Bildung

Einschulung in Corona-Zeiten

Anja Janssen · 15.06.2020

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Abstandsregeln, Hygienevorschriften, Homeschooling, die Schuleingangsuntersuchungen abgesagt, die Kennenlern-Nachmittage gestrichen – die Einschulungen in diesem Jahr finden aufgrund des Corona-Virus unter ganz besonderen Umständen statt. KÄNGURU hat mit Dr. Katharina Schabram vom Schulpsychologischen Dienst darüber gesprochen, wie Eltern mit Sorgen und Unsicherheiten umgehen und ihre Kinder für die Schule stärken können.

KÄNGURU: Erst einmal ganz allgemein gefragt: Welchen Herausforderungen müssen sich Eltern und Kinder bei einer Einschulung generell stellen?

Dr. Katharina Schabram: Die meisten Kinder freuen sich auf die Schule. Es ist ein neuer Lebensabschnitt und ein Schritt zu mehr Selbstständigkeit. Natürlich ist der Tagesablauf in der Schule deutlich strukturierter als in der Kita. Für manche Familien bedeutet das mehr Struktur als vorher. Hinzu kommt, dass die Einschulung auch ein kleiner Abschied ist. Die Kinder verabschieden sich von Freunden und Erziehern, die Eltern verabschieden sich symbolisch vom Kita-Kind. Das Schulkind ist autonomer und begibt sich in eine neue Situation mit großen Veränderungen, die Unsicherheiten mit sich bringen können. Schließlich kennt das Kind die neuen Mitschüler und die Lehrkraft noch nicht. Dieses Jahr gibt es aufgrund der Corona-Krise keine Kennenlern-Nachmittage vor der Einschulung. Das kann die Unsicherheit bei manchen Kindern verstärken.

Wie können Familien mit dieser Unsicherheit umgehen?

Zunächst einmal ist es wichtig, Unsicherheiten und Ängste als normal anzusehen. Die Einschulung ist aufregend und spannend, das muss nicht immer nur mit Freude und Stolz gekoppelt sein. Die Kinder fragen sich natürlich, wie die Mitschüler und die Lehrer sein werden. Es ist erlaubt, wenn ein Kind auch Sorgen diesbezüglich hat und Eltern sollten vermitteln, dass das völlig normal ist. Auf der Seite der Eltern drehen sich die Sorgen häufig darum, ob das Kind mit den neuen Strukturen, den Regeln und den schulischen Inhalten zurechtkommen wird.

Wie können Eltern mit ihren eigenen Sorgen und Unsicherheiten umgehen?

Es ist immer hilfreich, sich mit der eigenen Schulzeit auseinanderzusetzen. Wie hat man seine eigenen Eltern während der Schulzeit erlebt? Was war hilfreich und was nicht? Darüber hinaus sollten Eltern ihrem Kind seine eigenen Erfahrungen zugestehen. Haben Eltern beispielsweise die eigene Schulzeit eher negativ erlebt, sollten sie darauf achten, diese Erfahrungen nicht auf ihr eigenes Kind zu übertragen. Natürlich dürfen Kinder auch mitbekommen, dass Eltern Sorgen haben. Aber es darf nicht zu einer Überforderung kommen. Eltern sollten Zuversicht und Vertrauen ausstrahlen und dem Kind das Gefühl geben, dass sie diesen neuen Schritt gemeinsam meistern werden. Sorgen und Angst sind erlaubt und berechtigt, aber im zweiten Schritt sollten Eltern dem Kind auch beibringen, wie man damit umgeht.

Was sagen Eltern ihrem Kind am besten am Abend vor dem großen Tag?

Da gibt es natürlich kein Patentrezept. Aber grundsätzlich sollten Eltern ihrem Kind vermitteln, dass die Schule ein schöner und sicherer Ort ist. Am Abend vor der Einschulung empfehle ich, nichts Aufregendes oder Neues mehr zu machen. Am besten pflegen Familien ganz in Ruhe die gewohnten Abendrituale. Denn Gewohnheiten und Strukturen geben ein Gefühl von Vorhersehbarkeit, Routine und Vertrautheit.

Wie bereiten Eltern ihr Kind am besten auf die Schule vor?

Eine gute Möglichkeit ist, schon einmal den Schulweg zu üben und frühzeitig den neuen Schlaf-Wach-Rhythmus zu etablieren. Bereits in der Kita gibt es Möglichkeiten, mit dem Kind Selbstständigkeit zu trainieren, zum Beispiel, auf die eigenen Sachen zu achten. Das selbstständige Anziehen ist in Bezug auf den Sportunterricht wichtig. Darüber hinaus können Eltern mit ihrem Kind Strategien entwickeln, mit Misserfolgen umzugehen und ihr Kind schon während der Kita-Zeit dazu ermutigen, Streitigkeiten selbst zu lösen. In der Schule müssen Kinder außerdem lernen, auch mal abzuwarten. Bei 25 Kindern kann eine Lehrkraft nicht immer direkt bei jedem Kind sein.

Was machen Abstandsregeln und Kontaktbeschränkungen mit der kindlichen Psyche?

Das ist schwer vorherzusagen und eine zuverlässige Studienlage gibt es dazu derzeit noch nicht. So eine Situation hat man noch nicht erlebt. Aber es ist davon auszugehen, dass die meisten Kinder damit gut zurechtkommen. Hier kommt der Begriff Resilienz ins Spiel. Kinder sind offen und anpassungsfähig. Wenn Eltern jedoch das Gefühl haben, dass ihr Kind deutlich Ängste entwickelt, die es vorher nicht hatte, sollten sie das gut beobachten und sich bei Bedarf beim Schulpsychologischen Dienst oder bei anderen Beratungsstellen melden. Fest steht auf jeden Fall, dass Kinder Kontakt zu anderen Kindern brauchen. Deshalb sollte auch so viel Normalität wie möglich hergestellt werden.

