Familienleben

Stadt oder Land

Janina Mogendorf · 15.11.2018

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Wohnen in der Stadt versus Leben auf dem Land. © MCS-Photography/Lisa5201/iStockphoto.com

Wohnen in der Stadt versus Leben auf dem Land. © MCS-Photography/Lisa5201/iStockphoto.com

Der Inbegriff einer Stadt ist das Dicke B oben an der Spree. Zahlreiche Hymnen besingen das Leben in Berlin, das schmutzig und laut ist und doch so hip und cool. Väter tragen Bärte und Babys in der Trage und alle gehen vegan essen. Demgegenüber steht das Idealbild des Landlebens: Am liebsten Bullerbü, wo barfüßige Kinder auf Apfelbäumen sitzen und Fahrten mit dem Pferdeschlitten zum Winter gehören. Internet und Sammelfigürchen an der Supermarktkasse kommen in dieser Vorstellung eher nicht vor. Was zu der Überlegung anregt, ob es sich eventuell um eine andere Epoche handelt, von der so viele träumen.

Was ist Heimat?

Zwischen Berlin und einem schwedischen Dorf Anfang des 20. Jahrhunderts gibt es eine große Bandbreite an Welten, in denen Kinder heute aufwachsen. Und egal, ob Zwei-Zimmer-Küche-Nasszelle im Plattenbau, Doppelhaushälfte mit gekiestem Vorgarten oder Fachwerkhäuschen ganz weit draußen: Dort, wo man die ersten Lebensjahre verbringt, bleibt ein vertrautes Stück Heimat. Glückliche Familien leben in Bonn-Innenstadt genauso wie in Fuchshofen in der Eifel. Und werden Kinder gemobbt oder vernachlässigt, sind sie am Waldrand genauso unglücklich wie an der stark befahrenen Hauptstraße.

Sind alle Stadt-Land-Bilder also reine Klischees? „Nicht unbedingt“, sagt Laura aus Königswinter. Die 17-Jährige ist in einem Dorf am Rande des Siebengebirges groß geworden. Rundherum Felder und Wälder. Kühe stehen auf der Weide, Rotmilane ziehen ihre Kreise. „Ich hatte hier eine wunderschöne, behütete Kindheit“, erzählt Laura. „Wir waren immer draußen, haben Räuber und Gendarm gespielt, uns am Bach eine Schlammrutsche gebaut und einen hohlen Baum als Briefkasten für geheime Nachrichten genutzt.“

Wohnen auf dem Land – weite Wege, viel Nähe

Noch heute genießt sie es, dass jeder jeden kennt und verschiedene Generationen miteinander zu tun haben. Dass sie in fünf Minuten mit dem Fahrrad bei den Pferden ist und in zehn beim Edeka im Nachbarort. Außer einer Bäckerei gibt es keine Einkaufsmöglichkeiten mehr im Dorf. Auch zur Grundschule müssen die Kinder einen Ort weiter. Später sind sie auf ihre Eltern oder den Bus angewiesen, um zur weiterführenden Schule zu kommen.


© Lisa5201/iStockphoto.com

„Die Anbindung ist natürlich schon ein Problem“, sagt Laura. Der Linienbus braucht eine halbe Stunde bis ins Bonner Zentrum und am Wochenende ist es besonders schwierig. Will man Anschluss an die Bonner Stadtbahn haben, muss man den Bus eine Stunde vorher per Telefon bestellen. Lauras Freunde aus Bonn ziehen sie gerne auf. „Fährst du wieder ins Ausland“, witzeln sie, wenn sie nach einem Tag in der Stadt in den Bus steigt, um die lange Heimfahrt anzutreten.

Besonders schwierig wird es abends. Wer nach der Partynacht wieder auf den Berg will, kann zwar den Bus nehmen, der hält aber zu dieser Uhrzeit so ziemlich im Nirgendwo. „Da müsste ich dann im Stockdunklen einen Kilometer über die Felder laufen, und das darf ich natürlich nicht.“ Bleibt das Mamataxi. „Als wir jünger waren, mussten uns die Eltern einfach überall hinfahren. Ohne Auto geht es hier oben nicht“, sagt Laura. Deswegen nehmen Jugendliche ab einem gewissen Alter gerne das Fahrrad oder die Vespa, um unabhängiger zu sein.

