Bildung

Mit Kindern über den Tod sprechen

Anja Janßen · 26.03.2015

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Villa Trauerbunt auf dem Gelände des Bestattungsunternehmens Pütz-Roth in Bergisch Gladbach © Anja Janßen

Villa Trauerbunt auf dem Gelände des Bestattungsunternehmens Pütz-Roth in Bergisch Gladbach © Anja Janßen

In der Villa Trauerbunt des Bestattungsunternehmens Pütz-Roth in Bergisch Gladbach lernen Grundschulkinder „hinter die Fassade der Dinge“ zu sehen. Im weitesten Sinne geht es um Abschied und Sterben. Doch eigentlich ist es eine Reise zu fantastischen Orten.

Wenn Gerd Pohl die Geschichte vom Stein erzählt, dann scheint plötzlich alles zu verschwimmen. Dann hüllt seine bedächtige Erzählstimme die Zuhörer in eine Wolke aus Bildern. Bilder von feinem Wüstensand, zu dem der Stein einmal wird – wenn er es wagt, sich zu verändern. Denn nur als feiner Staub kann er um die ganze Welt fliegen. Nur dann ist er wirklich frei.

Das ist die Botschaft, die Pohl seinen Zuhörern – Zweitklässlern einer Grundschule im Bergischen – vermitteln will. Pohl, in Bensberg als Puppenspieler bekannt, hat heute eine ganz besondere Aufgabe. Er möchte mit den Grundschülern „hinter die Fassade der Dinge“ blicken. Sein Auftraggeber ist höchst ungewöhnlich: Es handelt sich um das Bestattungsunternehmen Pütz-Roth aus Bergisch Gladbach. Die Kinder sitzen im Kreis in der „Villa Trauerbunt“, ein rotes Holzhäuschen im Schwedenstil mitten auf dem Gelände von Pütz-Roth. Drum herum ist es grün und hell, in den benachbarten „Gärten der Bestattung“ zwitschern die Vögel.

In der Villa Trauerbunt bietet das Bestattungsunternehmen regelmäßig Trauergruppen für Kinder an. Aber auch für solche, die nicht direkt von dem Thema Tod betroffen sind, gibt es Angebote. Ganze Schulklassen beispielsweise dürfen vorbeischauen und an sogenannten meditativen Spiel- und Theateraktionen mit Gerd Pohl teilnehmen. So auch die Zweitklässler heute. Indirekt und „zwischen den Zeilen“ beschäftigen sie sich dabei mit den Themen Veränderung und Abschied – im weitesten Sinne geht es um Tod und Sterben.

Ist nach dem Tod alles zu Ende?

Zu dem Angebot gehört auch ein Rundgang über das ungewöhnliche Gelände von Pütz-Roth. Gemeinsam mit Pohl und den Kindern erkunde ich das Hauptgebäude neben der Villa Trauerbunt. Das Haus besticht mit großzügigen Fenstern, durch die grünes Blattwerk leuchtet. In der hellen Trauerhalle hängt ein Kunstwerk: Der goldene Lebensfaden. Die Kinder staunen und rätseln. Stellt der Faden ein ganzes Leben von der Geburt bis zum Tod dar? Und ist nach dem Tod alles zu Ende? „Das sind Impulse, die Schulen aufgreifen und weiter führen können“, erklärt Pohl.

Auch die Kleinsten sollen bei Pütz-Roth behutsam an das Thema Tod herangeführt werden. Früher oder später konfrontiert das Leben sie ja doch damit. Und in den Medien bekommen sie unbewusst schon viel mit, sagt die Geschäftsführerin Hanna Roth. Gemeinsam mit ihrem Bruder führt sie das Familienunternehmen, das bundesweit für sein einzigartiges Konzept bekannt ist. Denn beim Bestattungsunternehmen Pütz-Roth können Trauernde ihre Verstorbenen selbst herrichten, den Sarg selbst bauen, wenn sie möchten, und Grabsteine für den Friedhof gestalten. „Wir wollen den Tod hinter den Klinikmauern hervor holen“, sagt Hanna Roth. Das ungewöhnliche Konzept mit dem ersten privaten Friedhof in Deutschland entwickelte ihr verstorbener Vater, Fritz Roth – ein Neudenker auf seinem Gebiet. Rund 25.000 Menschen besichtigen jährlich das Gelände. Denn hier gibt es auch noch eine Trauerakademie mit Seminaren – und die sind nicht nur für Trauernde.

„Kinder gehen ungezwungen mit dem Thema Tod um“

Dann wartet da noch der „Pfad der Sehnsucht“, der Besucher und Trauernde durch eine Reihe künstlerisch gestalteter Räume führt. Sie sind gleichsam Orte der Besinnung, der Ruhe und der Inspiration. Auch die Zweitklässler dürfen hineinschauen. Sie gelangen in ein Wohnzimmer, in das scheinbar große Felsbrocken eingestürzt sind. „Hier ist etwas kaputt gegangen“, erklärt Pohl den Kinder. „Vielleicht, weil jemand plötzlich fehlt.“ Während ich mit meinem Kloß im Hals kämpfe, stellen die Kinder interessierte Fragen. „Kinder gehen meistens ungezwungen mit dem Tabuthema Tod um“, sagt Hanna Roth. „In der Regel sind es die Erwachsenen, die Probleme damit haben.“ Und tatsächlich. Die Kinder erzählen aufgeregt von verstorbenen Omas und Opas, sie wollen wissen, „wo denn der Fritz Roth liegt“. Nur wenige Sekunden später kauen sie fröhlich ihre Pausenbrote und rennen lachend über das Gelände.

Und vielleicht denken sie hin und wieder einmal noch an die Geschichte, die ihnen der Puppenspieler in diesem roten Häuschen am Waldrand erzählt hat. Die Geschichte von dem Stein, der zu feinem Sand wird, damit er um die ganze Welt fliegen kann.

Info: Pütz-Roth Bestattungen und Trauerbegleitung, Kürtener Str. 10, 51465 Bergisch Gladbach, Tel. 02202 – 29 35 80

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