Bildung

Interview mit der Schulpsychologin

Anja Janßen · 07.07.2014

zurück zur Übersicht
© iStockphoto.com Steve Debenport

© iStockphoto.com Steve Debenport

Diplom-Psychologin Ute Schnell-Micka ist die Koordinatorin des Schulpsychologischen Dienstes in Köln. Im Gespräch mit KÄNGURU erzählt die Psychologin, wie Familien möglichst sanft in die Grundschule starten.

KÄNGURU: Wie wirkt sich die Einschulung auf die Eltern-Kind-Beziehung aus?
Ute Schnell-Micka: Das Kind wird selbstständiger und dabei sollte es von den Eltern unterstützt werden. Die Kinder können den Schulweg ohne Eltern und dafür mit Freunden gehen. Sie sollten von Anfang an die Hausaufgaben alleine machen. Die Eltern sind zwar in der Nähe und unterstützen bei Fragen, aber sie sind keine Nachhilfelehrer. Außerdem kann das Kind morgens sein Pausenfrühstück alleine oder zumindest gemeinsam mit den Eltern zubereiten.

Wie ist die Hausaufgabensituation zu gestalten?
Das hängt natürlich vom einzelnen Kind ab. Ist ein Kind sehr unsicher, können Eltern mehr unterstützen und beispielsweise eine Aufgabe mit ihm exemplarisch lösen. Danach müssen die Eltern sich aber auch zurückziehen. Ganz wichtig ist, Kinder nicht unter Druck zu setzen. Hausaufgaben sollen in der ersten Klasse nicht länger als eine halbe Stunde pro Tag dauern. Vorher braucht das Kind eine kleine Pause von nicht länger als 30 Minuten nach dem Mittagessen. Denn nach 15 Uhr sinkt die Aufmerksamkeitsspanne.

Wie können Familien Zeitstress entgegenwirken?
Das Kind kann abends die Kleidung für den nächsten Tag rauslegen. Auch der Schulranzen sollte am Vorabend gepackt sein. Dann ist morgens mehr Zeit. Wenn alles unter Stress abläuft, kommt es schneller zu Konflikten. Eskalationen am frühen Morgen sollten Eltern vermeiden. Dann kommen sie mit einem schlechten Gewissen auf der Arbeit an und dem Kind tut es auch nicht gut.

Welche weiteren Stolperfallen können Eltern noch umgehen?
Wenn Kinder zum Beispiel Schwierigkeiten bei den Hausaufgaben haben, sollten Eltern das der Lehrkraft zurückmelden. In der Grundschule werden die Kinder heute sehr individuell gefördert. Man weiß, dass Kinder sich bei der Einschulung in einzelnen Fähigkeiten und Fertigkeiten bis zu vier Jahre unterscheiden können. Deshalb ist es wichtig, die Lehrkraft zu informieren, wenn ein Kind etwas noch nicht bewältigen kann. Wichtig ist auch, dass Eltern ihr Kind nicht mit anderen Mitschülern vergleichen. Sie sollten sich lieber über den Fortschritt ihres Kindes freuen.

Wie dringe ich am besten zur Lehrerin oder zum Lehrer durch?
Es ist natürlich eine Stresssituation für die Lehrkraft, wenn Eltern morgens an der Klassentür Anliegen oder Fragen vorbringen. Besser ist, das Kind auf dem Schulhof verabschieden und mit der Lehrkraft eventuell per Mail einen Termin vereinbaren. Eltern sollten von Anfang an eine gute Beziehung zur Lehrkraft aufbauen und signalisieren, dass sie gesprächsbereit sind. Sind sie mit einer Sache einmal nicht einverstanden, können sie ruhig nachfragen. Auf der anderen Seite unterliegen bestimmte Probleme, wie etwa die Konfliktlösung zwischen Kindern, der Moderation durch die Lehrkraft. Da sollten Eltern sich möglichst raushalten.

