Familienleben

Mama und Astronautin

Janina Mogendorf · 11.03.2019

zurück zur Übersicht
Insa Thiele-Eich @Juliana_Socher

Insa Thiele-Eich @Juliana_Socher

Deutschland im Jahr 2019. Mütter arbeiten auf Ämtern und an Supermarktkassen, sie leiten Firmen und managen Familien, sie pflegen alte Menschen und schreiben Theaterstücke. Aber eines tun sie nicht: ins All fliegen. Nicht weil sie Mütter sind, sondern weil sie Frauen sind. Der Weltraum ist aus deutscher Sicht so sehr Männerdomäne, dass man hierzulande nur von der „bemannten Raumfahrt“ spricht. Die private Initiative „Die Astronautin“ will das ändern und im nächsten Jahr die erste deutsche Frau ins All schicken. Zwei Frauen durchlaufen dafür seit 2017 eine Raumfahrerinnen-Ausbildung. Eine davon ist Insa Thiele-Eich aus Königwinter, Meteorologin an der Universität Bonn.

Mit sechs Jahren schrieb Insa in ein Freundebuch, dass sie später Mutter werden wolle. Und genau das ist sie geworden. Insas älteste Tochter ist acht, die mittlere fünf und ihr Sohn erst wenige Monate alt. Insa ist Vollblutmutter, allerdings nicht Vollzeitmutter. Das Letzteres niemals für sie in Frage käme, erklärte sie ihrem Freund Daniel Eich schon zu Abiturzeiten, als er mit dem Gedanken spielte, Unternehmensberater zu werden. Heute sind die beiden glücklich verheiratet. Er arbeitet im Finanzsektor und nimmt gerade zum zweiten Mal Elternzeit. Ein starker Mann neben einer starken Frau, die nach den Sternen greift.

Hätte ihr das Freundebuch zwei Jahre später vorgelegen, hätte Insa mit großer Überzeugung Astronautin als Berufswunsch angegeben. Den Anstoß gab damals ein Familienurlaub in den Bergen, mit einem fantastischen nächtlichen Himmelszelt, das den Blick auf die ferne Andromeda-Galaxie ermöglichte. „Mein achtjähriges Ich kannte unser Sonnensystem mit seinen Planeten. Bisher war mir jedoch nie in den Sinn gekommen, dass es mehr als eine Galaxie geben könnte. Mein eigenes kindliches Universum dehnte sich in diesem Moment gewaltig aus“, erinnert sich Insa in ihrem Buch „Astronauten“, in dem sie zusammen mit ihrem Vater die gemeinsame Familiengeschichte erzählt.

Das All in die Wiege gelegt bekommen

„Welchen Platz haben wir in diesen unendlichen Weiten? Wo sind wir genau? Warum sind wir hier? Gibt es noch anderes Leben da draußen?“ Alles Fragen, die Insa bis heute umtreiben und auf die sie so gerne Antworten finden würde. Die Faszination für diese Dinge wurde ihr quasi in die Wiege gelegt, denn ihr Vater ist selbst Astronaut und umkreiste im Jahr 2000 die Erde in einem Space Shuttle. In den Neunzigerjahren lebte Insa mit ihren Eltern und den drei jüngeren Geschwistern im NASA-Hauptquartier in Texas. Sie sah Frauen und Männer dort zusammenarbeiten, verfolgte Raketenstarts ihrer NachbarInnen und hütete die Astronauten-Kinder.

Nach dem Abitur studiert Insa Meteorologie an der Universität Bonn, promovierte und unterrichtet heute dort. Als sie im Jahr 2017 die Ausschreibung der privat finanzierten Initiative „Die Astronautin“ las, die bis 2020 die erste deutsche Frau ins All bringen will, war für die damals zweifache Mutter sofort klar: Da werde ich mich bewerben. In einem harten Auswahlverfahren setzte sich sie gemeinsam mit Bundeswehr-Pilotin Nicola Baumann gegen mehr als 400 Bewerberinnen durch. Auf Vitamin B griff sie dabei nicht zurück. Niemand wusste, dass sie die Tochter des Astronauten Gerhard Thiele ist.