Leben in der Stadt – gut angebunden

In der Stadt sieht die Sache anders aus: hier fällt es Familien leichter, mobil mit Kind zu sein. Für Lara aus Duisburg ist die Fortbewegung daher kein Problem. „Ich habe die Straßenbahn direkt vor der Nase und zwei Bahnhöfe in der Nähe. Wenn ich zu einem Konzert will oder Shoppen gehen, bin ich nicht auf das Auto angewiesen“, sagt die 18-Jährige. Das Mamataxi brauchte Lara früher aber auch – allerdings aus anderen Gründen. „Jüngere Kinder würde ich hier guten Gewissens nicht alleine laufen lassen“, sagt sie. „Ich hätte Angst, dass sie an der nächsten Ecke gekidnappt oder überfahren werden.“ Auch mit dem Fahrrad fühlt sie sich nicht sicher, auf dem Schulweg hatte sie schon mehrere Unfälle.

Christina und Martin leben seit neun Jahren in ihrer Drei-Zimmer- Wohnung nördlich der Kölner Innenstadt. Vor dreieinhalb Jahren kam Tim auf die Welt. Sein kleiner Bruder Ben ist ein Dreivierteljahr alt. Die Eltern stammen aus einer Kleinstadt im Sauerland und kennen die Vor- und Nachteile des Stadt-Land-Lebens aus eigener Erfahrung. Nach Köln kamen sie aus beruflichen Gründen. „Hier im Ballungsgebiet ist der Arbeitsmarkt für unsere Bereiche einfach viel besser“, sagen die MTA-Fachfrau und der IT-Spezialist.


© Aleksandar Nakic/iStockphoto.com

Entscheidend sind Beruf und Finanzen

Als die Kinder kamen, haben sie auch darüber nachdacht, aus der Stadt rauszuziehen. Mehr Ruhe, mehr Grün, ein Haus mit Garten. Das alles hätten sie sich auch vorstellen können. „Viele, die zum Studium oder für die Ausbildung in die Stadt gegangen sind, ziehen mit ihren Kindern wieder in die Heimat. Dort haben sie Großeltern vor Ort, die bei der Betreuung helfen können.“ Aber das Sauerland schied aus beruflichen Gründen aus und das Kölner Umland aus finanziellen. „Ein Eigenheim in der Region ist einfach zu teuer. Außerdem hatten wir keine Lust auf lange Pendelwege.“ So wie sie jetzt wohnen, brauchen sie nur ein Auto, denn gerade in Nippes, wo viele junge Familien leben, ist vom Babyschwimmen bis zum Mutter-Kind-Turnen alles fußläufig zu erreichen. Das Angebot für Kinder ist riesig. „Es gibt allein zehn verschiedene Krabbel- Gruppen um die Ecke.“ Die Nachmittage verbringen Christina und ihre Jungs gerne auf einem der vielen Spielplätze. Die sind hier in Nippes, wo kaum jemand einen eigenen Garten hat, besonders gut ausgestattet und gewartet.

Argumente gegen das Stadtleben I: Parkplätze und Verkehr

Ob sie sich manchmal nach dem Land sehnen? „Wenn ich mit Kinderwagen in der U-Bahn unterwegs bin und der Aufzug ausgefallen ist“, sagt Christina lachend. Dass mit der Barrierefreiheit sei in Köln so eine Sache, oft gebe es gar keine Aufzüge. Schon lange benutzt sie mit dem Kinderwagen die Rolltreppe. „Auch wenn das verboten ist. Aber was soll man machen.“ Jetzt mit zwei Kindern fühlt sie sich in ihrem Radius eingeschränkt. „Mit Kinderwagen und einem aktiven Dreijährigen sind lange Fußmärsche und Treppensteigen in der Stadt nicht so einfach.“

