Familienleben

Corona, kleine Kinder und das liebe Leben

Golrokh Esmaili · 12.05.2020

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© Adobe Stock

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Wie verarbeiten jüngere Kinder die aktuelle Situation und welche Auswirkungen haben Kita-Schließung, Nachrichten und Mediennutzung auf ihre Entwicklung? Unsere Autorin Golrokh Esmaili hat nachgefragt.

„Aaaaaaaaaabstand halten!!!“ höre ich es hinter mir schreien. Ich drehe mich um und sehe, wie das anderthalbjährige Kind unserer Nachbarin zielgenau auf meinen fast vierjährigen Sohn zusteuert. Der ist entsetzt über diesen Annäherungsversuch und hält den Kleinen lauthals auf Abstand. Am selben Tag noch fragt ein anderer netter Nachbar in unserem Gemeinschaftsgarten, ob mein Sohn mit ihm Fußball spielen möchte. Dieser – sonst sehr fußballbegeistert – antwortet: „Nee, ich kann auf zwei Meter Abstand nicht Fußball spielen.“ Und auch wenn wir uns mit der Oma treffen, auf Abstand natürlich, ist er derjenige, der den besten Abstand.

Ich frage mich, ob ich das jemals wieder aus ihm herausbekomme? Was passiert da gerade mit ihm und vielen anderen Kindern in seinem Alter? Wie verpacken sie die Flut an Infos und Eindrücken, die sie um sich herum aufschnappen – über die Gespräche von Erwachsenen, Nachrichten im Radio und anderen Medien, Bilder auf Plakaten? Denn eines ist klar: Sie bekommen viel mehr mit, als uns lieb ist. Von heute auf morgen dürfen sie nicht mehr in die Tageseinrichtungen oder Kindergärten. Sie dürfen sich plötzlich nicht mehr mit ihren Freundinnen und Freunden treffen. Und auch Oma und Opa sehen sie nur noch durchs Telefon. Was also macht dieser Ausnahmezustand mit unseren jüngeren Kindern?

Kinder müssen wissen, was passiert

Ich frage die Kölner Ärztin Renate Karutz – die auch Schul- und Kindergartenärztin an Waldorfeinrichtungen ist – welche Auswirkungen der Corona-Krise sie gerade beobachtet. Sie berichtet mir, dass Kinder die Ängste ihrer Eltern und überhaupt ihres ganzen Umfelds sehr stark spüren. Darum sei es sehr hilfreich, wenn die Eltern darüber mit dem Kind so sprechen, dass es verstehen kann, warum sie besorgt sind. Wenn irgend möglich sollten sie aber auch aufzeigen, dass alles wieder gut werde. „Unehrlichkeit merken Kinder allerdings auch sehr schnell“, warnt Karutz. „Der Erwachsene sollte also möglichst erst mit sich ins Reine kommen. Ängste und Stress führen zu Schlafstörungen, zu motorischer Unruhe und über verschiedene Wege zu einer deutlich stärkeren Infektanfälligkeit. Insofern hängt sehr viel daran, sie ernst zu nehmen und möglichst zu bearbeiten.“

Auch Autor und Kinderarzt Herbert Renz Polster bestätigt: „Kinder müssen wissen, was los ist.“ Sie dürften dabei aber gleichzeitig ihre wichtigste Sicherheit nicht verlieren – nämlich das Gefühl, dass die Welt, wie sie sie kennen, weiterlaufe. Er wird konkret: „Kinder unter 5 Jahren brauchen keine langen Informationen, sie brauchen vor allem eines: dass ihre Fragen immer wieder beantwortet werden. Und das am besten so kurz und direkt wie möglich.“ Es ist wichtig, sie ins Boot zu holen und ihnen neue Verhaltensregeln vorzuleben und zu erklären. „Kinder wollen helfen. Statt ihnen zu sagen: Du musst jetzt häufig die Hände waschen! Sag ihnen lieber: Wir waschen jetzt alle öfter die Hände, daran gehen die Erreger kaputt.“

Die Kernfamilie – immer zusammen

Und wie wirkt sich das permanente Zusammenhocken von Eltern und Kindern auf die Gemüter aus? Mein Sohn hat, seit er aus dem Kindergarten raus ist, nur noch drei Bezugspersonen: mich, seinen Vater und die große Schwester. Ich frage meine Freundin Antje, die Kinder- und Jugendlichen Psychotherapeutin in Köln ist, wie sich der ‚Lockdown‘ und das wochenlange Aufeinanderhocken auf unsere Kinder auswirkt. Welche Bedeutung hat das Fehlen anderer Bezugspersonen? Was das Ganze mit uns Eltern macht, lasse ich an der Stelle mal außen vor ...

