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Franziska van Almsick: „Schwimmen lernen ist kein Hobby“

Franziska Graalmann · 08.09.2026

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© Eduardo Hernández/Beluga Communications

© Eduardo Hernández/Beluga Communications

Franziska van Almsick ist ehemalige Weltklasse-Schwimmerin und setzt sich seit Jahren mit ihrer eigenen Stiftung dafür ein, dass Kinder in Deutschland sicher schwimmen lernen. Im Gespräch mit KÄNGURU-Verlegerin Franziska Graalmann am Rande einer Schwimmstunde der Desjoyaux Pool-School in Langenfeld erklärt sie, warum sie das Thema nicht als Sport-, sondern als Gesellschaftsfrage begreift – und warum sie findet, dass Schwimmfähigkeit ein Grundrecht für alle Kinder sein sollte.

KÄNGURU: Frau van Almsick, warum ist Schwimmfertigkeit so wichtig?

Franziska van Almsick: Schwimmen ist Gesundheitssport Nummer eins. Aber ich spreche nicht als ehemalige Athletin, ich suche nicht den nächsten Olympiasieger. Es geht mir darum, dass Schwimmen eine Bewegungsförderung ist – und am Ende des Tages einfach lebensnotwendig. Wer nicht schwimmen kann, kann potenziell ertrinken. Es gibt eine hohe Dunkelziffer an Erwachsenen, die es nicht können. Die schlagen sich irgendwie durch, aber irgendwann kommt der Moment, in dem es peinlich wird: Es ist heiß, alle wollen ins Wasser, die flachen Stellen werden knapp, man geht tiefer und tieferŽ – und kann eigentlich gar nicht schwimmen. In Zeiten, in denen wir zum Mond fliegen, sollten wir in der Lage sein, unseren Kindern das zu ermöglichen, was wir Erwachsene vielleicht nicht geschafft haben. Das sollten wir jetzt für die Zukunft hinkriegen. Ich finde, das ist ein Kindergrundrecht. Man sollte dafür demonstrieren.

Ist es oft auch eine Frage dessen, was in der Familie vorgelebt wird?

Absolut. Es gibt viele Eltern, die sich der Situation gar nicht bewusst sind und die Verantwortung woanders suchen – bei der Schule, beim Kindergarten. Mein Appell an die Eltern: Informiert euch rechtzeitig. Wenn ich mich kümmere, wenn mein Kind fünf ist, und es gibt Wartelisten, dann verkrafte ich vielleicht, dass das Kind dann mit sieben irgendwie anfängt zu schwimmen. Aber es fängt dann wenigstens im Alter von sieben Jahren an. Aber wenn ich erst schreie, ich brauche jetzt einen Schwimmkurs, wenn das Kind acht Jahre alt ist, dann lebt man kreuzgefährlich, weil das Wasser immer näherkommt.


Franziska van Almisck und KÄNGURU-Verlegerin Franziska Graalmann © Eduardo Hernández/Beluga Communications

Was können Eltern schon zu Hause tun, in Badewanne oder Dusche?

Ganz wichtig: In der Nähe von Wasser ist man als Elternteil immer wachsam. Da gibt es keine Ausnahmen und kein Pardon. Mein eigener Sohn ist mal schnurstracks Richtung Pool gelaufen, hat einen großen Schritt gemacht und ist untergegangen – ich bin mit kompletter Montur hinterhergesprungen. Wenn Wasser in der Nähe ist, sollte man nicht am Handy sein oder mit Freunden quatschen und denken, der Pool ist ja 30 Meter weiter weg.

Zu Hause kann man die Angst vorm Wasser nehmen: Kopf unter die Dusche, Haare waschen, Wassergewöhnung schon mit drei, vier Jahren. Und dann rechtzeitig informieren, wo es Schwimmkurse gibt.

Was bedeutet es, ein Abzeichen zu haben?

Das Seepferdchen ist der Anfang und nicht das Ziel. Viele Eltern denken, mein Kind kann schwimmen, weil es das Seepferdchen hat. Aber dafür muss man nur 25 Meter über Wasser bleiben, vom Beckenrand springen und ein bisschen tauchen. Besser schützt das bronzene Freischwimmer-Abzeichen, für das 200 Meter geschwommen werden müssen.

Wir hatten in ganz Deutschland allein im Juni dieses Jahres mehr als 100œœ Ertrinkungsopfer – fast die Hälfte davon junge Männer, die sich vielleicht selbst überschätzt haben. Wir wissen in diesen Fällen nicht, wer ein Abzeichen hatte. Das ist so bitter. Schwimmen lernen ist kein Hobby, das ist eine Pflicht. Überlebensnotwendig. Viele wollen meines Erachtens schwimmen lernen, auch die Eltern wollen, die Kinder wollen. Wir müssen die Möglichkeiten schaffen.

Kann jedes Kind schwimmen lernen?

