Ausflug

„Die Schöpfung: Am Anfang ..."

Rebecca Ramlow · 26.02.2019

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Volker Hein und Katharina Hoffmann  in „Die Schöpfung: Am Anfang ..." im Horizont-Theater / Foto: Rebecca Ramlow

Volker Hein und Katharina Hoffmann in „Die Schöpfung: Am Anfang ..." im Horizont-Theater / Foto: Rebecca Ramlow

„Schöpfung“ klingt ein bisschen nach Bibelkurs mit Wollstrümpfen. Irgendwie altbacken und nicht zeitgemäß. Dass dem nicht so sein muss, beweist das neue Stück im Horizont-Theater. Hier wird ein komplexes Thema kindgerecht und gleichzeitig voller Witz auf die Bühne gebracht.

Viele kennen die Schöpfung allenfalls aus der Bibel oder aus religiösen Kontexten. Das letzte Mal, das ich mich mit der Entstehung der Welt befasste, ist Ewigkeiten her. Eigentlich bin ich Agnostiker und Verfechter des Urknalls. Was jedoch Astrophysik und Gläubige eint, ist der Glaube, dass am Anfang nichts war. Nun sitzen ich und mein Sohn aufgeregt im Horizont-Theater und warten – auf was? Auf Gott? Das Nichts? Auf Godot?

Kill your Darlings

Es ist dunkel. Gott sei Dank lässt das Stück von Anfang an Fragen offen, wie beispielsweise: Wer ist die geheimnisvolle Cello-Spielerin (Katharina Hoffmann), die Haydns „Schöpfung“ spielt? Ist das Eva? Und der Wackelkandidat (Volker Hein) daneben? Einem Urknall gleich purzelt der Schauspieler und Regisseur nun von einem winzigen Stühlchen auf die spärlich dekorierte, ein wenig an Becketts Existenzialismus erinnernde Bühne und stottert: „Du musst das Licht ausmachen und selbst nicht da sein, und dann sogar noch die Dunkelheit vergessen. Nichts ist am Anfang. Nicht mal deine Mutter.“ Einige Kinder lachen. Doch den gesamten Krimskrams aus seinem persönlichen Umfeld gehen zu lassen, ist gar nicht leicht, stellen sowohl Kinder als auch Erwachsene fest. Wie viele Dinge haben wir angehäuft, die wir als gegeben hinnehmen? Und: Wie um Himmels Willen denkt man sich selbst weg?

Chillender Gott und Wellensittiche

Fortan folgt ein ironisches Zwie-Gespräch zwischen Hein und Gott, dessen Stimme von der Decke schallt. Alles dreht sich um nichts. Pausen zwingen zum Nachdenken. Dieses Stück ist keine Berauschung. Hier muss man sich konzentrieren. Doch wie visualisiert man etwas für Kinder, das nicht existiert? Indem man es mit Pflanzen, Tieren und skurrilen Wellensittichen füllt. Doch dieser Gott ist anders als der in der verstaubten Bibel von einst, lacht er doch über den Fragensteller. Irgendwie moderner. Wie eine Art Facebook-Gott bewegt er seinen Daumen rauf oder runter, wenn ihm etwas ge- oder missfällt. Am Ende chillt und schnarcht der Schöpfer sogar ob der Erschöpfung – zur Erheiterung des Publikums.

Komplex und kindgerecht

Die Schöpfungsgeschichte von und mit Volker Hein, die auf dem Kinderbuch „Am Anfang“ des belgischen Autors Bart Moeyaert basiert, ist philosophisches Theater mit Humor. Und, obwohl das Thema knifflig ist, gelingt es, jenes auf Augenhöhe mit Kindern zu inszenieren. Ohne zu bekehren. Ungleich Gott ist keiner der jungen Besucher am Ende eingeschlafen und schnarcht laut. Wer mal in sich gehen, das Licht ausschalten und alles, was er kennt und hat, eliminieren möchte, sollte sich diese etwas andere Schöpfungsgeschichte ansehen. Ob als Glaubender oder als Vertreter des Knalls. Zum allerersten Mal hat mein Sohn an diesem Abend aufgeräumt. Glaube versetzt offenbar tatsächlich Berge.

Horizont Theater
Thürmchenswall 25
50668 Köln
Tel. 0221 - 13 16 04

Weitere Vorstellungen:
9., 10., 23., 24. und 27. März
6., 7. und 10. April.

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