Bildung

Schulstart: Wie verkraften Kinder die Veränderungen?

Anja Janßen · 22.06.2014

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Fast so großartig wie die Landung auf einem fremden Planete: die Einschulung © istockphoto.com / BrianAJackson

Fast so großartig wie die Landung auf einem fremden Planete: die Einschulung © istockphoto.com / BrianAJackson

Mit der Einschulung beginnt ein neuer Lebensabschnitt mit vielen Veränderungen. Nach einer aufregenden Landung auf dem Planeten Grundschule können aber die meisten Kinder verbuchen: Mission erfolgreich erfüllt.

Wenn nach den Sommerferien die erste Schulklingel schrillt, läutet sie gleichzeitig für viele Kinder in Deutschland einen neuen Lebensabschnitt ein. Ausstaffiert mit Schultüten, neuen Schulranzen, den besten Glückwünschen von Oma und Opa machen sich die Erstklässler auf den Weg zu Grundschule. Und wenn die Kinder dann mit vor Stolz geschwellter Brust für ein Foto posieren, könnten sie schon fast an den Astronauten Neal Armstrong erinnern – kurz vor seinem Abflug zum Mond. Denn auch die Einschulung ist eine Reise ins Unbekannte und ein großer Schritt, ja ein Meilenstein in der Entwicklung eines Kindes. Wie anstrengend das ist, macht sich spätestens dann bemerkbar, wenn das Kind nach dem ersten Schultag müde und erschöpft ins Bett fällt.

Mehr Zeitdruck

In der Psychologie bezeichnen manche Theoretiker den Schulanfang als „kritische Lebensphase“. Kritisch bedeutet hier, dass viele Veränderungen auf das Kind zukommen, ähnlich wie bei einem Umzug oder der Geburt eines Geschwisterkindes. Das berge Chancen für die Entwicklung, aber auch Risiken und Unsicherheiten. Einige Wissenschaftler sprechen sogar von einer regelrechten „Schulkrise“. Schließlich verlässt das Kind sein gewohntes Umfeld in der Tagesstätte, muss sich von langjährigen Wegbegleitern wie Erzieherinnen und Freunden trennen. Es beginnt – um es mit Erich Kästners Worten zu sagen – „das Leben nach der Uhr“. Die Kinder haben pünktlich in der Schule zu sitzen, Eltern müssen Fehlzeiten begründen, es gibt feste Pausen- und Unterrichtszeiten.

Weniger Rückzugsmöglichkeiten

Natürlich läuft der Unterricht in der Grundschule heute individueller und spielerischer ab, als wir uns das vor zwanzig Jahren vorgestellt haben. Doch Tatsache bleibt, dass der Klassenraum weniger Rückzugsmöglichkeiten bietet als die Kindergarten-Gruppe, dass er weniger Spielangebote bereithält und weniger Bewegungsfreiheit ermöglicht. Konnten die Kinder in der Kita nach Situationen und „Gelegenheiten“ lernen, gibt es nun einen verbindlichen Plan. Sie müssen lernen, während des Unterrichts ihre Bedürfnisse zurückzustellen, auf die Toilette beispielsweise geht es in der Pause. Und nicht zuletzt geben Eltern auch einen Teil ihres Erziehungseinflusses ab. Die kleinen Weltraumfahrer müssen auf dem Planet Schule nun ein Stück weit selbst ihren „Mann“ stehen.

Natürlich kommen angesichts dieses Umbruchs Unsicherheiten und Ängste auf, bei Kindern ebenso wie bei Eltern. „Aber in der Regel freuen sich die Kinder auf den Schulanfang“, sagt die Diplom-Psychologin Ute Schnell-Micka, die Koordinatorin beim Schulpsychologischen Dienst Köln. „Nach unserer Erfahrung verläuft das Ankommen in der Grundschule ohne Schwierigkeiten. In Hospitationen kann man sehen, wie motiviert und wissbegierig die meisten Kinder sind.“

Studienergebnisse: keine außergewöhnlichen Belastungen

Das deckt sich mit den Ergebnissen einer aktuellen Studie aus dem BiKS-Projekt der Universität Bamberg. Die Untersuchungen zeigen, dass die meisten Kinder den Übergang gut bewältigen. Natürlich gibt es Faktoren, die es dem einen leichter und dem anderen schwerer machen. Da sind der Bildungsstand der Eltern, die Vorläuferfähigkeiten des Kindes im Rechnen, sein Wortschatz und sein Geschlecht. Mädchen zeigen sich in den Untersuchungen weniger belastet, können sich besser an Regeln halten – möglicherweise wegen eines Entwicklungsvorsprungs gegenüber Jungen. Trotzdem: Eine generelle Krise beim Schuleintritt oder außergewöhnliche Belastungen von Schulanfängern konnten die Wissenschaftler in der BiKS-Studie nicht bestätigen. Und Kinder, die größere Schwierigkeiten zeigen, haben in der Regel auch schon seit Längerem Persönlichkeits- und Verhaltensprobleme.

Deshalb: Bei allen Bedenken sollten Eltern nicht vergessen, dass ihr Kind bereits in der Familie und Kita Erfahrungen gesammelt hat, sagt Schnell-Micka. Darauf greift es dann in der Schule zurück. Der Schulstart ist also weder eine Stunde null noch eine Mondlandung. Und auch wenn es in stolzen Elternaugen vielleicht anders aussieht: Es sind dann doch keine Neal Armstrongs, die nach den Sommerferien unsere Grundschulen stürmen.