Proud Moms and Dads Köln: Wie Eltern ihre queeren Kinder stärken
Lisa Böttcher · 01.06.2026
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Die Proud Moms and Dads demonstrierten beim CSD 2025 für die Rechte ihrer Kinder ©Proud Moms and Dads
Im Sommer 2023 machen sich Ina, Corinna und Jürgen – Freund:innen und stolze Eltern queerer Kinder – mit selbstgebastelten „Proud Parents“-Plakaten auf den Weg zum Kölner Christopher Street Day (CSD). „Bis wir dort ankamen, hatte ich sechs weinende Menschen im Arm“, erinnert sich Ina. „Die hatten keinen Kontakt mehr zu den eigenen Eltern.“ Als die positive Rückmeldung im nächsten Jahr nicht nachlässt, wird den dreien klar: Sie haben einen Auftrag. „Wir haben gedacht: Es muss doch mehr Eltern geben, die bereit sind, für die Belange dieser Community und die Rechte ihrer Kinder auf die Straße zu gehen.“
Geboren war die Initiative Proud Moms and Dads – ein essenzieller Ankerpunkt für Eltern queerer Kinder in Köln. Alle zwei Monate treffen sich heute bis zu 43 Eltern in gemütlicher Atmosphäre in der Kneipe Engelbät. Es wird gequatscht und sich ausgetauscht. Auch mal über ernstere Themen, aber vor allem wird viel miteinander gelacht. Zusätzlich organisieren die Proud Moms and Dads gemeinsam die Teilnahme am Kölner CSD – mit eigenen Bannern, T-Shirts und einer Samba-Gruppe.
Ein Netzwerk für Eltern von queeren Kindern
„Ich bin gekommen und habe gemerkt, ich brauche überhaupt kein Anliegen, muss nichts fragen wollen oder Beratung suchen. Ich habe mich einfach menschlich sehr willkommen gefühlt“, erzählt Sibylle Sauer, Mutter einer trans Tochter. Eine Beratungsstelle oder Selbsthilfegruppe wollen die Proud Moms and Dads explizit nicht sein – und schließen damit eine Lücke.
„Mein Mann und ich hatten nie das Gefühl, eine therapeutische Aufarbeitung zu brauchen. Deshalb fehlten uns aber auch Connections zu anderen Eltern von queeren Kindern“, erzählt Sibylle. Das hat sich nun geändert. Über die Hälfte der Teilnehmenden sind Eltern von trans* Kindern.

Gründerin Ina (vorne links) mit anderen Proud Moms and Dads auf dem Kölner CSD 2025 ©Proud Moms and Dads
Coming-out begleiten – Warum elterliches Vertrauen die Basis bildet
Sibylles Tochter hat sich ihr gegenüber bereits mit drei Jahren geoutet. „Mir war sofort klar: Ich ziehe das jetzt mit ihr durch und wenn sie mich braucht, bin ich für sie da.“ Bedingungslose Akzeptanz und Vertrauen in das eigene Kind seien in solchen Momenten zunächst das Wichtigste, erklärt Sibylle, die von Beruf Psychologin ist. Nichts sei schlimmer, als wenn das Kind sich nach der mutigen Offenbarung auch noch rechtfertigen und verteidigen müsse.