Nun ist Insa also eine von zwei Frauen, die eine Raumfahrer-Ausbildung machen, um nächstes Jahr für zehn Tage ins Weltall zu fliegen. Mittlerweile ist nicht mehr Nicola Baumann dabei, die auf eigenen Wunsch ausstieg, sondern Astrophysikerin Suzanna Randall aus Köln. Kinder haben beide Kolleginnen nicht. Überhaupt gibt es nur wenige Mütter im Auswahlverfahren. Viele sind noch zu jung für die Familienphase. Ein weiterer Grund ist aber sicherlich auch, dass sich Mutterschaft nach wie vor kaum mit einem Job bei der Bank verbinden lässt, geschweige denn mit dem Raumfahren.


Die Astronautin steht Kopf ... © Markus-M. Gloger / Space-Affairs

Organisation ist alles

Dass es doch geht, zeigt Insa Thiele-Eich. Die Frage „Kann ich Mutter sein und gleichzeitig Astronautin?“ stellte sie sich nie, sondern macht einfach. Derzeit arbeitet sie trotz Baby 120 Prozent. „Ich habe eine 70 Prozent-Stelle an der Uni Bonn und eine 50 Prozent-Stelle bei ‚Die Astronautin‘“. Wie das geht? „Indem ich flexibel arbeite. Viel von Zuhause aus, auch mal nachts und am Wochenende.“ Und indem sie flexibel denkt. „Ja, es ist manchmal viel, aber ich weiß auch, dass es wieder einfacher wird, wenn unser Sohn älter ist.“ Unterdessen ist ihr Mann wieder für ein Jahr in Elternzeit. Nach der Geburt ihrer zweiten Tochter ging das nicht.

„Das war eine harte Zeit damals, weil wir beide Vollzeit weitergearbeitet haben“, erzählt Insa. Wenige Wochen nach der Geburt hatte ihr die Uni Bonn eine Vollzeitstelle als wissenschaftliche Koordinatorin angeboten. Insa entschied sich dafür, konnte diese berufliche Herausforderung einfach nicht ausschlagen. Ihr Mann arbeitete zu dieser Zeit ebenfalls Vollzeit in Frankfurt und war vier Tage in der Woche nicht da. Die zweijährige Tochter ging 45 Stunden in den Kindergarten, das Baby war bei der Tagesmutter. On top kam damals noch ein neues Haus, das renoviert werden musste. „Rückblickend ist mir nicht klar, wie wir diese Zeit überstanden haben“, sagt Insa ehrlich. „Geholfen hat mir der Gedanke, dass es nicht immer so anstrengend bleiben würde.“

Eine gleichberechtigte Partnerschaft

Insa Thiele-Eich steht als Astronautin in der Öffentlichkeit und muss wegen ihrer Lebensweise auch Kritik einstecken. „Ich bin da eigentlich ziemlich immun. Aber einmal sagte jemand, ich sei ´ne komische Mutter. Das hat mich dann doch verletzt.“ Auch wenn die Zeit knapp ist und ihr Leben viel Organisation erfordert, wollen beide Eltern das Beste für die Kinder. „Unsere Große war in diesem Jahr erst viermal in der OGS, weil wir gearbeitet haben. Ansonsten sieht man mich an vielen Nachmittagen mit den Kids auf dem Spielplatz.“ Zum Elternabend geht dann oft der Papa, der auch zu Hause viel managt. Vom Raussuchen der Klamotten am Morgen, bis hin zu den Verabredungen der Kids am Nachmittag.

Zwischendurch stehen immer wieder Dienstreisen an. Weil Insa im Moment noch stillt, ist ihr Junior meist dabei. Für die Kollegen ist das kein Problem. „Sie waren sogar empört, dass ich überhaupt gefragt habe, ob ich ihn mitnehmen kann.“ Wenn sie wieder einmal länger unterwegs war, ist danach ein Familienwochenende fällig. „Dann sagen wir alles ab und picknicken vor dem Kamin. Manchmal auch den ganzen Tag, mit viel Kuscheln und Vorlesen.“ Demnächst hat Insa ein Trainingslager in Bremen. „Da kommen sogar alle mit“, lacht sie und macht kein Hehl daraus, dass es sicher anstrengend wird. Anstrengend, aber auch schön!

Wir verlosen 5 Exemplare des Buchs „Die Astronauten“, das Insa gemeinsam mit ihrem Vater Gerhard Thiele geschrieben hat.

Astronauten Cover

Astronauten: Eine Familiengeschichte
Insa Thiele-Eich, Gerhard Thiele
Komplett-Media Verlag 2018, 22,90 Euro