Teenager

„Jetzt chill ich erst mal und dann mach ich nichts“

Claudia Berlinger · 30.09.2019

zurück zur Übersicht
© Julia Sterthoff

© Julia Sterthoff

Olga Rogler ist siebzehn und hat gerade ihr Abi gemacht. An sich ja eine tolle Sache, wäre da nicht die überaus nervige Angewohnheit sämtlicher Erwachsener im Umkreis von 100 Kilometern, täglich dieselbe Frage zu stellen: „Und? Was machst du jetzt?“

Ihre Antwort formulierte sie auf 188 Seiten, die in einer Buchveröffentlichung mündeten. „Jetzt chill ich erst mal und dann mach ich nichts“ ist allen Eltern zu empfehlen, die ob des gesteigerten Chillbedarfs ihrer Sprösslinge nach dem Abi regelmäßig Schnappatmung kriegen.

Unsere Autorin Claudia Berlinger sprach mit Olga und durfte erfahren, dass aus anfänglicher Planlosigkeit viel Gutes entstehen kann.

KÄNGURUplus: Wie kam es zu dem Entschluss im Alter von 17 Jahren ein Buch zu schreiben?

Olga Rogler: Es war schon immer mein Traum, irgendwann ein Buch zu schreiben. Das Thema Geschichten erzählen ist in meiner Familie sehr verbreitet. Es gibt Lektoren und Journalisten. Als Kind sagte ich abends oft „Jetzt mach ich mir noch eine Geschichte“. Das habe ich dann gemacht, bis ich eingeschlafen bin. Ich könnte mir gut vorstellen, noch mehr Bücher zu schreiben.

Was hat dich in der Zeit nach dem Abitur am meisten gestresst?

Der Erwartungsdruck, der von allen Seiten kam. Ob es die Familie oder der Nachbar drei Häuser weiter war, ich hatte das Gefühl, ich müsste etwas ganz Besonderes machen. Der Druck macht es nicht leichter, den eigenen Weg zu finden. Ich mache gerne Pläne, beschäftige mich aber genauso gerne damit, sie zu verwerfen.

Du studierst Islamwissenschaft und Germanistik. Wie kam es zu dieser Studienwahl?

Ich bin im 2. Semester. Ich hatte in den letzten Jahren durch meine Brüder, zwei Flüchtlinge, die mein Vater und seine Frau aufgenommen haben, viel Kontakt mit dieser Kultur. Die Fächerwahl passt zu mir. Aber ich habe begonnen, weil ich wusste, ich muss. Zu Beginn hatte ich gar keine Vorstellungen, was ich mit dem Studium später machen kann. Inzwischen sehe ich viele Möglichkeiten zu arbeiten, im Bereich Soziale Arbeit, als Übersetzerin oder für die Polizei.

Was magst du an deinem Studium?

Ich liebe es, in diese Kulturkreise einzutauchen. 50 Prozent des Studiums ist dem Sprachenlernen gewidmet. Im Verlauf des Studiums lernen wir Arabisch, Persisch und Türkisch. Französisch oder Spanisch hätten mich jetzt nicht gereizt.

Dein Buch beleuchtet dein Jahr nach dem Abitur. Du beschäftigst dich mit philosophischen Fragen, schlägst dich aber auch mit ganz praktischen Themen wie den ersten WG- und Joberfahrungen in einer fremden Stadt herum. Auf welche Lektionen des Lebens bereitet die Schule nicht vor?

Die Bürokratie in Deutschland! Ich habe oft gedacht „Hilfe, was sind das für Formulare?“ Wie beantrage ich Kindergeld, wie funktioniert das mit dem Ummelden, wenn man woanders hinzieht? Ich finde, die Schule sollte Zeit bieten, sich zu überlegen, was du nach der Schule machen möchtest. Zumindest im letzten Schuljahr müssten hierfür Stunden zur Verfügung stehen. Da verändert sich ja noch ganz vieles.

Welchen Vorschlag hättest du?

In der 10. Klasse hatten wir Berufsorientierungstage, da kamen dann Leute aus der Gastronomie, aus dem Handel und ein Professor. In der Oberstufe hatte ich einen Tag in der Woche bis 18 Uhr Schule und viel freie Zeit verbringst du mit Lernen für das Abitur. Dann hast du das Zeugnis in der Hand und sollst sofort wissen, was danach kommt. Aber wie man überhaupt finden kann, was einen interessiert, war nie Thema. Hier wäre Unterstützung sinnvoll, ein Programm für das Jahr nach dem Abi zum Beispiel.

Da kommen ja dann gerne die Eltern mit ihren Ratschlägen ins Spiel.

Meine Eltern kamen oft mit Vorschlägen. Aber was die mir vorgegeben haben, wollte ich aus Prinzip nicht machen. Bei Freunden war das zum Teil ganz anders. Eltern kennen einen ja am besten. Und ein paar meiner Freundinnen studieren jetzt genau das, was ihre Eltern vorgeschlagen haben. Ich habe mit dem Schreiben meines Buches auch herausgefunden, von wem ich mir Rat gefallen lasse und von wem nicht.

Was wären deine drei Wünsche an die gute Fee?

Weniger Druck, mehr Unterstützung und die Möglichkeit viel zu reisen. Wenn der Krieg vorbei ist, würde ich gern nach Syrien reisen.

In deinem Buch beschreibst du deine Reise durch Irland. Was hat dich in dieser Zeit am meisten bewegt?

Ich war vorher noch nie alleine auf Reisen. Ich fand es schön, das Land für mich allein zu entdecken, ohne Familie oder Freundinnen. Dadurch, dass ich gezwungen war, mit fremden Menschen zu reden, habe ich nette Leute kennen gelernt, die es genossen haben, auf Reisen zu sein. Obwohl Englisch nie mein Lieblingsfach war, bin ich im Nachhinein dankbar, dass Englisch so lange im Lehrplan stand und für unsere tolle Lehrerin, die auch die nicht Motivierten mit durchgezogen hat.

Für wen hast du dein Buch geschrieben und was können die Leser von dir lernen?

Für die Abiturienten. Da ist meine Message: „Lasst euch nicht zu sehr stressen.“ Und mein Appell an die Eltern lautet: „Vertraut euren Kindern, dass sie einen guten Weg finden werden.“ Klar, brauchen wir ihre Unterstützung. Aber zu viele Fragen und Kontrolle können ganz schön nerven! Wir machen das ja alles zum ersten Mal. Kein Plan ist auch ein Plan und manchmal nicht der Schlechteste.

Vielen Dank für das Gespräch.

Dieser Text ist erschienen im KÄNGURUplus Herbst/Winter 2019.