Ja. Ich glaube, nicht jedes Kind will – aber jedes Kind muss. Es gibt Fälle, die schwer zu knacken sind, und mit unserer Stiftung haben wir spezielle Programme für Kinder mit geistiger und körperlicher Behinderung. Alle Kinder haben das Recht, schwimmen zu lernen.


© Eduardo Hernández/Beluga Communications

Bewegen sich Kinder und Jugendliche in der Schule genug?

Hier sollten wir unsere Systeme dringend weiterentwickeln. Wir brauchen mehr Schulsport, wir sollten auch dem Sport die Wichtigkeit geben. Ich kann nur gut in Mathe und Deutsch sein, wenn ich mich vorher bewegt habe. Es gibt viele Studien, die aufzeigen, dass wenn man zwischen einer Deutschund einer Mathestunde einfach mal drei Runden über den Schulhof flitzt an der frischen Luft, dass man wieder aufnahmefähig und nicht so hibbelig ist, dass man nicht so viel redet, sondern viel besser lernen kann. Wenn man sich mehr bewegt, kann man klarer denken.

Sind die Anforderungen zu hoch? Die Schulkinder von heute sind die Studierenden von morgen. Nicht alle schaffen die Schwimmprüfung der Deutschen Sporthochschule.

In der Grundschule sollte eine Schwimmart sicher beherrscht werden – Brust, Kraul oder Rücken. In der weiterführenden Schule ist es dann auch nicht mehr durch gängig: mein Sohn, siebte Klasse, hatte in der sechsten noch mal ein halbes Jahr Schwimmen, dann kommt es erst wieder im Abitur, wenn man Sport wählt. Und dann müssen genau diese Absolventen an die Uni und den Test bestehen.

Ich würde aber nicht an den Testanforderungen schrauben. Diese sind nicht gestiegen, um zu ärgern – wir werden schwächer, weil wir lieber eine Stunde Social Media konsumieren und eine halbe Stunde ins Fitnessstudio gehen, wo wir uns dann auch noch selbst filmen. Nicht die Anforderungen müssen sich ändern, wir müssen uns ändern. Bevor ich an den Schrauben drehen würde, würde ich immer sagen: Was kann ich besser machen? Ich muss mehr Zeit finden, damit ich den Test bestehe und damit ich drei Bahnen schwimmen kann in der vorgegebenen Zeit.

Das klingt nach einer grundsätzlichen Haltung, die Sie auch privat vertreten.

Ja, das sage ich auch meinem Sohn: Du kannst dich über die Lehrkraft aufregen, aber der Einzige, der etwas ändern kann, bist du. Bevor du dich über alles andere aufregst, sieh hin, was du selbst verändern kannst. Wenn du dann sagst, Mama, ich habe wirklich alles gemacht – dann können wir gucken, was bei den anderen nicht in Ordnung ist. Aber erst bei uns selbst anfangen. Das haben wir, glaube ich, ein Stück weit verlernt.


© Eduardo Hernández/Beluga Communications

Was raten Sie allen, die am Wasser unterwegs sind?

Lasst uns alle ein bisschen Bademeister sein. Nicht nur engstirnig aufs eigene Badehandtuch oder die eigenen Kinder gucken, sondern die Umgebung bewusster wahrnehmen. Wenn jeder auch einen kleinen Winkel für andere im Blick hat, passieren weniger Unfälle. Wenn jeder nur sich selbst im Blick hat, geht zwischendurch jemand still und leise unter, und man merkt es gar nicht. Das ist fast sinnbildlich für die ganze Gesellschaft: Viele haben es einfach nicht auf dem Schirm, nicht aus böser Absicht. Man muss sie nur mal antippen und sagen: Guck doch einfach mal ein bisschen weiter.

Vielen Dank für dieses Gespräch, Frau van Almsick. Wir wünschen Ihnen weiterhin viel Erfolg für Ihre Stiftungsarbeit und Ihr bundesweites Engagement für den Schwimmsport.

Die Desjoyaux Pool-School

Immer weniger Kinder können sicher schwimmen. Jedes fünfte Kind lernt es gar nicht erst. Die Desjoyaux PoolSchool wurde ŸœŸ2004 ins Leben gerufen, um diesem alarmierenden Trend aktiv entgegenzuwirken.

Seit ŸœŸ2025 unterstützt Franziska van Almsick die Desjoyaux PoolSchool als Schirmherrin, als Mutter und als Stimme für mehr Schwimmsicherheit. Die mehrfache SchwimmWeltund Europameisterin prägte über Jahre hinweg die internationale Schwimmszene und verbindet bis heute ihre Leidenschaft für den Schwimmsport mit einem starken gesellschaftlichen Engagement.

An 13› Standorten in ganz Deutschland werden die AusstellungsPools des Herstellers Desjoyaux genutzt, um Kindern unter professioneller Anleitung die Grundlagen des Schwimmens beizubringen – bis hin zum Seepferdchen.

www.desjoyaux.de/pool-school