Da sei man auf dem Land doch flexibler. „Du packst die Kinder ins Auto und fährst zu deinem Ziel, wo du dann auch einen Parkplatz vor der Tür findest. Das ist schon einfacher.“ Überhaupt, die Parkplatzsituation. Martin kann ein Lied davon singen. „Ich habe früher manchmal eine Stunde nach einer freien Parklücke gesucht, zusammen mit jeder Menge Mitkonkurrenten.“ Manchmal parkte er so weit weg, dass er den Rest des Weges mit der U-Bahn fahren musste. „Jetzt leisten wir uns einen Stellplatz.“

Argumente gegen das Stadtleben II: Bezahlbarer Wohnraum

Rar und teuer sind auch Wohnungen für Familien in der näheren Umgebung. Langfristig brauchen sie für die Jungs ein Zimmer mehr und gerade größere Bleiben sind heiß begehrt. „Oft kriegt man auf seine Anfragen gar keine Antwort mehr“, sagt Martin. Wenn er dann noch die Preise mit dem Sauerland vergleicht, tut das weh. „Für 90 Quadratmeter zahlt man dort 700 Euro warm. Hier in Köln kannst du das Doppelte rechnen.“ Doch ganz so einfach ist es natürlich nicht, denn den geringeren Mietpreisen auf dem Land wirken oftmals Mobilitätskosten entgegen. Der Wohnraum ist bezahlbarer, aber die monatlichen Fahrtkosten sind höher.

Und so bleiben sie wohl noch eine Weile in ihrer Wohnung. Damit die Kids sich auspowern können und lernen, dass „Kartoffeln nicht im Supermarkt wachsen“, hat sich die Familie einen Schrebergarten gepachtet – etwa 20 Gehminuten entfernt. „Auf unseren kleinen Süd-Balkon passt kein Planschbecken und im Sommer ist es irre heiß. Im Garten haben wir eine Schaukel und einen Sandkasten. Es ist unsere kleine grüne Oase. Auch wenn es natürlich etwas anderes ist als ein Garten am Haus, wo man die Kinder einfach mal rausschmeißen kann“, sagt Christina.

Stadt vs. Land – oftmals eine Frage der Lebensphase


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Ob jemand die Stadt oder das Land bevorzugt, ist eine Frage der persönlichen Präferenzen, aber eben auch der Lebensphase. Laura hat ihre Kindheit auf dem Land geliebt, kann es jetzt aber kaum erwarten, zum Studium nach Berlin zu gehen. Wenn sie eine eigene Familie gründet, will sie aber wieder ländlich leben. Lara aus Duisburg sieht das ähnlich. „Ich würde mit meinen Kindern in ein Dorf ziehen. Jeder kennt jeden, frische Luft, tolle Landschaft. Man kann Obst direkt vom Baum ernten und beim Nachbarn Honig kaufen. Das hat für mich einen totalen Charme.“

Immer mehr Menschen zieht es in die Städte

Leben Familien also doch auf dem Land am besten? Auf diese Frage gibt es keine pauschale Antwort. Auch ist Stadt eben nicht gleich Stadt und Region nicht gleich Region, wie eine Umfrage des Portals betreut.de verdeutlicht. Darin wurden Menschen zum Thema Wohnen, Kinderbetreuung, Schule, Freizeit, Sicherheit und Gesundheit an ihrem Wohnort befragt. Das Ergebnis: Hamburger Familien leben besser in der Stadt und Münchener besser außerhalb.

Und im Raum Köln? Da hält es sich in Sachen Familien- und Kinderfreundlichkeit fast die Waage. Laut einer aktuellen Deutschlandstudie des ZDF sehnen sich 44 Prozent nach dem Landleben und nur 16 Prozent bevorzugen die Stadt. Und doch zieht es immer mehr Menschen in die City. Vor allem wegen der Jobs und der Infrastruktur. Wo und wie man als Familie im Deutschland des 21. Jahrhunderts wohnt, ist eben weitaus mehr als eine Frage der persönlichen Präferenzen. Und so träumen sich Dorfbewohner mit „Seeed“ in die deutsche Hauptstadt und Städter wandern mit Astrid Lindgren ins Småland aus – zumindest für einige Zeit.

 

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