Worauf es wirklich ankommt: Wie wichtig sind Noten in der Schule wirklich?
Angela Sommersberg · 14.10.2026
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Schulnoten sind wichtig, sagen aber nicht alles über die Fähigkeiten eines Kindes aus. © Irina Schmidt/Adobe Stock
Was ist eigentlich eine gute Schullaufbahn?
Beginnen wir ausnahmsweise mal am Ende. „Eine Schullaufbahn ist dann erfolgreich verlaufen, wenn der junge Mensch nach dem Abschluss ungefähr weiß, was seine Fähigkeiten und Interessen sind, und in welche Richtung es weitergehen soll“, sagt Ellen Aschermann. In der Schule wird den Kindern ein breites Angebot an unterschiedlichen Fächern gemacht, vor allem in der Mittelstufe. Die müssen Kinder nicht alle perfekt beherrschen und das Wissen, was sie dort erwerben, werden sie später vielleicht nie mehr benötigen. Aber: „Die Jugendlichen sollen sich intensiv mit diesen verschiedenen Richtungen auseinandersetzen und herausfinden, was ihnen liegt“, so die Psychologin.
Schön und gut, Fakt ist aber auch: Die Noten, beziehungsweise der Notendurchschnitt, der am Ende auf dem Abschlusszeugnis steht, ist die Eintrittskarte für die weitere Laufbahn. Wer später mal beliebte Fächer wie Medizin oder Psychologie studieren möchte, muss einen sehr guten NC haben. Und auch für andere Studiengänge und begehrte Ausbildungsplätze braucht es die richtigen Noten. „Wir wissen zudem aus der Forschung, dass die Abiturnote ein wertvoller Prädiktor ist: Wer gute Noten in der Schule hatte, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit auch das Studium mit Erfolg abschließen“, sagt Ellen Aschermann. Denn viele Kompetenzen seien in Schule und Studium sehr ähnlich: Zuverlässigkeit, Leistungsbereitschaft, Selbstorganisation oder abstraktes Denken. „Generell ist es so, dass bisheriges Verhalten zukünftiges gut vorhersagen kann.“ Kurz gesagt: Wer schon in der Schule erfolgreich gelernt hat, wird das wohl auch im Studium fortführen.
Wie wichtig sind soziale und emotionale Kompetenzen?

Teamfähigkeit und Rücksichtnahme lernen Kinder auch im Schulalltag. © Syda Productions/AdobeStock
„Gute Noten können aber keine Vorhersage für den Beruf abgeben. Die Forschung zeigt, dass soziale und emotionale Kompetenzen langfristig stärker mit Lebenszufriedenheit und Erfolg verbunden sind als reine Schulleistungen“, sagt Ellen Aschermann. „Kinder, die empathisch, teamfähig und belastbar sind, kommen später im Berufs- und Privatleben besser zurecht. Eltern merken das oft daran, dass ihr Kind gut Konflikte lösen oder mit Frust umgehen kann.“ Auch solche Kompetenzen werden in der Schule trainiert, obwohl Eltern das oft nicht wahrnehmen.
Eine Klasse ist eine soziale Gruppe und deswegen lernen Kinder dort auch soziale Normen. In Gruppenarbeiten beispielsweise, aber auch bei der Übernahme von Klassenämtern – ob Tafeldienst, Klassenbuch-Holen oder Klassensprecher:in sein: „So lernen Kinder, Verantwortung zu übernehmen und dranzubleiben. Und, dass es Aufgaben gibt, die man nicht aus persönlichem Interesse heraus macht, sondern die für das Wohl der Gruppe erledigt werden.“ Das könne man im Übrigen auch zu Hause üben, findet Aschermann. Sie ist dafür, auch kleinen Kindern bereits Aufgaben im Haushalt aufzutragen, denn schließlich ist auch Familie eine soziale Gruppe. All das trägt dann zur Formung der Persönlichkeit bei – und nebenbei lernt man so Fähigkeiten, die im späteren Berufsleben wichtig sind.
Wie aussagekräftig sind Schulnoten wirklich?
In der Schule wurde soziales Verhalten eine Zeit lang in Form von „Kopfnoten“ auf dem Zeugnis abgebildet. Mittlerweile sind die wieder abgeschafft, Sozialverhalten und Mitarbeit sollen in die Fachnoten mit einfließen. Ob das wirklich passiert, kann man nicht überprüfen. Überhaupt, sagt Ellen Aschermann, seien Noten anfällig für Fehler. Aus Studien wissen sie und andere Fachleute zwar, dass Lehrkräfte gut darin sind, ihre Schüler:innen nach Leistung in eine Rangfolge zu bringen – doch nur anhand der Leistungsstärke der Gruppe. Heißt: Sind Annas Mitschüler:innen eher leistungsschwach, wird sie von ihrer Lehrerin im oberen Drittel einsortiert. Sind die Klassenkameraden aber stark, wird Anna mit derselben Leistung nur noch in der Mitte eingruppiert.