„Ich habe auch sehr schnell gemerkt, dass es hier gar nicht um mich geht“, erzählt Sibylle. „Ich kann jetzt entweder mein Kind so annehmen, wie sie ist, oder sie wird sich von mir abwenden.“ Heute, als Teenagerin, beeindruckt Sibylles Tochter sie durch eine große innere Klarheit über ihre Identität. „Ich glaube, meine Tochter hat vielen Kindern in der Kita den Weg bereitet. Als sie sich dann dort geoutet hat mit vier Jahren, da hat sie sich mit der Erzieherin hingesetzt und ein Brief an alle geschrieben. Und es haben alle versucht, sich darauf einzustellen und sie anzunehmen. Das finde ich für eine Kita nicht selbstverständlich.“
Schutz für queere Kinder: Kampf gegen Diskriminierung und Queerfeindlichkeit
Leider sind nicht alle Begegnungen im Leben von Sibylle und ihrer Tocher, aber auch anderen queeren Menschen, positiv. Insbesondere trans* Kindern wird die eigene Identität häufig abgesprochen. „Man hört dann oft, dass das Kind solche Entscheidungen noch nicht treffen könne oder es sich nur um eine Phase handele“, erzählt Sibylle. Mikroaggressionen, wie das absichtliche Verwenden falscher Pronomen, erfahren trans* Personen nahezu täglich. Doch Queerfeindlichkeit kann noch deutlich gefährlichere Ausmaße annehmen und in starker psychischer oder physischer Gewalt enden.
Auch die politische Lage bereitet den Eltern Sorgen. „Die Entwicklung ist diesbezüglich sehr angespannt. Unsere jetzige Regierung nimmt Fortschritte wieder zurück. Beispiel wird die Regenbogenflagge zum Christopher Street Day nicht mehr gehisst“, erzählt Ina. „Und wenn man nach Amerika schaut, bekommt man große Angst.“ In Teilen der USA werden die Rechte von trans* Personen seit einiger Zeit stark eingeschränkt.
Pride Month in Köln: Die Liebe feiern und die Community stärken
Als politische Gruppe verstehen sich die Proud Moms and Dads eigentlich nicht. „Aber irgendwo ist es natürlich ein politischer Akt, sich zu zeigen und zu sagen: Queere Menschen gehören zu unserer Gesellschaft und wir stehen ein für ihre Rechte“, findet Ina Baum. „Und unsere Kinder empfinden das natürlich als unheimliche Stärkung, wenn wir für ihre Belange auf die Straße gehen. Vor allem, wenn sie das noch nicht selbst machen können oder wollen.
Gründer:innen Ina, Corinna und Jürgen
©Proud Moms and Dads
Eltern, die ihre Kinder unterstützen wollen, zunächst aber verunsichert sind, rät Ina, einfach vorbeizukommen. Bei den Stammtischen können allerlei Fragen und Unsicherheiten geklärt und kann von der Erfahrung anderer profitiert werden. „Proud“, also stolz zu sein, bedeute nämlich auch, Lernbereitschaft zu zeigen, sich für die queere Community einzusetzen und die Liebe zu feiern. „Denn die kommt in allen Formen“, findet Ina. „Und das ist verdammt noch mal gut so.“
Glossar:
Queer: Ein positiver Schirmbegriff für die gesamte Community sowie ein individuelles Label. Ursprünglich ein Schimpfwort, wurde der Begriff von queeren Menschen zurückerobert und dient heute als Selbstbezeichnung.
trans*: Menschen, deren geschlechtliche Identität nicht mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht übereinstimmt. trans* Personen können auch eine nichtbinäre geschlechtliche Identität haben. Um das zu verdeutlichen, wird das Sternchen verwendet. Weiß man, dass eine Person eine binäre geschlechtliche Identität hat (d. h. eine Frau oder ein Mann ist), kann man das Sternchen auch weglassen. Demgegenüber wird eine Person, bei der die Geschlechtsidentität mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht übereinstimmt, als „cis“ bezeichnet. Da trans* ein Adjektiv ist, wird es klein und separat zum Substantiv geschrieben.
Coming Out: Der Prozess, sich der eigenen Identität bewusst zu werden (inneres Coming Out) und diese off en mit anderen zu teilen (äußeres Coming Out).
Quelle: queer-lexikon.net
Mehr zur Initiative:
Die Proud Moms and Dads bieten Eltern queerer Kinder einen sicheren Raum für Austausch und Sichtbarkeit. Interessierte Eltern können sich jederzeit anschließen. Am 5. Juli laufen die Proud Moms and Dads beim Kölner CSD mit. Eine Teilnahme ist nach Absprache noch möglich.
Instagram: @proud_moms_and_dads
