt als Störenfried. „Wir haben alles Mögliche vermutet“, erzählt seine Mutter. „Aufmerksamkeitsstörungen oder psychische Probleme. Als wir endlich die Diagnose hatten, fielen seine Lehrer aus allen Wolken.“

In Deutschland haben etwa 140.000 Kinder und Jugendliche eine auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung (AVWS), das entspricht zwei bis drei Prozent. Mindestens in jeder zweiten Klasse ist ein Kind davon betroffen.

Für Prof. Dr. Götz Schade, Leiter der Abteilung für Phoniatrie und Pädaudiologie an der Bonner Universitäts-HNO-Klinik, ist diese Geschichte kein Einzelfall: „Für Kinder mit einer AVWS sind Störgeräusche schwer von der Stimme des Lehrers zu trennen. Ein vorbeifahrendes Auto, das Husten eines Klassenkameraden oder ein fallender Stift bilden einen Störschall, in dem der Nutzschall – also die Stimme des Lehrers – untergeht.“ Manche können auch nicht unterscheiden, ob ein Geräusch von links, rechts oder von hinten kommt. Diese gestörte Hörverarbeitung kann zu Sprachverzögerung, Problemen bei Fremdsprachen oder beim Kopfrechnen führen.

Stumm im Morgenkreis

Welche Faktoren eine AVWS auslösen, ist noch unklar. Das soziale Umfeld, häufige Mittelohrentzündungen und Paukenergüsse, traumatische Erlebnisse, genetische Einflüsse und eine schlechte Sauerstoffversorgung unter der Geburt gehören dazu. Erzieher und Lehrer werden zunehmend darauf aufmerksam: „Ich habe das Gefühl, dass immer mehr Kinder Schwierigkeiten haben, Gehörtes umzusetzen“, meint Elke Nieß, Grundschullehrerin in Bornheim-Merten.

Tina Kalitzke, Logopädin in einem heilpädagogischen Kindergarten in Bonn-Oberkassel, beobachtet, wie unterschiedlich die Kinder damit umgehen: „Manche machen den Clown, um auf sich aufmerksam zu machen. Andere ziehen sich sehr in sich zurück und wollen zum Beispiel im Morgenkreis nichts erzählen.“ Beide Frauen bedauern, dass es für die Kinder und ihre Eltern sehr lange dauert, bis sie einen Diagnosetermin bekommen.

Schaukelpferd von rechts

Im Universitätsklinikum Bonn ist Max zur Diagnostik erschienen. Schwerhörig ist er nicht, das haben erste Tests ergeben. Auch wenn er sich mit der Logopädin in einem ruhigen Raum unterhält, kann er ihr gut folgen. Schwierig wird es, als Störschall hinzukommt. Aus Lautsprechern an der Decke ertönt ein Rauschen. Max hört nun zwei verschiedene Wörter, auf jedem Ohr ein anderes. Was kann er verstehen? „Das Schaukelpferd, der Weihnachtsmann“, sagt er mit einer Mischung aus Stolz und Erleichterung. Max macht zahlreiche Tests zu seinem Sprachentwicklungsstand und seinem Sprachverständnis. In der mit einer schallisolierten Verkleidung ausgestatteten Camera Silenta hört er Geräusche aus verschiedenen Richtungen und muss zeigen, von wo ein Geräusch kommt.

Das ausgiebige Testverfahren ist notwendig, da eine AVWS sich auf sehr unterschiedliche Art äußern kann. Die Erkrankung ist sehr individuell, ein einheitliches Hauptsymptom gibt es nicht. Wenn das Kind bei mindestens zwei der Tests große Schwächen zeigt, gehen die Ärzte und Logopäden von einer AVWS aus.