Können Sie Eltern Tipps für das Homeschooling geben?

Das oberste Ziel sollte sein, gemeinsam gut durch diese Zeit zu kommen. Eltern dürfen nicht den Anspruch haben, die Funktion des Lehrers zu erfüllen. Familien sollten außerdem darauf achten, die Homeschooling-Zeit gut in den Alltag einzubauen. Wo kann das Kind gut lernen? Ist es der Küchentisch oder das eigene Zimmer? Wann kann sich das Kind besonders gut konzentrieren? Das ist in der Regel vormittags und dann nochmal nach dem Mittagessen. Konzentration ist zudem altersabhängig. Kinder der Jahrgangsstufen eins und zwei können sich in der Regel eine viertel Stunde am Stück gut konzentrieren. Daneben ist viel Bewegung an der frischen Luft wichtig. Und für die Motivation sind Lob und Anerkennung bedeutsam. Für den Fall, dass es mit dem Homeschooling nicht gut klappt, sollten Eltern Streit in Bezug auf die Schule vermeiden. Schlechte Stimmung führt nicht dazu, dass es besser klappt.

Wie können Familien den Tag der Einschulung auch ohne Festakt schön gestalten?

Indem sie die Kinder einbinden. Eltern können mit ihren Kindern gemeinsam überlegen, wie sie den Tag gestalten möchten. Denn das, was den Kindern wichtig ist, unterscheidet sich manchmal von dem, was Eltern wichtig ist. Während der Corona-Krise werden Entscheidungen getroffen und Kinder müssen damit zurechtkommen. Sie werden im Moment nicht so häufig gefragt, was sie sich wünschen. Deshalb sollten Kinder ein Mitspracherecht am Tag ihrer Einschulung haben. Schließlich geht es dann ja um sie.

Die Schuleingangsuntersuchungen wurden aufgrund des Corona-Virus abgesagt. Wie wird sichergestellt, dass trotzdem alle Kinder – beispielsweise auch aus sozialen Brennpunkten – einen guten Start in die Schulzeit haben und ihre Schwächen rechtzeitig erkannt und gefördert werden?

Die Schuleingangsuntersuchungen wurden zwar abgesagt, werden aber nachgeholt. Generell kommen Kinder mit sehr unterschiedlichen Entwicklungsverläufen in die Schule. Individuelle Förderung ist da entscheidend. Das ist Aufgabe von Lehrkräften und Teil ihrer Professionalität. Von zentraler Bedeutung ist hier, dass es zu einem guten Übergang zwischen Kita und Schule kommt, dass auf Kinder gut geachtet wird und frühzeitig mit Eltern Kontakt aufgenommen wird. Auch Eltern sollten frühzeitig den Kontakt zu Lehrern suchen, wenn etwas nicht gut klappt oder ihnen Sorgen bereitet.

Wie können Eltern mit Lehrkräften am besten in Kontakt treten?

Elternarbeit in der Schule gestaltet sich natürlich anders als in der Kita. Der Kontakt ist nicht mehr so eng wie in der Kita. Und wenn das Kind nach der Schule in die Übermittagsbetreuung geht, sind da nochmals andere Personen, auf die die Eltern stoßen. Eltern müssen sich also daran gewöhnen, dass der Kontakt nicht mehr so häufig stattfindet. Deshalb sollten sie auf jeden Fall Elternsprechtage und Elternabende nutzen. Wenn sie darüber hinaus etwas beobachten, sollten sie um einen gesonderten Termin bitten und dabei immer im Blick haben, dass auf eine Lehrkraft in der Regel 25 Kinder kommen. Deshalb ist nicht immer sofort ein Termin möglich. Wenn Eltern beobachten, dass etwas nicht so gut klappt, sollten sie gemeinsam mit der Lehrkraft überlegen, wie ihrem Kind ein guter Start in die Schulzeit gelingen kann. Manchmal stellen Lehrkräfte und Eltern auch sehr unterschiedliche Beobachtungen an. In Dialog zu treten, kann in diesem Fall für beide Seiten sehr hilfreich sein.

Welchen Tipp möchten Sie Eltern abschließend noch mit auf den Weg geben?  

Eltern sollten immer die bisherige Entwicklung ihres Kindes betrachten. Lernen beginnt nicht mit der Einschulung. Kinder haben bis dahin in intuitiven Prozessen schon sehr viel gelernt beispielsweise im Bereich Sprache oder Motorik. Sie haben gelernt, sich von den Eltern zu trennen, Freundschaften aufzubauen und zu pflegen. Es ist immer wichtig, die Ressourcen zu betrachten, die ein Kind aufgebaut hat. Wenn der Blick zu sehr auf die Schwächen gerichtet ist, verstellt das manchmal den Blick auf das, was ein Kind bereits geschafft hat. Kinder sind neugierig und wissbegierig. Gepaart mit Selbstvertrauen ermöglicht das einen guten Start in die Schule.

Vielen Dank für das Gespräch.

Dr. Katharina Schabram

Dr. Katharina Schabram ist Diplom-Psychologin und seit über zehn Jahren für den Schulpsychologischen Dienst Köln tätig. Dort ist sie Ansprechpartnerin für Eltern, Schüler und Lehrkräfte und berät bei Fragen und Problemen von der Einschulung bis zum Ende der Schulzeit.

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