Inwiefern kann sich das Verhalten meines Kindes verändern?
Durch die Veränderung und Verunsicherung sind manche Kinder anfangs schneller gekränkt. Andere weinen eher, reagieren vielleicht impulsiver oder aggressiver. Das legt sich in der Regel, nachdem sie in der Schule angekommen sind, die Lehrkraft als feste Bezugsperson akzeptiert haben, vielleicht ein bekanntes Gesicht in der Klasse entdeckt haben. Das Kind erfährt außerdem, dass es einen festen Tagesablauf gibt. Solche Dinge schaffen Sicherheit.

Woran merke ich, dass mein Kind überfordert ist?
Wenn es häufig zu Konflikten zwischen Eltern und Kind kommt oder wenn das Kind sich überhaupt nicht an die Hausaufgaben setzen will. Das sollte man ernst nehmen und mit der Lehrkraft besprechen. Wenn Kinder nicht direkt von ihrem Schultag erzählen, ist das auch in Ordnung. Manchmal sind sie einfach voller neuer Eindrücke. Meistens erzählen sie dann später doch etwas, beispielsweise vor dem Einschlafen.

Was tun, wenn Kinder Probleme mit der Lehrerin oder dem Lehrer haben?
Dann können Eltern sich an den Schulpsychologischen Dienst wenden. Wir können vermitteln, natürlich nur in Absprache mit den Eltern, da wir einer Schweigepflicht unterliegen. Auf Wunsch nehmen wir Kontakt zur Lehrkraft auf und beobachten die Interaktion vor Ort. Dabei gehen wir bewusst mit den unterschiedlichen Perspektiven von Kind, Eltern sowie Lehrkraft um und suchen gemeinsam nach Lösungen.

Fällt es Kindern leichter, wenn Freunde aus der Kita dabei sind?
Es ist auf jeden Fall zu empfehlen, dass Freunde aus dem Kindergarten in der Klasse sind. Auch das schafft wieder Sicherheit. Da sollten Eltern sich auch weniger Sorgen machen, dass die Kinder sich gegenseitig ablenken oder nur aufeinander fixiert sind. Viele wichtiger ist hier, dass sie erst einmal eine feste Bezugsperson haben. Oft lockern sich die Beziehungen im Laufe der Zeit und es entstehen Kontakte zu neuen Kindern. Ist kein bekanntes Gesicht in der Klasse, können Eltern schauen, welche der Kinder aus der Klasse in der näheren Umgebung leben. Dann lassen sich Gehgemeinschaften zur Schule organisieren.

Wie können Eltern Leistungsdruck vermeiden?
Es ist wichtig, die eigenen Ansprüche zu reflektieren: Habe ich vielleicht zu hohe Ansprüche an mich selbst und damit verbunden auch an mein Kind? Außerdem sollten Eltern eigene Schulerfahrungen reflektieren. Man hört oft, dass mit der  Einschulung „der Ernst des Lebens“ beginne. So etwas schürt Ängste und fördert nicht die Vorfreude. Wenn Eltern negative Erfahrungen gemacht haben, sollten sie diese nicht übertragen. Jedes Kind hat das Recht auf einen eigenen Start in die Schule.

Vielen Dank für das Gespräch.

Schulpsychologischer Dienst der Stadt Köln
Stadthaus Deutz – Ostgebäude
Willy-Brandt-Platz 3, 50679 Köln
Tel. 0221 – 221-290 01
E-Mail: schulpsychologie@stadt-koeln.de
www.stadt-koeln.de

Schulpsychologischer Dienst Rhein-Sieg-Kreis
Hauptstelle Siegburg:
Mühlenstraße 49, 53721 Siegburg
Tel. 02241 – 13 23 66
E-Mail: schulpsychologischerdienst@rhein-sieg-kreis.de
www.rhein-sieg-kreis.de

Schulpsychologie Bonn
Sankt Augustiner Straße 86
53225 Bonn
Sekretariat: Raum 1.10
Tel. 0228 - 77 45 63
E-Mail: schulpsychologie@bonn.de
www.bonn.de/@schulpsychologie

Tags: