Teenager

Psychische Erkrankungen: Selbsthilfe

Ursula Katthöfer · 14.10.2019

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Wer eine stationäre Therapie abschließt, ist meist noch nicht gesund. Deshalb wird die Therapie in der Regel ambulant fortgeführt. Große Unterstützung bieten Selbsthilfegruppen.

Marie (19) war schon immer sehr schüchtern, Lebensfreude spürte sie kaum. Doch ihre sozialen Ängste wurden ihr erst in Zusammenhang mit einer Essstörung bewusst. Lisa (24) wurde von ihrem Vater schon als Sechsjährige zur Therapie geschickt. Später folgten Depressionen und eine akute Belastungsstörung, die sich durch Zittern, Atemnot, Weinen und Panikattacken äußerte. Anna (17) hingegen dachte trotz ihrer Depression an keinem Punkt, dass etwas nicht stimmen könnte.

Die drei gehören zu einer Selbsthilfegruppe, die sich jeden Sonntagabend in einem Bonner Seminarraum trifft. Sieben junge Frauen, von denen jede auf eine andere Geschichte zurückblickt. „Wir waren zeitgleich in der Tagesklinik für junge Erwachsene des Universitätsklinikums Bonn. Wir wissen mehr voneinander, als jeder andere“, sagt Annika (27), die Älteste der Gruppe. „Zum Ende der Therapie war uns klar, dass wir diese Gruppe nicht auseinandergehen lassen können.“

Sanft aufgenommen, immer angenommen

Alle sind 2018 über mehrere Wochen zur Tagesklinik gependelt. „Es roch dort nie nach Krankenhaus“, sagt Lisa. „Der Kaffee stand immer bereit, als würden wir nach Hause kommen.“ Sie seien sanft aufgenommen worden und hätten sich in jeder Situation angenommen gefühlt.

Einige von ihnen hatten bereits andere Erfahrungen gemacht. Annika erzählt von einer früheren Therapie in einer Klinik, in der die Patienten zwischen 18 und 64 Jahre alt waren: „Da sitzt man neben einer Frau, die gerade eine Scheidung durchmacht, und fragt sich, was will die denn?“ Von gleichaltrigen hingegen fühlen sie sich verstanden.

Über die Rolle ihrer Eltern als Ursache für ihre Erkrankung denken die jungen Frauen unterschiedlich: „Meine Eltern sind zu 100 Prozent schuldig“, sagt Annika. „Sie haben sich früh getrennt. Meine Mutter ist selbst psychisch krank, wir hatten zuhause ständig Krisensituationen. Doch sie hat sich immer geweigert, Hilfe anzunehmen.“ Lisa hat eine andere Botschaft: „Unsere Eltern sind nicht Schuld. Aber in ihrer Verantwortung als Eltern müssen sie sich eingestehen, dass sie Hilfe holen müssen. Es gibt genug Beratungsmöglichkeiten.“

Die Gruppe ist wie ein Anker

Seit ihrer Entlassung im vergangenen Jahr treffen die jungen Frauen sich einmal in der Woche. Der Schritt zurück in die Alltagswelt war für einige hart. „Ich konnte die Entlassung nur sehr schwer akzeptieren“, sagt Marie. „Ich musste zurück in die Schule, in eine neue Stufe. Ich hätte gern eine langsame Wiedereingliederung gehabt, doch das machte die Schule nicht mit. Das war Stress, es ging mir sehr schnell wieder recht schlecht.“ Annika war wegen ihres Jobs umgezogen. Für sie war es sehr schwierig, einen ambulanten Therapeuten in der neuen Stadt zu finden.

Für Anna ist die Selbsthilfegruppe zu einer festen Konstante in ihrem Leben geworden. Sie freut sich auf den Sonntagabend: „Ich fühle mich gebraucht. Wir unterstützen uns, es ist ein Geben und Nehmen. Ganz anders als bei meiner ambulanten Therapeutin. Dort rede ich und sie kriegt Geld dafür. Da fühle ich mich nicht gebraucht.“

Auch für Marie ist die Gruppe wie ein Anker: „Wenn jemand in seinen Denkmustern festgefahren ist, sind die anderen sehr bemüht, positive Perspektiven zu zeigen. Sie versuchen, einen nicht noch mehr in die Abwärtsspirale rutschen zu lassen.“ Lisa formuliert es im Sinne der Gemeinschaft: „Es geht hier nicht um Lösungen. Doch wir alle wissen: Wir sind nicht allein.“

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