Eine Schulnote bildet nicht den gesamten Lernprozess ab. © Rido/Adobe Stock
Trotzdem sagt Aschermann: „Auf die ganze Schullaufbahn gesehen geben Noten eine brauchbare Orientierung.“ Wenn eine Schülerin ihre ganze Schulzeit über also von verschiedenen Lehrkräften in unterschiedlichen Fächern als leistungsstark eingestuft wird, dann ist sie das wohl auch. Gerade vor diesem Hintergrund findet Aschermann es deswegen so wichtig, dass es standardisierte Leistungsmessungen wie PISA gibt, die den Lehrkräften sowie den Schüler:innen und Eltern einen unabhängigeren Blick auf die Kompetenzen geben. Trotzdem sollten Eltern immer im Hinterkopf behalten: „Die Noten zeigen, was ein Kind leistet, sagen aber wenig darüber aus, wie es denkt, lernt oder sich anstrengt. Ein Kind mit einer Drei kann genauso motiviert und lernfähig sein wie eines mit einer Eins – nur in anderem Tempo.
Wie Eltern ihre Kinder unterstützen können
Deswegen findet die Psychologin, dass alle – Eltern, Lehrkräfte und Kinder – weniger auf Noten fixiert sein sollten. „Stattdessen sollten Eltern den Lernprozess genauer in den Blick nehmen, und anerkennen, wie sich das Kind in den vergangenen Wochen angestrengt und verbessert hat.“ Wichtig sei es, das Lob auf die Anstrengung zu richten statt auf das Ergebnis. Also nicht sagen „Super Note!“, sondern „Da hast du dich aber richtig reingehängt!“. „Das entlastet das Kind und stärkt die Motivation“, sagt Aschermann. Dafür müssen Eltern in den Lernprozess involviert sein. Die Psychologin rät: „Fragen Sie Ihr Kind nicht: Wie war es in der Schule? Sondern: Was hast du gelernt? Und dann lassen Sie sich erklären, wie Multiplikation eigentlich funktioniert.“ Denn wer anderen etwas erklären kann, hat es selbst richtig verstanden.

Eltern können ihre Kinder stärken, indem sie Lernfortschritte anerkennen. © Seventyfour/Adobe Stock
Auf diesem Weg können Eltern auch erkennen, warum das Kind zum Beispiel seit einigen Monaten in Mathe so schlecht geworden ist. Vielleicht hat es eine wichtige Grundlage nicht verstanden und kommt deswegen nicht mehr mit. In so einem Fall kann ein Lerntag mit den Eltern oder Nachhilfe-Unterricht helfen, die Lücke zu schließen. „Eltern sollten ihren Kindern vermitteln, dass man fast alles lernen kann, wenn man sich anstrengt und durchhält. Aber auch, dass sie Vertrauen in das Kind haben“, sagt Aschermann. Hilfreich sei, zeitliche Vergleiche zu ziehen und zu sagen: „Sieh mal, das kannst du jetzt schon viel besser als vor einer Woche“. „Eltern unterstützen ihre Kinder am besten, indem sie ruhig bleiben, mit dem Kind reflektieren und Zuversicht ausstrahlen. So entsteht Resilienz: die Fähigkeit, Rückschläge zu verkraften und daran zu wachsen.“
Feedback hilft beim Lernen mehr als Noten
Auch im Unterricht sei Feedback essentiell. Die meisten Lehrkräfte würden sich viel Mühe geben, die Kinder im Lernprozess zu begleiten, sagt Aschermann. „Sie beobachten, wie Schülerinnen und Schüler an eine Aufgabe herangehen und geben dann Rückmeldung. Zum Beispiel: Das war ein kreativer Ansatz.“ Auch das Feedback, das unter oder neben der Arbeit steht, sei oft hilfreicher als die Note selbst. Deswegen rät Aschermann Eltern dazu, die Arbeit gemeinsam mit dem Kind durchzugehen und zu besprechen, was es heißt, wenn dort steht „Deine Gedanken sind noch zu sprunghaft“.
Und wenn trotz aller Nachhilfe, Interesse und Unterstützung die Noten in einem Fach trotzdem nicht besser werden? Dann hilft manchmal nur noch Akzeptanz. „Für viele Eltern ist es schwer anzunehmen, dass das Kind Grenzen hat, die man nicht ändern kann“, sagt Ellen Aschermann. Oder auch einfach geduldig zu sein. Studien zeigten nämlich, dass Spätstarter gerade dann stark aufholen konnten, wenn sie unterstützt statt kritisiert worden sind. Eine „gute Schullaufbahn“ sei nicht nur die Zahl auf dem Abschlusszeugnis, sagt die Psychologin. Sondern das, was ein Kind stärkt und auf ein selbstständiges, erfülltes Leben vorbereitet.