Sie antwortet, dass es immer auf die Gesamtsituation zu Hause ankomme. Und auch hier: Die Stimmung der Eltern wirke sich auf die Kinder aus. Was aber die fehlenden Freundinnen und Freunde angeht, zeigt sie sich entspannt: „Die ganze Zeit wird sicher Auswirkungen auf unsere Kinder haben, aber die wichtigste Bindung, je jünger die Kinder sind, ist die Bindung zu den Eltern,“ berichtet Antje. „Obwohl viele Kinder den Kindergarten lieben, sind sie gerne zu Hause.” Natürlich tut ihnen gut, wenn die Eltern sich mit ihnen beschäftigen und sie nicht stundenlang vor dem Rechner oder Fernseher parken oder sie sich selbst überlassen.

Bisher konnten mein Mann und ich uns mit der Kinderbetreuung und der Arbeit abwechseln; wir haben es also eigentlich gut getroffen in unserer Kernfamilie. Aber was ist eigentlich mit den vielen alleinerziehenden Müttern und Vätern? Besonders mit denen, die keinen Betreuungswechsel haben. Für diese sei die Notbetreuung in den Kindergärten besonders wichtig, bestätigt Antje. „um für einige Stunden Verantwortung abgeben, Akkus aufladen zu können. Um dann wieder für ihre Kinder in vollem Maße – oder so wie es gerade geht, da sein zu können.“ Also auch hier zeigt sich wieder: Geht es den Eltern schlecht, spüren das auch die Kinder. Darum ist Entlastung wichtig. Egal in welcher Form.

Rückkehr in einen neuen Alltag

Und was passiert, wenn der Spuk vorbei ist und alle wieder in ihren Alltag zurückkehren dürfen? Müssen die Kleinen nach all den Wochen bei Mama und Papa wieder in der Kita eingewöhnt werden? Renate Karutz geht nicht davon aus. „Wenn die Kinder von den Familien gut durch die Krise begleitet werden konnten, muss der Neubeginn nicht schwierig sein, oft eher ein freudiges Wiederbegegnen mit allen, die man lange vermisst hatte. War die Zeit zuhause für die Kinder dagegen belastend und unglücklich, ist jetzt auch die Trennung unter Umständen wieder ein schwieriger neuer Schritt, der behutsam begleitet werden muss.”

Mamas müssen keinen Abstand halten

Heute morgen, als mein Sohn aufwachte, fragte er als erstes: „Mama, Eltern müssen keinen Abstand zu ihren Kindern halten wegen Corona. Nur zu Fremden, oder?“ Ich habe ihn in den Arm genommen und gesagt: „Ja, im Moment schon. Aber das ist bald anders! Ganz sicher!“ Zuerst war ich erschrocken, dass er mit solchen Gedanken aus dem Schlaf erwacht. Aber dann auch irgendwie beruhigt. Er spricht das aus, was ihn beschäftigt und kann es so verarbeiten. Keine Minute später war er mit etwas anderem beschäftigt und hat keinen Gedanken mehr an Corona verschwendet. So wird es sicher auch sein, wenn wir Stück für Stück wieder in den Alltag zurückfinden. Wichtig ist, dass wir die Kleinen dabei begleiten und sie unterstützen. Wir ihre Felsen in der Brandung sind. Und wenn wir das mal nicht sein können, nicht an Selbstvorwürfen verzweifeln.

In diesem Sinne: Hoffen wir, dass ich Recht behalte und am Ende alles gut wird. Jetzt nehme ich erst einmal den Kleinen und die Große fest in den Arm und kuschele mit ihnen. Das ist ja erlaubt, wie ich heute morgen gehört habe.

E-Book zu Corona

Herbert-Renz Polster hat ein tolles E-Book geschrieben, das ihr einfach herunterladen könnt: „Alles über Corona - was Du wissen musst, was Du tun kannst. Auf 121 Seiten präsentiert dieses eBook den aktuellen Stand zu dem, was wir bisher über COVID-19 wissen."
 
Folgende Fragen greift er auf:
  • Was ist überhaupt bisher über diese Erkrankung bekannt?
  • Was kann ich tun, damit ich nicht krank werde?
  • Wie kann ich dafür sorgen, dass ich die Erkrankung möglichst gesund überstehe?
  • Wie kann ich meinem Kind helfen, dass es gesund bleibt
Der Preis ist frei wählbar.
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