Drahtlos besser hören

Da keine AVWS wie die andere ist, gibt es kein Standardtherapierogramm. Doch jede Therapie basiert auf drei Säulen:

  • Beratung der Eltern und Pädagogen
  • Anpassung der Hörumgebung

  • Logopädie

In der Schule spielt eine drahtlose Übertragungsanlage eine große Rolle. Der Lehrer trägt einen Sender, das Kind trägt einen Empfänger. Für das Kind entsteht ein Höreindruck, als stünde der Lehrer direkt neben ihm. Während Gruppenarbeiten bieten sich Handmikrophone an. Für viele Kinder mit einer AVWS öffnet sich durch die Hörhilfe eine neue Dimension: Sie finden Interesse an dem, was sie hören. Abschalten lohnt nicht!

So können Eltern helfen

Eine AVWS betrifft die gesamte Familie. Eltern müssen um- denken: Ihr Kind ist nicht bockig oder blöd, es hat ein medizi- nisches Problem. Wenn es auf Sprache nicht reagiert, können Eltern zunächst eine Hand auf die Schulter legen, Blickkontakt suchen und dann deutlich sprechen. Hat das Kind etwas nicht verstanden und fragt nach, hilft ein positives Feedback: Gut, dass du fragst!

Wenn Störgeräusche ausgeschaltet werden, versteht das Kind gleich viel besser. Deshalb gilt: Keine Hausaufgaben am Küchentisch, während die Spülmaschine rumpelt oder das Radio dudelt. Kein ernstes Gespräch, während durch ein offenes Fenster Verkehrsgeräusche eindringen. Das müssen auch die Geschwister verstehen. Mobbing, weil das Kind mit AVWS etwas nicht mitbekommt, geht gar nicht.

So können Lehrer und Betreuer helfen

Eltern sollten die Lehrer, Erzieher, Betreuer u.a. über die AVWS informieren. Und zwar alle Lehrer, damit sie alle im Unterricht das drahtlose Übertragungsgerät einsetzen. Kleiner Tipp: Lehrer sollten daran denken, das Gerät im Lehrerzimmer auszuschalten. Kind hört mit! Falls an einer Schule mehrere Kinder mit AVWS unterrichtet werden, müssen unterschiedliche Frequenzen genutzt werden.

Ein Platz neben einer rauschenden Heizung ist für ein Kind mit AVWS ungeeignet. Im Klassenraum sollte es einerseits vorn sitzen, um den Lehrer gut zu sehen. Andererseits seitlich, um in die Gesichter der Mitschüler schauen zu können. Lehrer können durch Kontrollfragen prüfen, ob das Kind die gestellten Aufgaben verstanden hat. Sonderpädagogen an Schulen für Hörgeschädigte beraten dazu.

Medientipps

Ratgeber

Dr. Claudia Hammann studierte an der Universität zu Köln Sonderpädagogik. Sie arbeitet an Schulen und hat sich auf AVWS spezialisiert. Ihr Buch ist ein detaillierter Ratgeber für Lehrer, Betreuer, Angehörige und Betroffene.

Hammann, Claudia: AVWS – Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen bei Schulkindern, 64 Seiten, TB 9,49 Euro, e-Book 6,99 Euro, ISBN-13: 978-3824809943

Ursachen, Diagnostik, Therapie

Karen Morlok bietet Fortbildungen zur AVWS an. Auf ihrer Website erläutert sie gut verständlich, woher die Erkrankung kommt und was man dagegen tun kann.

Forschung sucht Jugendliche

Eine Krankheit kann nur gut therapiert werden, wenn Forschungsergebnisse zu ihrer Entstehung vorliegen. Deshalb suchen die Wissenschaftler des Berufsbildungswerks Leipzig, die sich seit vielen Jahren mit AVWS beschäftigten, Jugendliche ab 13 Jahren und Erwachsene mit AVWS für eine Online-Befragung. Im ForschungsBlog informieren sie über bisherige Ergebnisse.

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„Wichtig ist, das Kind selbst über die AVWS zu informieren“ - Interview mit der Lehr- und Forschungslogopädin Barbara Görgen